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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 120 (sequence 14)
Language
German
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120 kennen, daß sie samt und sonders vom krassesten Materialismus infiziert seien. Diese „Blasphemie" konnte ich, gleich dem Rabbi in der Heine'schen „Disputation", als der Kapuziner sich zu der frechen Behauptung ausschwang: „der Tauswes-Jvnteiv möge sieh zum Teufel scheereu," nicht mehr ertrage», sondern entflammte in Hellem Zorn, wenngleich ich meinen britischen Gegner nicht mit so derben Kraftworten apostrophierte, als eS der außer sich gebrachte Rabbi dem polternden, keifenden und schimpfenden Kapuziner gegenüber anweudete: „Wir Juden sollen keine Idealisten sein!" ries ich so heftig aus, daß Mr. Arnold White seinen Stuhl etwas zurückrückte, (er fürchtete augenscheinlich, ich könnte in meinem Uebereifer von Worten zu Tätlichkeiten übergehen). „Wir sollen vom krassen Materialismus angefressen, ja durchdrungen sein! Zeigen Sie mir, mz- (lern- Sir, ein Volk auf Erden, das so idealistisch veranlagt und gesinnt ist, als eben das jüdische! Zeigen Sie mir eine Nation, welche so viel und so lange — im Laufe von zwei Jahrtausenden — für die Bewahrung ihrer Ideale so schwere, so ungeheure, so blutige Opfer gebracht! Materialisten sollen wir samt und sonders sein, während wir doch unser gesamtes materielles Wohl, ja unser Leben unseren Idealen zum Opfer gebracht, noch täglich bringen. Materialisten sollen wir sein, während wir in der Tat so sehr an unfern Idealen, an unserer teuren idealen Tradition hängen, daß wir trotz Inquisition und Scheiterhaufen, trotz Kreuzzüge und Massenabschlachtungen, trotz glühendem Haß, mit dem man uns verfolgt, trotz Bedrückungen und Verfolgungen unsäglicher Art, unseren Idealen nicht untreu werden wollten und wollen, während es doch nur einiger Tropfen Wasser genügte, uns Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu erkaufen, die Möglichkeit hätten, aus verachteten Parias geachtete Braminen zu werden! Wir kennen keine Ideale, sagen Sie. wir sind samt und sonders Materialisten, behaupteten Sie. Dies ist ja einfach absurd, m> cleru Sir! Wissen Sie es also, da Sie es leider bis jetzt nicht gewußt haben, es gibt kein idealeres Volk als die Juden, und ich bin bereit, diese Behauptung vor allen gelehrten Kollegien zu verfechten, die sich beifallen lassen sollten, entgegengesetzte Anschauungen zu vertreten. Ich werfe ihnen allen den Fehdehandschuh hin und fordere sie zum Kampf auf, wo keine Eisenwasfe blitzet, wo als Schuh- und Trutzwafse nur die, keine Kompromisse zulassende, erbarmungslose Logik historischer Tatsachen zur Anwendung kommt. Wahrlich ich sage Ihnen, der geringste polnische Schacherjude mit langer, die bleiche Wange entlang fallender Schmachtlocke, in seinem schmierigen Kaftan, der elendeste jüdische Hausierer ist mehr Idealist, als alle Eure schmachtenden, den Mond andichtenden Poetaster!" Mr. Arnold White war über meinen Feuereifer ganz erstaunt, doch schwerlich überzeugt. Doch hat mich die Erinnerung an dieses seltsame Chamäleon, der es zuwege brachte, als resoluter Antisemit von dem berühmten jüdischen Philautropen zum Anwalt der Lebensinteressen von fünf Millionen russischer Inden gewählt zu werden, vom eigentlichen Thema abgelenk!. Für diese unwillkürliche, durchaus nicht beabsichtigte Abschweifung gebührende Buße tuend, will ich sofort zu dem eigentlichen Gegenstände meines Artikels zurückkehren. Literarische Mitteilungen. ----- Das Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur <Äerliu 1903. M. Poppelauer) ist diesmal besonders interessant und reichhaltig. Es enthält außer den üblichen politischen und literarischen Jahresübersichten von Martin PhiliPPson und dem Redakteur dieses Blattes noch eine Reihe wertvoller Untersuchungen und Vorträge von allgemeinem Interesse. Den Reigen eröffnet Professor Bacher mit einem ausgezeichneten Vortrag über das altjüdische Schulwesen; hierauf folgt eine sehr wertvolle Untersuchung über den Satz im Evangelium Matthäi 24: „Sein Blut komme über uns!", die wohl geeignet ist. eine ganze Reihe falscher Vorstellungen gegen die Juden zu berichtigen. Der Vortrag, den Dr. GutMann-Breslau auf der Rabbinerversammlung zu Frankfurt a. M. über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart gehälten hat. ist bereits gebührend gewürdigt worden; man wird ihn mit hohem geistigen Genuß in diesem Jahrbuch lesen. Es folgt eine lichtvolle und feinsinnige Studie von Dr. M. Levirr über Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums. Die Mitteilungen aus dem Briefwechsel zwischen Zunz und Kaufmann, die M. Braun mit gewohnter Sachkenntnis giebt, schließen den literarischen Teil würdig ab. Die Novelle „Simon Eichelkatz" von Ulrich Frank ist ein Meisterwerk der Ghettoerzählungsliteratur. In künstlerisch abgerundeter Darstellung wird das Milieu einer kleinen jüdischen Gemeinde Oberschlesiens um die Mitte des vorigen Jahrhunderts geschildert. Die Konflikte zwischen der modernen Kultur, die mit Gewalt eindringt, und dem Althergebrachten sind wirksam hervolgehobsn, die einzelnen Gestalten sind liebevoll gezeichnet. Man kann diese Novelle den Meisterwerken Aron Bernsteins an die Seite stellen. Den Schluß bilden wie üblich die Mitteilungen aus dem Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland, die von dem Wachstum dieser Institution ein erfreuliches Zeugnis ablegen. Es bestehen gegenwärtig 173 Vereine und sechs Bezirksverbände; eine wertvolle Beigabe bilden der Katalog einer jüdischen Vereinsbibliothek und die Themata zu Vorträgen für Literaturvereine. — Beiträge zur Altertumskunde des Orients von Dr. Wilh> Freiherr v. Landau. Leipzig 1903. Ed. Pfeiffer. Das Heft enthält Erörterungen über die „Stele von Amrith" und „die neuen phöuizischev Inschriften". Man wird gerade in dieser Zeit den scharfsinnigen Lösungen des auf diesem Gebiete wohlbewanderten Verfassers mit besonderem Interesse folgen. Sie sind für die Kenntnis der assyrischen Religionsgeschichte unzweifelhaft von großem Werte. Dem Merkchen sind instruktive Illustrationen beigegebeu. ---- Das älteste Bibel m a nu skri Pt. Eine sehr wertvolle biblische Entdeckung ist, wie aus Kairo berichtet wird, in Syrien gemacht worden, wo, wenn nicht das älteste bekannte, so jedenfalls eines der ältesten hebräischen Manuskripte der Bibel aufgesunden wurde. Das Dokument ist von Syrien nach Kairo gebracht und von Khaleel Sabra gekauft worden. Es besteht aus den fünf Büchern des Pentateuch, die in samaritanischen Schriftzeichen auf Gazellenpergament im Jahre 116 der moslemitischen Zeitrechnung, dem Jahre 735 nach Christus, geschrieben sind. Es ist also weit älter als irgendein hebräisches Manuskript der Bibel, das man in europäischen und amerikanischen Bibliotheken findet. Ein Vergleich mit der jetzigen hebräischen Bibel zeigt mehrere wichtige Verschiedenheiten. Direkt nach dem Dekalog kommt in dem Manuskript eine Stelle von etwa fünfzehn Zeilen, die sich in der jetzigen Version der Bibel nicht findet. Diese allein wird wahrscheinlich mehrere wichtige Streitfragen, die seit langem bestehen, aufklären. Mr. George Zeidan von der „Royal Asiatic Society", ein bekannter arabischer Autor und Geschichtsschreiber. wurde zeitweilig mit der Aufbewahrung des kostbaren Manuskripts in Kairo betraut. Nachfragen bei einem Sachverständigen im Britischen Museum, wo man bisher noch nichts von dem Dokument wußte, bestätigen die Behauptung, daß, wenn das Datum genau übersetzt ist, Grund vorhanden ist, die Entdeckung als sehr beachtenswert zu charakterisieren. Es wurde dabei auch erwähnt, daß vor kurzem eine samaritanische Version des Buches Numeri und mehrere hebräisch geschriebene Gebete von den Museumsbehörden erworben worden sind. Diese Dokumente tragen das Datum 1339 unserer Zeitrechnung und werden für die ältesten vorhandenen gehalten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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