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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 125 (sequence 7)
Language
German
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Als Justizrat Meyer am 22. November 1900 seinen 7». Geburtstag feierte, da zeigte sich, welche Liebe und Achtung er sich in weiten Kreisen errungen hatte. Die Adresse der Gemeinde aus diesem Anlasse ist ein Schriftstück von geschichtlicher Bedeutung. Nicht geringen» Fleiß hat Justizrat Meyer auch den Interessen seiner Vaterstadt zugewendet. In verantwortungsrollen Positionen hat er mit nie ermüdender Kraft seines Amtes gewaltet und hervorragenden Anteil an dem Gedeihen der Reichshauptstadt genommen. In der Adresse, die die Ltadtverordnetenversammlnng ihm zum 50jährigen Dienst- ' ibiläum überreichte, rühmte sie ihn „als Muster von Pflichttreue und edler liberaler Gesinnung, als Bürger und als Rensch von höchster Integrität." Aber auch in seinen» Lebensberufe, im Dienste der neußischen Justiz, gelangte Meyer zu angesehener Stellung, zu erdienten Ehren. In der Adresse, welche die Berliner Anwälte ihm am 13. November 1900 aus Anlaß des oben erwähnten Jubiläums überreichten, wurden in warmen Worten d.e Verdienste gewürdigt, die er sich auf den verschiedensten Gebieter» der Rechtspflege erworben. Justizrat Meyer war l inge Jahre einer unserer angesehensten Rechtsanwälte. Er war!850 als Auskultator in den Staatsdienst getreten und 1857 zum Gerichtsassessor im Kammergerichtsbezirk ernannt worden. Lechs Jahre später wurde er Rechtsanwalt und Notar denn Lesige Stadtgericht, und 1879, nachdem er vorher den Charakter ms Justizrat erhalten hatte, beim Hiesigei» Landgericht I. Die Tage jener beiden Jubiläen waren Marksteine ans! mein Erdenwege. Von da ab neigte sich auch die Sonne ines Leben ihrem Untergänge zu. Fortdauernde Kränklichkeit nötigte ihn/seinem Berufe zu entsagen, seine Ehrenämter ilederzulegen. Und doch wäre es sein innigstes Sehnen genesen, mitten in seiner Arbeit abberufen zu werden. Wenn leben kämpfen heißt, so kann man unserem teuren Loten wohl f nachsagen, daß er als ein Sieger hervoregangen ist aus den Kämpfen dieses Erdenwallens in einer roßen und schweren Uebergangsperiode unseres öffentlichen ebens. Und nicht minder als ein Meister in der großen ' unst, die Tage des Lebens weise anszunutzen und Spuren zu -unterlassen, die nicht schwinden und untergehen werden. Larum ist der Rückblick auf das Leben dieses Mannes wrotz der Trauer um sein Hinscheiden doch ein erfreulicher, ellei» Geistes, klaren Sinnes, reinen Herzens ist er durch das eben gegangen — nichts Menschliches lag ihn» fern, nichts Gutes und Edles blieb ihm fremd; streng gegen sich selbst und mild gegen andere, stolz und hochgesinnt, wahr und offen, fest »nd selbstbewußt, »»»berührt von der Sucht nach glänzendem 2chaugepränge und hohlem Schein — so steht sein geistiges Vild vor unserer Seele, »»nd so wird Siegmund Meyer fortieben ii» der Erinnerung aller derer, die sein Leben, Schaffen und Ringen gekannt haben. Friede seinem Gedächtnis, Ehre 'einem Andenken! Entlegene Kulturen. Von Rabbiner Dr. S. Freund, Ostrowv. nehmen oft in der Geschichte ein wunderbares Znsammentresfen verschiedener Ereignisse wahr, die, obivohl »veit von einander geschieden, in einem geistigen Konnex zu stehen scheinen, so auch bei der Entzifferung der Keilschrift. Schon im 16. Jahrhundert hatten Reisende, die aus dem Orient zurückkamen, berichtet, daß auf den Ruinen der alten Persischen Königsstadt Persepolis geheimnisvolle Zeichen reihenweise eingemeißelt wären: inan brachte Abbildungen davon mit, aber ratlos standen alle Gelehrten diesen Haken nnd Winkel» gegenüber! erst 1765 gelang es Niebuhr, der auch Abbildungen sämtlicher Inschriften veröffentlicht hatte, den ersten Anstoß zur Enträtselung zu geben, indem er darauf hinwies, daß drei verschiedene Systeme zu erkennen seien, deren Zeichen niemals miteinander vermischt seien. Nun warfen sich alle Orientalisten mit dem größten Eifer auf die Entzifferung der Schriften, die man Keilschrift nannte. Nach zahllosen fehlgeschlagenen Versuchen, die oft eines hnmoristischen Beigeschmackes nicht entbehren, gelang es endlich einem jungen klassischen Philologen Grvtesend — vor gerade 100 Jahren — der Göttinger Gelehrten Gesellschaft eine Abhandlung vorzulegen, die durch scharfsinnige Kombinationen den Schlüssel zur Lösung jener Zeichen gab — eine wahrhaft staunenswerte Leistung, zumal wenn man bedenkt, daß diesen» klassischen Philologen die Kenntnis der orientalischen Idiome abging. Wie aber hatte er das Wunder zuwege gebracht? Die Inschrift, die an» Königspalast zu Persepolis gefunden war, schloß Grotesend, dürfte »vohl Aufschluß über den Besitzer geben, also den Rainen eines persischen Königs mit den Titulaturen enthalten. Nun nennt sich heute der Gebieter Persiens Schah in Schah, der König der Könige, und bei der Festigkeit und Stetigkeit, mit der sich Sitten und Gebräuche im Orient erhalten haben, dürften, so meinte er weiter, einige Worte, die in etivas abgeänderter Form mehrmals wiederkchrte», diese Bedeutung „der König der Könige" habe»». Und was davor steht? Wird »vohl jedenfalls ein Name des Herrschers sein! Doch welcher? Es würde zu »veit führen, hier den geradezu genialen Scharfsinn Grotefends im einzelnen zu versolgen — kurz, er kam zu dein Schlüsse, daß es nur Darms, oder »vie er mit der hebräischen Form annimmt, Darjawesch bedeuten konnte; er setzt weiter als Vater und Großvater die Namen Chsajarsha (Xerres) nnd Vistaspis fest, und so gelingt es ihm, einen großenTeil dieser rätselhaften Zeichen zu entziffern. Diesen» glänzenden Beginne»» zwar fehlte der Fortgang — es mangelte ihm an den notwendigen Sprachkenntnissen —, und so waren seine weiteren Bemühungen nicht von demselben Erfolg begleitet, »vie seine ersten genialen Lichtblicke. Doch das bleibt sein dauerndes, unbestreitbares Verdienst, daß er die Grundlage geschaffen hat, ans der andere weiter bauen konnten. Drei Jahrzehnte vergehe»», ohne daß ein wesentlicher Fortschritt zu Tage tritt — aber unverdrossen und unermüdlich ist der Bienenfleiß der Forscher, der Scharfsinn der Gelehrten an» Werk — nnd endlich, in der Mitte der fünfziger Jahre wird das Gebäude gekrönt, da konute die wissenschaftliche Welt mit einer gewissen Zuversicht nnd Sicherheit behaupten: Wir haben die Keilschrift gelöst!

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