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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 124 (sequence 6)
Language
German
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124 die Aufmerksamkeit des Auslandes erregt, und am 20. April 1763 hat ihr Begründer, als der dritte Jude in der Mark, die Generalprivilegien undRechte christlicher Kaufleute erhalten. Und als Joel Wolfs Meyer sich mit einer Eingabe für seine unterdrückten Glaubensbrüder im Jahre 1836 an den König Friedrich Wilhelm III. wandte, da durfte er mit berechtigtem Stolze vom Lebenswerk seiner Familie sagen, das; es auf den Märkten Nord- und Südamerikas mit Frankreichs Industrie bereits in erfolgreicher Weise konkurrieren könne. Joel Wolfs Meyer ging aber nicht in seinem Berufe ans. Er war auch ein treuer Sachwalter der Interessen seiner Stammesbrüder. Bis zum Jahre 1843 bekleidete er das Amt eines Gemeindeältesten mit Ehren. Als er am 25. September 1869 aus einem langen und tätigen Leben abberufen wurde, hatte er die Genugtuung, seinen Sohn als den Erben seines Geistes in den Filßtapfen seiner Väter gehen zu sehen. Vieles war von dem Vater auf den Sohn übergegangen: die Unbefangenheit in der Beurteilung der Verhältnisse und Charaktere, der gerade Sinn, die unwandelbare Redlichkeit und Rechtlichkeit, das warme, treue Gemüt, und vor allem die Liebe zum Vaterlande und zum Väterglauben. Mit solchen Gaben und Kräften ging der Jüngling au seinen Lebensberuf, den er, den glücklich veränderten Zeitverhältnissen entsprechend, in der Rechtswissenschaft gefunden hat. Aber schon in jungen Jahren wendet er den Interessen seiner Glaubensgemeinde reges Interesse zu. Als im Jahre 1840 in der damals noch einzigen Synagoge der Berliner Gemeinde in der Heydereuther Gasse zu Ehren der Krönung Friedrich Wilhelms IV. ein musikalisch gebildeter Chor eingerichtet werden sollte, da war Siegmund Meyer einer der Ersten, die sich zur Mitwirkung meldeten. Und der Nächste hieß — Hermann Makower. In dem Bestreben, alten Mißbräuchen entgegenzuwirken und das Judentum zu heben, lernten sich die Beiden kennen, lind eine ungestörte treue Freundschaft hat sie bis zum Lebensende vereinigt. Am Grabe des Freundes durfte Meyer am 3. April 1897 diesen Gefühlen innige»! Ausdruck verleihen. Es war eine seltsame Fügung des Schicksals, daß beide seit jenem Tage gemeinsam die Klassen des französischen Gymnasiums durchliefen, die Universitätsstndien betrieben, sämtliche Examina an einem Tage zurücklegten, später ein volles Vierteljahrhundert ihre Bemühungen für das Wohl der Gemeinde in voller Harmonie vereinigen konnten, Makower als Vorsitzender der Repräsentautenversammlung, Meyer als Vorsitzender des Gemeiudevorstandes. Aber schon der junge Assessor hielt es für feine Ehrenpflicht, seit seinem Eintreten in das öffentliche Leben sich auch um die Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen zu bekümmern. Bereits 1861—1864 war er Mitvorsteher der Krankenverpflegungsanstalt. Am 1. Januar 1870 wurde er zum Gemeindeältesten gewählt, 1876 wurde er erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Gemeindevorstandes Stadtrat Magnus und 1883 dessen Nachfolger. Am 1. März 1901 legte er die ihm anvertrauten Gemeindeämter aus Gesundheitsrücksichten nieder. Das sind die trockenen Daten, aber wieviel Arbeit und Sorge, wieviel Mühe und Kummer, wie viele Hoffnungen und Enttäuschungen, aber auch wie viele schöne Erfolge liegen zwischen diesen trockenen Daten einer mehr als vierzigjährigen ununterbrochenen Wirksamkeit für ein Gemeinwesen, das sich während dieser Zeit in so ungeahnter Weise entwickelte, wie die Berliner Gemeinde! Zwei Tatsachen von großer Bedeutung charakterisieren die Zeit seiner Wirksamkeit. In diese Periode fällt vor allen» das Austrittsgesetz von 1876 und sodann die antiseinitische Bewegung, zwei Ereignisse, die wohl geeignet schienen, den Bestand der jüdischen Gemeinde zn erschüttern, die deshalb an den Leiter einer solchen nicht gewöhnliche Anforderungen stellten. Hier galt es, mit Vorsicht und Takt, aber auch mit ruhiger Klarheit und voller Entschiedenheit vorzugehen, alle Klippen zu vermeiden, die Gegensätze zu »nilderu, die Gefahren aus dein Wege zu räumen. Die Geschichte kann unserem Toten nicht das Zeugnis versagen, daß er in dieser schweren Zeit der rechte Mann war, daß er es verstanden, sein verantwortungsvolles Amt zur Ehre der größten Gemeinde im Deutschen Reiche zu verwalten; weder das Austrittsgesetz noch der Antisemitismus vermochten den Bestand der Gemeinde irgendwie zu gefährden. Die innere Entwickelung hielt mit den» äußeren Wachstum gleichen Schritt; innerhalb der Amtsperiode, der Justizrat Meyer seinen Stempel aufgedrückt, wurden das Siechenhaus und das Reichenheim'sche Waisenhaus begründet, wurden vier neue Neligionsschulen eröffnet, die Präparandenaustalt des Lehrerseminars geschaffen, die Synagoge in der Kaiserstraße eingerichtet, die alte Synagoge »»»»»- gebaut, die in der Linden- und Lützowstraße neugebaut, das Waisenhaus in Pankow begründet, die Einrichtung eines Festgvttesdienstes außerhalb der Synagogen und die eines Jugendgottesdienstes getroffen. Das sind Institutionen, die nicht weiter gerühmt zu werden brauchen; ihr Segen liegt schon in der Tatsache, daß sie geschaffen wurden. Und dies Register ließe sich ansehnlich vermehren. Vor allen» waren es Synagogen und Schule, denen er seine Aufmerksamkeit zuwandte. Alle Verbesserungen, die er in seiner einflußreichen Stellung als Stadtverordneter in mehr als zivanzig Jahren als eines der tätigsten Mitglieder, und lauge Zeit als Vorsitzender der Fraktion der Linken, kennen lernte, brachte er auch in den» Schulwesen der jüdischen Gemeinde zur Ausführung, so daß dieses im letzten Jahrzehnt zu ungeahnter Blüte gelangt ist. In der Synagoge war Justizrat Meyer bemüht, einen würdigen Gottesdienst einzuführen. Dafür kämpfte er nach dem Vorbilde seines Vaters, der 1851 einer der ersten war, die einer» „mäßigen Fortschritt" innerhalb der Gemeinde entschiede»» forderten. Sein Verdienst war die Berufung Abraham Geigers nach Berlin, und dieses Verdienst hat geschichtliche Bedeutung, wenn inan sich der Kämpfe erinnert, die jener Berufung vorausginge»». Justizrat Meyer liebte den Frieden, aber er scheute auch den Kampf nicht, wenn das höhere Interesse ihn forderte. Wer in so heißem Ringen um ideale Güter eine Gemeinde zu großen Zielen führt, dessen Lebensarbeit darf wahrlich als eine glückliche gepriesen werden! Mit froher Kraft, nicht mit wehinütiger Resignation hat Justizrat Meyer seines Amtes gewaltet. Er hat es jederzeit als eine Ehre und nicht als eine Bürde betrachtet. Die unverwüstliche Kraft und Tüchtigkeit seiner Natur, seine gute Art, sein kräftiger Verstand, die Reinheit und Lauterkeit seines Charakters, die fromme Pietät seines Herzens hatten ihm vor mehr als vierzig Jahren die Sympathie seiner Gememde zugewendet und bis zum Tode dauernd erhalten. Immer hat er geschaffen, »vas seines Amtes war, und erwartet, daß auch der Andere seine Schuldigkeit tue. Mild und nachsichtig gegen den Armen, war er streng und unerbittlich gegen den Schlechten

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