Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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128 verdeutscht hat, ohne eine letzte Erinnerung an das ursprüngliche Jüdisch — sonst auch Jargon genannt — verwischen zu wollen. Das Erwachen eines siebzehnjährigen Jungen aus weltfremder Bücherweisheit zur Erde, zum Leben, ist mit einer Zartheit, einer dichterischen Unschuld behandelt, die weder ein Irdisches zu verschleiern braucht, noch das Traumleben des Knaben zu besudeln. „Jeremias" von Georg Hirsch selb, Gedicht zu einem Bilde Lesser Urys. Jeremias? O, nein! Aber ein Mensch, der Gott sucht, weil er des Gottes voll ist, der ihn findet, weil er ihn verlieren kann. Das Problem des Propheten, den seine Auserwähltheit niederdrüüt, — zwingt sie ihn doch, Alltagsmenschen mit seiner Forderung die freie Schwinge ihrer Seele zu lähmen, — der aus dem Bewußtsein, ein Mensch zu sein wie sie, tiefste Qual, dann aber höchste Zuversicht schöpft, da er den Gott entdeckt in seiner, in ihrer aller Seele. Ein Monolog von schwer zugänglichem Gedankenaufbau, doch voll tiefinuerlicher dramatischer Spannung. Von den Dichtern sprach ich zuerst. Unter den Essays steht neben Bnbers bereits gewürdigtem Aufsatz eine von Ungenauigkeiten nicht freie, tiefe Studie Berdiczewskys über das Neuhebräische obenan. Auch sonst enthält der Almanach einige lesenswerte Essays. Ehrenpreis führt uns in die Welt zweier neuhebräischer Dichter ein, Trietsch spricht wieder von seiner Forderung eines Greater-Palestine, S. Schiller und D. Neumark behandeln ein wenig allgemein Fragen der jüdischen Kultur, S. Bernfeld sucht das Wesen des Judentums in einem neuen identischen Satz zu erfassen, Matthias Acher und L. Motzkin sprechen gescheit, ruhig und überlegt über Probleme des heutigen Judentums. Man mag zuweilen anderer Ansicht sein, aber das gehört nicht hierher. Genug zuzugeben, daß diese Männer etwas zu sagen haben, mehr wollen sie nicht. Ich würde gern auch Achad Haams Aufsatz hierher rechnen. Aber Achad Haam wurde vielfach als der große jüdische Deuker gefeiert, und dann bedeutet der Aufsatz eine Enttäuschung. Gegen die Gesetze der Logik versündigt er sich freilich nicht, aber Größe liegt jenseits von allem Inhalt. Achad Haam hat hier aus sechs Seiten einige Selbstverständlichkeiten begründet, mit einer Ausführlichkeit, für die auch ein paar richtige und gute Gedanken nicht entschädigen können. Der Aufsatz zeigt eitlen rationalistischen, geistreichen, gewandten, aber oft trivialen und weitschweifigen Schriftsteller. In dem Almanach orakelt ferner Nossig über die Zusammensetzung des Sanhedrin, für die er Maimonides und Jehuda Halevi als Gewährsmänner anführt. Wohlweise Ratschläge zur Förderung der jüdischen Wissenschaft, einen Aufsatz über die Jargonliteratur, in dem von der Gemütsverödung der Juden und der Seichtheit des Gemütslebens die Rede ist, will ich übergehen. Ich mag mich nicht ärgern. Unrichtige Vorstellungen sind kein Unglück. Schlimmer ist ein schlechtes Gedicht: man kann cs nicht widerlegen. Wie steht es mit der Fülle von Novellen, Skizzen und Gedichten, die der Almanach enthält? Es ist auffallend, wie stark hier der Einfluß des Milieus ist, wie man es diesen Schriftstellern anhört, ob sie in einem Kulturzentrum Oesterreichs oder Rußlands oder Norddeutschlands wohnen. Ich rede hier nicht von den Einflüssen des Volkes, sondern von den äußeren der literarischen Richtung. Zwei Strömungen lassen sich vor allem verfolgen. Da sind die stillen Wiener Träumer, die ein Bild, einen Ton, wohl auch, wie Herzt in dem hier abgedrucktc» Schluß seines neuen Romans, einen geistreichen Gedanke» aufgreifen und ihn zu einem Gedichte, einer Skizze gestalten Zuweilen klingt es so schön und rein, wie in Anselm Lutwal» „Wie der Sand" oder auch in Hermann Menkes' „Mohnblume" es ist nicht bedeutend, aber es labt unsere Seele, — meistens sind es rauschende Kleinigkeiten, zu rauschend, um als Kleinigkeiten zu gelten, zu leer, um mehr zu bedeuten. Jmmerhi», ein Tropfen Süßigkeit ist in diesen Blüten. Hierher^gehv.t auch ein von Martin Buber aus dem Hebräischen übertragen, « wundersames Gedicht Tschernickowskis, der stille Traum eines Sommerabends, von tiefster, zitternder Empfindung Auch ein paar Niedlichkeiten von Hugo Salus und Löwenberg mögen genannt werden. — Den umfangreichsten Teil de» Buches nehmen jedoch Novellen und kleine Erzählungen ein. Und unter diesen sind viele, die uns nichts zu sagen haben, d e gestrig sind und vielleicht ewig gestrig waren. Und es sind bekannte Namen unter den Verfassern: Scholem Aleichem und Schälom Asch, selbst das, was von Israel Zangwill und I. L. Perez im Almanach steht, gehört hierher. Und es scheint kein Zufall zu sein, daß hier vor allem Juden Rußlands i» betracht kommen. Denn wer nicht wirklich aus künstlerischer Kraft heraus dichtet, der ertrinkt in den äußeren Forme» seines Kulturmilieus, und wir deutschen Juden haben, sv scheint es, die rechte Fähigkeit verloren — und wir verlöre» sie nicht ungern, auch wenn uns unser Judentum lieb ist , diesen anspruchlosen geschwätzigen Humor, wo er nicht von einer großen Persönlichkeit getragen ist, anders als Historist, zu verstehen. Wohl finden sich vereinzelt künstlerische Werte (man wird sie in Berdyczewskys und Naumbergs Skizzen nicht verkenne» können), aber in den meisten dieser Erzählungen handelt es sich für uns — und dasselbe gilt von einigen Aufsätzen und Erzählungen westeuropäischer Juden, bei denenjener Erklärung? - gruud nicht einmal vorhanden ist, — nicht um Kunst, sondern um Unterhaltung, um Zeitvertreib, keineswegs mehr um die Träume von einer jüdischen Kultur. Es ist schade, daß dieser Feuilletonliteratur so viel Pla» in dem Almanach eingeräumt ist. Das ist um so mehr zu bedauern, als andere Strömungen jüdischer Literatur gc» nicht zum Ausdruck kamen. So ist die deutsche jüdische Wissenschaft so gut wie völlig ausgeschaltet, und sie hätte un-: — unsere Jahrbücher beweisen das — wahrhaftig so viel zu vermitteln, wie die Essayisten, die hier vertreten sind. Freilich sie ist in der Mehrzahl ihrer Vertreter eine Gegnerin des Zionismus, aber ein „Jüdischer Verlag" sollte sich hüten, ein „Zionistischer Verlag" zu werden. (Die Künstler und Dichter wurden auch keineswegs daraufhin geprüft.) Die Verlegung des Schwerpunktes nach Osteuropa würde auch uns, die wir uns nicht zu den Zionisten rechnen, nie» stören, ja, sie würde uns vielleicht, und gerade uns, neue Hoffnungen schenken, wenn in dem Almanach eine Höhenkultur zum Ausdruck käme. Aber die Herausgeber wollten zu viel auf einmal. Weniger wäre mehr gewesen. Gerade ein Almanach sollte nur das Höchste enthalten, was heute von Juden geschaffen wird. Das Gefühl wird noch gesteigert durch die Ausstattung des Buches, die hohe künstlerische Ansprüche hervorruft. D» ist der Schmuck der Illustration. Es kann nicht meine Aufgab sein, aus ein paar Reproduktionen die jüdische Kunst zu