Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 126 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228539--59572-3296099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 Gerade uni diese Zeit, um das Jahr 18S0, war es auch, daß die stauueuerregenden Resultate der Ausgrabungen, die man auf assyrischem Boden gewonnen hatte, nach Europa gebracht wurden, darunter jene tausende von Tontäfelchen — wie man deren auch im Museum zu Berlin sehen kann — aus denen einst di« Bibliothek des Königs Assurpanibal bestand. Sogleich machten sich die Gelehrten, die nun bald die Bezeichnung „Assyrivlogen" erhielten, ans Werk, um jene Tontafeln zu entziffern und uns dadurch ein anschauliches Bild zu entwerfen von dem Leben und Treiben, von dem Denken und Fuhlen, von dem Glauben und Wissen einer Zeit, die durch tausende von Jahren, einer Welt, die durch tausende von Meilen von uns getrennt ist. Mit Erstaunen sehen wir die Regsamkeit auf allen Gebieten geistiger Tätigkeit, nehmen wir Einrichtungen wahr, die uns ganz modern anmuten, folgen wir den Spuren einer Kultur, die wir in jener grauen Vorzeit nicht für möglich gehalten. Wir erkennen Handelsgebräuche und Rechtsanschauungen, die z. V. aus die Bestimmungen, wie sie uns im babylonischen Talmud entgegentreten, mächtig einwirkten, wir können den alten Assyrern in die Gelehrtenstube, irr die Sternwarte, ins Krankenzimmer, ja in die Küche folgen — doch ein paar Beispiele aus den gefundenen Tafeln mögen dies erläutern! Wir lesen da folgende Verkaufsurkunde: . (5,Punkte) Nägelzeichen von Sarludari . „ „ „ „ Achassuru „ „ „ „ Frau Amat-Sula, der Gemahlin des Hauptluanns Bel-dur, sämtlich Eigentümern des Verkaufsobjektes. Verkauft wird ein Haus in gutem Zustande mit allem Zubehör, gelegen in der Stadt Ninive am Marktplatz, zwischen dem Hause des Manuu-Kiache und des Elittija. Dasselbe kauft Herr Sil-Assur aus Aegypten für eine Königsmine Silber (circa 180 Mark) von Sarludari, von Achassuru, und der Frau Amat-Sula, der Gattin des oben genannten Ehemanns. Der Preis ist endgültig festgestellt und das Haus bar bezahlt. Zurücknahme oder Annullierung dieses Kontraktes ist unstatthaft. Wer von den Verkäufern je in Zukunft bei mir (se. dem Richter) die Annullierung des mit Sil-Assur geschlossenen Kontraktes beantragen sollte, muß 10 Mmen Silber (1800 Mark) erlegen. «A8. Höhe der Konventionalstrafe!) Verhandelt in Gegenwart von Susanka, Schwiegersohn des Königs rc. (Folgen noch 6 Unterschriften.) Oder wie modern mutet es uns au, wenn wir folgenden Schuldschein lesen: 4 Minen Silber (-- 720 Mark) nach dem Münzfuß von Karkemisch (wer denkt nicht sogleich an D. R. W.!) leiht Neriglassar dem Nebo-summidiu, dem Sohne des Kronbewahrers Neborahimbaladi aus Dur-Sargon gegen 5 Sekel ( 15 Mark) monatliche Zinsen. Also 720 Mark Kapital pro Monat 15 Mark Zinsen, pro anno 180 Mark, entspricht einem Zinsfuß von 25 °/o. Was aber noch besonders daran auffällt, das ist, daß der Sohn eines hohen Staatsbeamten in Geldverlegenheit ist und dieses Darlehen ausnehmeu muß, was allerdings auch heut noch bisweilen passieren soll. Und scheint es nicht, daß das Transportwesen kräfti , entwickelt und ausgebildet war, ja, dürsten wir nicht fast de Vermutung Raum geben, daß Assur eine der spätere, Errungenschaften unserer bildungsfreundlicheu Kultur, eine, zoologischen Garten besessen habe, wenn wir folgende Schreiben, heut würden wir sagen. Frachtbrief, lesen: „Dem König meinem Herrn, sein Diener. Möge der Hermein König in Frieden leben, mögen Nebo und Merodach fü immer und ewig dem König, meinem Herrn, gnädig bleiben! 25 Löwinnen in Käfigen sind mit drei Löwen von Calal Ninive und Dur-Sargon abgegangen. Ich konnte keine träck tige auftreiben. Heute morgen wurde die Rechnung übergebe, worüber der König, mein Herr, Mitteilung erhalten wird." Welche große Entwickelung und Bedeutung die Betrachtung der Gestirne, die Astronomie, in Babel schon erlangt hatte, h ja bekannt — freilich in der Regel zu astrologischen Zweckei Es waren Hofastronomen angestellt, die ans dem Stand de Gestirne die Stimmung im Volke, den glücklichen Ausgang ge planier Unternehmungen feststellen sollten. Eine Anzahl vv, Berichten dieser Astronomen an die Könige sind uns erhalte» und wir verstehen jetzt um so besser den Hohn, mit dem de Prophet Jesaias Babel zuruft (47, 13): „Laß sie doch aufsteh, und dir helfen, die am Himmel in die Zukunft sehn, die »ab den Sternen schauen, und mit jeglichem Monde kund tun, wa über dich kommen wird." Einen Blick noch werfen wir in di Tafeln der Medizin, wo allerdings zum größten Teil die Milt« in Zauberformeln und Besprechungen bestehen; so wird al Mittel gegen Kopfweh der Spruch empfohlen: Hinweg, böser Geist, von diesem Manne — Magst du die Sünde seines Vaters sein, Oder bist du die Sünde seiner Mutter, Oder bist du die Sünde seines älteren Bruders, Oder bist du die Sünde eines Unbekannte» — Hinweg! Es ist natürlich, daß auch über die Anschauungen de Assyrer und Babylonier über Gott und Menschen, über Reck und Unrecht, über Leben und Tod, über Welt und Unterwel uns mancherlei Aufschlüsse gegeben wurden, und daß manche an Vorstellungen anklingt, wie sie im alten Israel heimifi waren. Es ist ja gerade darüber in der letzten Zeit so sein viel gesprochen und geschrieben worden — aber was man an«) zum Ruhm und Lobe jener alten Kultur sagen mag, darüb« c kommt ihr begeistertster Lvbredner nicht hinweg, daß sie c» : einer religiös-tiefen Stufe standen, und daß keine Brücke füh i zu den erhabenen Anschauungen, die Israels große Geiste seine Propheten verkündet und gelehrt. Nicht der Elefant, d > durch seine Stoßzähne das Elfenbein liefert, sagte der bekann Heidelberger Orientalist Professor Merx auf dem letzten Orie - talisten-Kongresse in Hamburg, sondern der Geist des Phidw der das Elfenbein zu einer seelenvollen Statue verarbeitet, l - sitzt das Verdienst um die Förderung der Kultur. So finden wir wohl manche Berührungspunkte mit de>«. was unsere heiligen Urkunden berichten: mancherlei Einflü e von außen her machen sich geltend, aber Israels Eigenart üb« - windet sie und seine großen Führer und Propheten machen c ihrem höchsten Ideal, dem Gottesglauben und der Sittlichk 1 dienstbar. So wie man eine zeitlang wähnte, die Größe der isrc litischen Gotteslehre sei ein Abglanz ägyptischer Priesterweishc t. heute aber zu der Erkenntnis gelangt ist, daß ihre Größe rade besteht in dem Gegensätze, der obwaltet zwischen ihr u»d

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.