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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 127 (sequence 9)
Language
German
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Von jenen Totengebeinen auf Babels Ruinenfeldern gilt das Wort des Ezechiel: „Sie wachen zu neuem Leben auf, aber er Geist ist nicht in ihnen", der Geist der Erkenntnis, der -ahre Gottesgeist ist ihnen fern. Es ist eine zweifellos hohe iiltur, die aus jenen Trümmern zu uns spricht. Aber auch e zeigt uns, was vergehen mußte und was weiter besteht, igt die Wahrheit des Prophetenwortes: „Das Gras verdorret und die Blume welket. Doch das Wort unsres Gottes bleibt ewig bestehn." Aer jüdische Almanach 5663. Von M. Calvary. erste Buch des jüdischen Verlags. Eine junge, stürmische Bewegung hat diesen Verlag geschaffen, Männer stehen an seiner Spitze, die seit Jahren eine :eue jüdische Kultur verkünden, und sein erstes Werk wurde >it Spannung von allen denen erwartet, die dieser Kultur mit roh bejahender Hoffnung oder mit halb zweifelnden Wünschen utgegensehen. Ein jüdischer Almanach, ein Sammelwerk! Die Ausgabe mr. die besten jüdischen Schriftsteller, Dichter und Künstler er Gegenwart hier zu vereineil und zu zeigen, über welche raste das Judentum heute verfügt. Neben dem jüdischen ltlichen Ideal soll daS jüdisch-ästhetische aufgerichtet werden, m die neue jüdische Lebensanschauung soll etwas Innerliches, eelenvolles einströmen, eine neue Macht, eine neue Schönheit, > heißt es in dem schönen Geleitwort Berthold Feiwels. Uvei Gesichtspunkte ergeben sich für den, der das Werk beurilen will. Sind wirklich gerade die, und nur die, hier zur Mitarbeit herangezogen, in deren Schaffen wir das lebendige eimen einer zukunftsicheren jüdischen Gegenwart verspüren? >st dieses Buch wirklich ein Bild des heutigen Judentums? ind daun der andere. Welches ist denn überhaupt die Stimmung, die aus diesem Buche spricht? Und gewährt es überaupt das Bild einer Kultur? Der letztere Gesichtspunkt ist der meine. Denn wenn ein uhnes Unternehmen begonnen ist, so wollen wir nicht sragen: Aas hätten diese Männer besseres schaffen können, sondern vir fragen: Was haben sie geschaffen? Von MartinBllber findet sich außer Gedichten und einer ramatischen Szene ein einleitender Aufsatz: Die Schaffenden, as Volk lind die Bewegung. Buber ist Mystiker, er sucht mach einem Sinn des Lebens, der jenseits und fernab von Ulen intellektuellen und moralischen und Nützlichkeitswerten legt; er findet ihn in der tiefen Einheit von Individualität nid Volkstum. Man hat von der freien Lust weiter Ebenen gesprochen, oie wir bei Emerson atmen, im Gegensatz zu den steilen Höhen der Bergesgipfel, auf die uns der andere große Mystiker des Jahrhunderts, auf die uns Novalis führt. Ich möchte bei dem Bilde bleiben. Aber bei Buber wandeln wir, nein, quälen wir uns in schmalen Tälern, von stolzen Bergriesen nmdrängt, vorwärts, aufwärts, den Blick zu den Gipfeln, zur Höhe gerichtet. Die Klugen nennen ihn einen Träumer, sie haben noch nie mit diesem Namen die verschont, die abseits der praktischen Nüchternheit ihren Weg suchen. Er ist reif geworden an den Werten einer vollen Kultur, reif und überreif. Er hat das tiefe Leid dieser Kultur und er hat die große Sehnsucht, — so mögt Ihr Euch Eurer Gesundheit brüsten. Doch er leidet noch an einer andern Qual, der Qual des Gestaltens. (Ein ergreifendes, schönheitstrunkenes Gedicht war sein „Referat" über jüdische Kunst auf dem letzten Baseler Kongreß). Seine Sehnsucht schafft bejahende Träume, wo sie in selbstgeschaffener Form — halb Essay, halb Gedicht — sich aussprechen kann; doch er will auch in festen Formen gestalten, in den Formen des Dramas und der Lyrik. Aus einem Bilde, aus ein paar Tönen drängt sich uns hier die Ahnung einer tiefen Tragik auf, aber es will sich nicht gestalten, es bleibt Qual, unerlöste Qual. Doch die Sehnsucht des jüdischen Volkes will Lied werden. Der Almanach bringt zwei Gedichte von Morris Rosen selb: „Sephira" und „Lanbhüttenfest vorbei". Still-—, ein Dichter naht! Draußen ist Frühling, Glück und Sonnenschein. Es leuchte» die Berge, es duften die Wiesen, Frisch wehte der Lenzwind mit srohem Gesaus — Was schert's dich, Jude? Du hast doch Sephira. Du sitz' in der Kammer und wein' dich dort aus. Ich wollt', meine Leier, du solltest heut lachen. Umsonst! — Das Lachen gelingt dir schlecht! Ei freilich, wir haben ja jetzt Sephira. Und dann — wie lacht denn ein Jude, sprecht! Und ist hier vielleicht noch ein Rest von Pathos und von großer Gebärde, so wird der Schmerz selber zum Liede in der trostlos eintönigen Dichtung: Lanbhüttenfest vorbei. Der Festtag vorbei. Was ist das Gebetbuch schwer? Von Tränen sind die Blätter schwer . . . Der Tempeldiener fegt den Vorhos Und segt hinaus Frucht und Laub und Staub. . . . Bilder steigen auf. von einer Größe und Kraft der Anschauung. die sich hineinbohrt in unsere Seele. Es ist kein Kämpfen mehr lind kein Unterliegen, das Gedicht scheint nicht Anfang, noch Ende zu haben, ein Ozean des Leides läßt seine Wellen auf und nieder strömen, aus und nieder, ohne Rast und ohne Trost. Und dennoch kein phantastisches oder nebelhaftes Gefühlsgewoge, das alles ist geformt, gestaltet. Wir fühlen den Zwang, mit dem Dichter zu sinnen und zu leiden, und doch bedeutet uns das Leid eine Erlösung und keine Onal, weil wir zugleich gezwungen werden, dieses Leid einen Augenblick so groß zu empfinde», wie der Dichter. Das aber ist das Geheimnis aller großen Dichtung. (Die Uebertragung ist das Verdienst Feiwels. Wir wollen nicht schelten, daß uns seine eigenen Gedichte — ein feines Empfinden und eine gewandte Form zeichnen sie aus — so häufig an andere Dichter erinnern, hätte er nicht diese Gabe des Nachempfindens, so würde er diese Bilder nicht so übertragen können.) Von einem Dichter war die Rede. So dürfen wir uns zu Pinskis Novelle „Das Erwachen" wenden, die Martin Buber

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