Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Noch interessanter beinahe war der wollköpfige Junge im Lesezimmer, wo zahlreiche Zeitungen in verschiedenen Sprachen auflagen. Bald lag er über das Riesenblatt „Times" ausgestreckt und verfolgte mit sichtbarer intensiver Spannung die Telegramm-Bulletins über den Gesundheitszustand König Eduards VII. Bald war er in die Lektüre der „Kölnischen" vertieft, in welcher ihn die Aachener Kaiserrede höchlichst zu interessieren schien. Dann kam der „Figaro" und daS „Journal de Genäve" an die Reihe, in welchen er (wie er mir vertraulich gestand) höchst interessante Details über die Millionenschwindlerin Frau Humbert fand. Dann folgten „Corriere della Sera", die portugiesischen und spanischen Blätter „Novidades", „la Nazione", „Diario dos Azores", „Diario Jllustrado" und noch viele andere. Bei allem dem, trotz aller dieser für ein Kind in so zartem Alter erstaunlichen Leistungen und geradezu wunderbarem Verständnis des Gelesenen, hatte der Knirps durchaus nichts Altkluges an sich, welches oft bei gar zu früh geistig entwickelten Kindern so peinlich berührt. Im Gegenteil zeigte er sich als Kind unter Kindern. Nachdem er seine Partie Schach gespielt, seine Tagesblätter gelesen, mit verschiedenen Erwachsenen in sechs Sprachen seine Ansichten über Wetter, Politik und dergleichen ausgetauscht, begann dasselbe Treiben auf den Wiesen und Spielplätzen mit Altersgenossen, Croqnet, Lawn- Tennis, Ballspiel, Schaukeln, tolles Rennen bergauf bergab. Und man sah nur die nackten Beinchen des phänomenalen Kindes hier und da aufleuchten, bald vom Abhang herabrollend, bald einen Baum erkletternd, bald die edle Kunst des „Boxens" übend und seine Gegner zu Boden schlagend, sich mit denselben zu einem unentwirrbaren Knäul znsammengeballt, lustig lachend im Grase wälzen, wobei die wunderbaren, marmortiefen, dunklen, Geist und Leben sprühenden Augen des Kindes in ungeheucheltem und frischem Born in jugendlicher Lebenslust, übersprudelnder Lebensfreudigkeit (Is zoie cke vivre) hochausleuchteten. Aus Obengesagtem werden Sie leicht ersehen, in welch hohem Grade mich dieses Wunderkind interessierte, in welchem so frappante Gegensätze und so hervorragende Begabungen auf so unbestimmte Weise zum Vorschein kamen, sich auf so prägnante Weise manifestierten. Obgleich der Junge, wie bereits oben erwähnt, körperlich nichts spezifisch Semitisches hatte, so schien es mir dessenungeachtet, daß diese außerordentliche Vielseitigkeit und Frühreife etwas Jüdisches an sich habe, mindestens ans jüdische Abstammung hindeutete. Von Wissensdurst und einer leicht verzeihlichen Neugier geplagt, beschloß ich, wie man zu sagen pflegt, „den Stier bei den Hörnern" zu lassen und den Knaben direkt zu befragen. Und als er eines Tages in der Galerie dahinschlenderte, die Hände resolut in die Taschen seiner Kniehosen gesteckt, und ich mit ihm eine Unterhaltung m englischer Sprache anknüpfte, fragte ich ihn plötzlich: „Sag mir, mein Junge, zu welcher Nationalität gehörst Du denn eigentlich, zu welcher Religion bekennst Du Dich?" Ohne durch diese seltsame und so plötzlich an ihn gerichtete Frage außer Fassung gesetzt zu werden, erwiderte das Kind mit Applomb und sichtlich in stolzem Selbstbewußtsein am a (Ich bin Jude!) Wenngleich ich, wie oben erwähnt, diese Antwort sozusagen geahnt, ja sogar erwartet hatte, so muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich dennoch durch dieselbe überrascht wurde, besonders durch den Freimut, mit dem er diese Worte ,,.I am a «lsrv" aussprach und sie nachdrücklich betonte mit einem gewissen unverkennbaren Stolz, als hätte er gesagt: „Ich bin der Herzog v. Montmoreney". Bei uns sind wir an ein derartiges unumwundenes und offenherziges Glaubensbekenntnis nicht bloß seitens Kinder, sondern auch seitens Erwachsener nicht gewohnt. Bei dem in Rede stehenden Knaben machte sich just die entgegengesetzte Erscheinung bemerkbar. Er erwiderte auf meine Frage laut vernehmbar: „Ich bin Jude", und schien ihm dieses freimütige Bekenntnis etwas durchaus Natürliches, Selbstverständliches zu sein. Er erzählte mir dann ferner, daß sein Vater (ein Elsässer, der nach dem Kriege von 1870 für die französische Nationalität optiert hatte) in Paris lebe. Seine Großeltern, mit denen er sich hier befinde, seien Portugiesen (seine Mutter sei in Lissabon geboren), in Lissabon ansässig, doch größtenteils auf St. Miguel, einer der Portugal gehörigen Azorischen Inseln, wohnhaft. Er selbst (der Knabe nennt sich Albert) wurde nebst seinem jüngeren Bruder in einer Schule in Peterswill (England) erzogen, da Eltern und Großeltern gefunden, daß die französische Kindererziehung nicht dem Ideale entspreche, zu sehr schablonenmäßig sei, den Geist zu sehr überbürde mit Beeinträchtigung der körperlichen Entwickelung. Der kleine Bursche war als Mentor und Reisebegleiter seines achtjährigen Brüderleins aus England über Paris und Luzern nach dem hiesigen Kurorte gekommen, um bei den Großeltern zu bleiben. Der kleine Bruder sei indessen zu den Eltern nach Dieppe gegangen. Er (Albert) habe es vorgezogen, bei Großpapa und Großmama zu bleiben in der freien Schweiz, wo es sich leichter atme und angenehmer lebe, als in Frankreich. „Wollen Sie, daß ich Sie meinem Großvater vorstelle?" fragte mich Plötzlich Albert. „Er wird sicher sehr erfreut sein, Ihre Bekanntschaft zu machen, denn er ist ein glühender jüdischer Patriot und interessiert sich außerordentlich für die Lage seiner Glaubensgenossen in Rußland. Er hat auch eine Monographie über die Juden Spaniens und Portugals verfaßt, die baldigst in einer englischen Revue erscheinen wird, und die viel neues und interessantes über die Judenvertreibung enthält und die Marannenfamilien behandelt." Der scharfsinnige Kleine hatte es mir angesehen, daß ich Jude sei, hatte irgendwie in Erfahrung gebracht, daß ich aus Rußland stamme, nahm mich resolut bei der Hand und führte mich schnell zu einem Herrn, dem er französisch sagte: „Großpapa, hier ist ein Glaubensgenosse aus Rußland, mit dem Du Dich über jüdische Angelegenheiten unterhalten kannst." Der hohe Feiertag Purim oder — Du sollst nicht tügen! Von Dr. I. Cosma»-Berlin. ^ls unsere liebe Vaterstadt Rheinsicht vor jetzt vierzig A Jahren an das damals noch nicht sehr dichtmaschige Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, war das für Alt und Jung ein ganzes Ereignis. Wochen vorher hörte mar: von nichts anderem reden; wir sahen allerhand Vorbereitungen und Zurüstungen an den Orten, wo später das Stationsgebäude, Güter- und Lokomotivschuppen sich erheben sollten, aber von den Begriffen, die auf aller Lippen schwebten, von „Dampfwagen", „Tender", „Eisenbahnzug" sich ein irgendwie