Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 119 (sequence 13)
- Language
- German
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Ein Kapitel über kranke Juden und gesunde Antisemiten als Einleitung. berühmter russischer Arzt, Professor Sacharjin in Moskau (durch seine jüdische Mutter selbst ein halber Semit) sagte mir vor etlichen Jahren unter anderem ivlgendes: „Matt wundert sich über die erstaunliche Vermehrung der Juden, schreibt ihnen ungewöhnlich große Frucht' Varkeit und relativ geringe Mortalität zu. Meiner Ansicht nach tragen jedoch diese zwei für die Antisemiten aller Länder o unangenehmen Erscheinungen nur teilweise zur Vermehrung der jüdischen Bevölkerung bei. Die Hauptursache liegt in dem Umstande, daß die Juden, weit mehr wie irgend eine andere Nation der Kulturwelt, sehr besorgt um ihre Gesundheit und die ihrer Familien sind und daß sie im Notfälle nicht, wie es die ungeheuere Masse des auf einer außerordentlich niederen Kulturstufe stehenden Volkes tut, sich an Quacksalber, so, genannte Zauberer und Beschwörer wendet, welche alle körperlichen Gebrechen durch Besprechungen, Salbeil oder Tränklein eigener Produktion behandeln, sondern die Hilfe geschulterdiplomierter Aerzte in Anspruch nehmen." „Sind Sie nicht gar zu strenge in Ihrem Urteil, Professor," wandte ich ein. „Durchaus nicht," erwiderte Sacharjin, „diese traurige Erscheinung, ein Symptom der Unwissenheit, macht sich beim russischen Volke leider in sehr hohem Grade bemerkbar und erklärt die ungewöhnlich große Mortalität. Während der Russe nicht bloß der armen niederen Klasse, sondern auch der reichen mittleren Stände) stumpfsinnig die Krankheit an sich und die -einigen herantreten sieht und im besten Falle zu Empirikern und „weisen Weibern" seine Zuflucht nimmt oder sich unter ein Heiligenbild legt, um in blöder stumpfer Resignation Heilung oder Tod zu erwarten, legt der Jude nicht die Hände in den Schoß, sondern gibt sein letztes hin (bettelt eventuell das notwendige zusammen), um einen tüchtigen Arzt zu konsultieren. Er schreckt sogar nicht vor den Reisekosten eines ausländischen Kurortes oder einer fernliegenden Heilquelle zurück, da der Besuch russischer Mineralbäder und Kurorte (als außerhalb des Ghetto liegend) den Juden verboten, für sie das ist, was die Bewohner der Sandwichinseln „Tabu" nennen. ..." „Außerdem müssen Sie berücksichtigen," schaltete ich meinerseits ein, „daß in jeder jüdischen Gemeinde ein Verein genannt „Bikur Cholim" (Krankenfürsorge) besteht, der sich die löbliche Aufgabe gestellt, armen jüdischen Kranken nicht nur ärztlichen Beistand nn^ die notwendigen Medikamente zu verschaffen, sondern auch entsprechende Nahrung und Geldunterstützung zu gewähren, ja sogar in dringenden Fällen Mittel zu geben, nach einem vom Arzt empfohlenen Kurort zu reisen, um daselbst Genesung zu suchen." „Ja, es ist ein ganz eigentümliches Völkchen, diese Juden," sägte nachdenklich der berühmte Arzt hinzu, „sie bekunden eine Lebenszühigkeit und Gcisteselastizität, die geradezu Bewunderung einflößen muß. Die Juden sind ein Rätsel, vor dem wir staunend stehen, ohne es lösen zu können. Aber dieses unlösbare Rätsel, welches uns die vieltausendjührige Sphinx aufgibt, macht ihn uns unsympathisch, erklärt teilweise den Haß, den man gegen diese Raffe empfindet, der doch die Menschheit viel zu verdanken hat." Ich kann nicht umhin hierbei zu bemerken, daß Professor Sacharjin, obgleich er sich in seiner sehr anziehend geschriebenen Autobiographie, gleich A. G. Rubinstein, einen „slavischen Semiten" nennt, durchaus kein Judophile war. Er verhielt sich zu seinen Stammgenoffen mütterlicherseits wenn nicht feindlich, so doch kühl bis ins Herz hinein, völlig indifferent, und hat nie etwas zur Besserung ihrer trostlosen Lage getan, wenngleich dank der hohen Stellung, die er einnahm, dank der Autorität, die er in den höchsten Regierungssphären bei den höchstgestellten Persönlichkeiten genoß, er es hätte tun können. Doch ich zitierte den Ausspruch des berühmten russischen Gelehrten bloß deshalb, um die in der Tat höchst auffällige Erscheinung zu erklären, daß das jüdische Element in den verschiedentlichsten Kurorten und Mineralbädern des westlichen Europa ein sehr bedeutendes Kontingent bildet, ja an manchen Orten sogar dominiert. Ich habe selbst diese Erscheinung in den Kurorten und Miueralbädern Bayerns und Böhmens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz, sowie in den diversen Seebädern der Ostsee und der Nordsee konstatiert. Auch der Tonristenstrom, der sich alljährlich im Laufe der Frühlings-, Sommer- und Herbstmonate über die Helvetische Republik ergießt, ist sehr stark mit jüdischen Elementen gesättigt, und während meiner diesjährigen Exkursion durch die Schweiz hatte ich Gelegenheit, überall auf Glaubensgenossen zu stoßen: auf dem Rigi und Pilatus, in Sankt Moritz und Davos, am Vierwaldstätter See und am Lago Maggiore, Hochoben auf der mit ewigem Schnee bedeckten Jungfrau und tief unten im lieblichen Tale von Weggis, in Montreux und Luzern, in Caux und Chilon u. s. w., überall stieß ich auf Glaubensgenossen, sei es, daß sie Heilung suchten gegen körperliche Gebresten verschiedener Art (vom Podagra bis zur Neurasthenie), oder daß sie sich bloß ergötzen wollten an Gottes schöner Natur, wie sie in Helvetien großartiger als irgendwo ist. Und man spricht den Juden Sinn, Empfänglichkeit und Verständnis für Naturschönheiten ab! Diese Behauptung ist ebenso grundfalsch, als die Meinungsäußerung von Arnold White, dem ehemaligen Bevollmächtigten des verstorbenen Philantropen Baron Hirsch, mir gegenüber. Daß Baron Hirsch gerade einen so fanatischen Antisemiten, als welcher sich Mr. White in der Folge entpuppte, zu seinem Vertreter in Rußland erwählt hatte, um mit der Petersburger Regierung behufs Organisation der Emigration der russischen Judenschaft nach Argentinien zu unterhandeln, ist eines der Psychologischen Rätsel, welches die Handlungsweise des verstorbenen Millionär-Philantropen seinen erstaunten Stammesgenoffen aufgab. Während einer längeren Unterredung, die ich mit dem Bevollmächtigten des Baron Hirsch in Petersburg hatte, wobei zu meiner größten Bestürzung und unsäglichem Entsetzen hier schon, gleichsam schüchtern verstohlen, seine antisemitische» Anschauungen und Grundsätze zum Vorschein kamen, sagte mir Mr. White unter anderein, daß die Juden keine Ideale 1