Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 132 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1S2 Sprerhsacrl. Geehrter Herr Redakteur! Nummer 1 dieser geschätzten Zeitschrift, Seite 9. weist Herr Professor Geiger ans einen italienisch-jüdischen Literaten hin, der von Meyer aus Bramstedt zur Einführung bei Wieland empfohlen wurde. Professor Geiger will diesen Literaten mit Samuel Romanelli identifizieren. Bestimmte Gründe sind dafür nicht auffindbar, und am allerwenigsten würde ich einem Spezialisten auf diesem Gebiete, wie Professor Geiger, einen Rat geben können. Ich möchte aber bei dieser Gelegenheit aus einen anderen italienischen jüdischen Literaten Hinweisen, der meines Wissens in jüdischen Quellen nicht genannt ist. I o sef Le onin i, geboren in Toskana 1767, wird in Goedekes Grundriß. VII, 746 als Uebersetzer genannt. Nach derselben Quelle war er Lehrer der italienischen Sprache am Kadettenkorps in Berlin; nach Angabe des Titelblattes eines von ihm 1794 in Berlin veröffentlichten spanischen Lustspiels ..Kl Dolimjiwnto Ilourado" war er Lehrer der Prinzessin Augusta und am Gymnasium zu Berlin. Die Londoner Zeitschrift keisuie Ilour". August 1886, widmete ihm einen Essay, den ich für meinen Artikel „Azulai" in l6>vi'8Ü kue.vclopodikl. Band 2, verwertet habe. Demnach wäre Leonini, der ein Sohn von Raphael Jesaiah Azulai, Rabbiner von Ancona, und ein Enkel des berühmten Bibliographen Chajim Josef David war, aber den Namen seiner Mutter angenommen hatte, ursprünglich mit der Absicht nach Prag gegangen, um dort Medizin zu studieren; seiner Habe beraubt, mußte er sich als Sprachlehrer in Berlin fortbringen. Spater ging er nach London, heiratete dort Bella Friedländer, eine Kusine des Oberrabbiners Salomon Herschel, und starb am 17. Juli 1830. Seinen Sohn Jomtob Londy Azulai, der in London 1898 starb, habe ich daselbst 1896 gesehen, aber leider nicht sprechen können. Die erwähnten Mitteilungen verdanke ich der Güte des Herrn Leon Azulay, Sohnes des genannten Iomtob. Josef Leonini könnte der Zeit nach sehr wohl der von Herrn Professor Geiger gesuchte Uebersetzer sein. Die von Goedeke gegebenen Quellennachweise, denen ich hier nicht nachgehen kann, mögen weitere Daten enthalten; aus alle Fälle ist Josef Leonini eine interessante Persönlichkeit, über die es sich lohnte, näheres zu erfahren. Ergebenst Cincinnati, O., 28. Januar. G. Deutsch. 4 Sehr geehrter Herr Redakteur! ^^>estatten Sie mir freuudlichst, Ihre und Ihrer Leser Ausmerksamkeit auf den Artikel „Babel, Bibel und Offenbarung, Glaube" zu lenken, der Ihrer Beachtung vielleicht entgangen sein dürste, da er in der wenig verbreiteten, antisemitisch angehauchten Tageszeitung „Deutsche Warte" erschienen ist. Wenn in dem heißen Kampfe, der gegen die Hypothesen des Professor Delitzsch entbrannt ist, gerade der Nachweis am meisten frappiert, daß die wissenschaftliche Forschung und das Suchen nach Wahrheit nicht immer dasselbe ist, sobald es sich nämlich um daS Judentr"u und seine Geschichte handelt, so verliert man geradezu die Sprache, wenn man gewahr wird, wie auch die Gegner Delitzsch' und Verfechter der Bibeloffenbarung die Tatsachen umgehen, wie die Katze den Brei, wenn es sich darum handelt, gegenüber dem Judentum offen Farbe bekennen zu müssen. Der Zeitungsartikel, der mich so staunen machte, erschien in der Montagsnummer der „Deutschen Warte" vom 26. Januar d. I., hat einen Herrn W. Born sen., Ingenieur, zum Verfasser. Es lohnt nicht der Mühe, den Artikel ganz abzudrucken. Nur hervorheben möchte ich, daß der Verfasser an drei Stellen von Moses, als dem „großen Aegypter", spricht, der er „tatsächlich gewesen ist". Was soll man dazu sagen, wenn man liest, mit welcher Geflissentlichkeit und Unermüdlichkeit Moses immer wieder als „der große Aegypter" apostrophiert und wenn er schließlich gar als ein gänzlich „unbekannter Mann" hingestellt wird, während doch allenfalls nur bewiesen werden soll, daß Moses der christlichen Theologie und vor allem dem Gelehrten, Professor Delitzsch, fremd ist? Das Judentum und seine Geschichte werden einfach ausgeschaltet; sie existieren für den eigenartigen Verfechter des Alten Testaments garnicht. Da muß mau wirklich fragen — anstatt: „Was ist Wahrheit" — in der bekannten Vexirform: „Wo ist die Wahrheit?" — Aber noch eine andere Frage drängt sich dem Leser jenes Aufsatzes unwillkürlich auf: Wenn Moses als großer Aegypter anzusehen ist, weil er seine Erziehung in Aegypten genossen hat, warum will man uns deutschen Juden das Deutschtum absprechen, trotzdem unsere Väter, Großväter und Urgroßväter in Deutschland geboren und erzogen worden sind? Wo ist die Wahrheit! Ihr sehr ergebener Berlin, 28. Januar. Wilhelm Goldstein. Sehr geehrter Herr Redakteur! Än einer der letzten Nummern Ihres gesch. Blattes führt Herr Professor Dr. G. Deutsch, Cincinnati, ein Zenfurstückchen an und schreibt wörtlich: „In der Wilnaer Ausgabe des ^Ilasi 1862 sagt Mordechai ben Hillel, Uosll-Xatau, kerek 1. H 843, daß die alten Rabbinen die Hochzeit von zwei Geschwistern an einem Tage nicht gestatten mochten, um ein Freudenfest durch das andere nicht zu beeinträchtigen. Er fährt dann fort, selbst bei Götzendienern waren unsere Vorfahren aegei, eine solche Feier <2'3312 Merkwürdig! Wie konnten die alten Rabbinen ein Gesetz erlassen, welches die Hochzeit zweier Geschwister an einem Tage den Heiden verbietet? Die Sache löst sich einfach dadurch, daß man statt „Götzendiener" 2^22 ließt, und der Sinn ist: Nicht nur sollen zwei Geschwister nicht an einem Tage heiraten, sondern überhaupt sollen zwei Hochzeiten auch von Nichtverwandten 2^22 nicht an einem Tage stattfinden. Der Zensor rc. machte gewohnheitsmäßig auch aus diesen „Noelirim" Götzendiener." Für die Nichtigkeit dieser Auslegung dient nach Ansicht des Herrn Prof. Dr. Deutsch die Tatsache, daß in älteren Ausgaben 2^222 ", in einer, im Besitze des Herrn Richter Sulzberger befindlichen Handschrift des Mordechai O'-sNtt 1'N O'->32 heißt. Gegen diese Auslegung erlaube ich mir folgendes einzuwenden: 1. Es wäre völlig neu, in Bibel. Talmud oder in nachtalmudischen Schriften den Ausdruck „7<oe1ii-iiu" 2^22 als Gegensatz zu 2^21^1^ Verwandten, oder gar zu Geschwistern zu finden. 2. Der Ausspruch mußte dann lauten -2^222 1^28 2^N721'N oder V'ZVrriN l'.l; s° aber hat derselbe gar keinen logischen Zusammenhang. 3. Wie durften und konnten die Alten so weit gehen, die Hochzeiten zweier fremden Personen an einem und demselben fTage zu verbieten? Wäre es auch ausführbar? — Bei aller Hochachtung vor der Gelehrsamkeit und dem Scharfsinn des Herrn Prof. Dr. Deutsch bin ich der Meinung, daß der Wilnaer Zensor diesmal Recht behalten müsse, wenn er diese Stelle nachdem einsachen Wortsinne verstanden hatte, nämlich daß selbst die früheren „Ncxüu'irn" sich gescheut haben, die Hochzeit zweier Geschwister an einem Tage zu feiern. Es wird hier nur eine geschichtliche Tatsache registriert, daß selbst unter den ersten Christen, oder wie der eifrige Zensor verbessert, auch unter den Götzendienern diese Scheu bestand. Hochachtungsvoll Moritz Goldberg. Emmen dingen in Baden, 18. Januar. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^L ierdurch gestatte ich mir, auf eine Tatsache hinzuweisen, die in den Erörterungen über den Vortrag des Herrn Professor Delitzsch nicht genügend beachtet wurde. Der so wenig rühmliche Untergang des babylonischen Volkes beweist seine Unfähigkeit, Träger der Religion und der Sittlichkeit zu sein. Dies Volk hat nicht wie Israel nach Zerstörung seiner Stadi ein heiliges Buch in die Verbannung hinübergerettet und ans seinen! Inhalt Trost geschöpft durch Jahrhunderte voll Unterdrückung und unsäglicher Leiden. Die Babylonier sind untergetaucht in dem Strom der Eroberer, der über ihr Reich hinwegbrauste, und die gegenwärtige! Bewohner jenes Landes sind in Stumpssinn oder Fanatismus ver funken. Dagegen konnte sich Israel, als Freiheit und Menschenrecht frohe Gewißheit wurden, auch an weltlicher Bildung mit .seiner Urm gebung messen. Wenn je, so ist hier das Wort: „Der Lebende hal recht," in seiner tiefsten Bedeutung berechtigt. Berlin, 30. Januar. Hochachtungsvoll Gertrud Wolfs. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.