Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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118 riechische Text. Und nicht nur, daß diese drei Texte denselben Inhalt hatten, besagte der griechische Teil, der ja leicht zu verstehen war, ausdrücklich, daß er eine Uebersehung der anderen bilde. Man wußte also den Sinn und mußte nur den Klang der Worte und Sprache enträtseln; man hatte die Grundlage, aus der man weiter bauen konnte, den Ausgangspunkt, der durch viele unwegsame Schluchten allerdings, durch mancherlei Irrwege und Hindernisse zur Höhe der Erkenntnis führte. Anders bei der Keilschrift: Hier boten sich dem Forscher nichts als Striche und Häkchen, Häkchen und Striche dar; man wußte nicht, was der Inhalt sei, welcher Sprache die Texte angehören, ja welchem Sprachstamin; man könnte ein Heinesches Berschen travestieren: man kennt nicht die Sprache, man kennt nicht den Text, man kenntauch nicht den Verfasser. Und heut — nach wenigen Jahrzehnten hat man auch jenen Ton- und Ziegeltäfelchen ihr Geheimnis entrissen. Die Kultur der alten Euphratländer liegt offen vor unfern Augen, man liest und deutet die Keilschrift wie eine andere fremde Sprache. Wer hat dieses Wunder vollbracht, wie hat man diese Zeuge,: einer entlegenen, längst entschwundenen Kultur zum Reden gebracht — was wissen sie uns zu verkünden? Doch bevor wir näher darauf eingehen, werfen wir eine andere Frage auf: Wo und wie hat man diese Reste verschwundener Welten entdeckt und gesunden? Zwei Völker waren es, mit denen das jüdische Reich während der Königszeit vornehmlich zu tun hatte; die immer weiter ihre Macht ausdehnten und schließlich auch Juda und Israel besiegten, unterwarfen, — ihre Hauptstädte zerstörten und den beiden Reichen ein Ende bereiteten: Assyrien mit der Hauptstadt Ninive, und Babylonien mit der Hauptstadt Babel. Gar gewaltig breiteten sich diese Reiche aus, und aus den Reden unserer Propheten erklingt der Widerhall von der Pracht und Herrlichkeit, die Babels und Ninives Blüte bezeichnet. „Drei Tagereisen hatte Ninive an Umfang, eine gar große Stadt" nennt sie das Büchlein Jona, „die von mehr als einer Million Menschen bewohnt ist." — „Die Stadt ist voll des Volkes" — schildert der Prophet Nahum — „wie ein Teich, der voll Wassers ist, unendlich sind die Schätze von Silber und Gold, eine Fülle von allerlei köstlichen Geräten. Mehr Kaufleute wandeln darin als Sterne des Himmels, zahlreicher die Fürsten als eine Heuschreckenschar und die Kriegsobersten als ein Grillenschwarm." — „Das ist die jubelnde Stadt" — malt Zephanja aus — „die sorglos wohnende, die in ihrem Herzen spricht: Ich bin und außer mir keine mehr!" — Doch auch die Strafverkündigung der Propheten ging in Erfüllung. Verstummt ist der Jubelsang, gebeugt der Stolz, in den Staub gesunken die Herrlichkeit, — eine Wüstenei, nur Lagerplatz von Gewild. Der Sturm der Wüste fegte über sie hin und bedeckte sie mit dichtem Staube, daß nicht einmal der Ort zu erkennen war, welcher die einst so blühenden, stolzen Städte verbarg. So blieben sie Jahrhundevte unter Staub und Schutt begraben: nur in Erzählungen, die sich im Munde des Volkes erhielten, wurde die Kunde bewahrt, daß hier die Stätte dereinstiger Herrlichkeit zu suchen sei, und merkwürdig geformte Erhöhungen im Erdreich bezeichnet«! nach der Meinung der Reisenden die Orte, wo die alte Stadt Ninive zu suchen sei. An solchen Hügeln fand man unter anderen: auch Thonscherben, die mit merkwürdigen Zeichen, einer Art Runenschrift, bedeckt waren, und eine Anzahl dieser Täfelchen wurde mit anderen Funden nach London gebracht, wo sie die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrten, besonders auch des in Paris wohnenden Deutschen Julius von Mohl erregten. Als dieser sie in London sah, da erfaßte ihn die Ahnung, daß auf den Fundstätten dieser Dinge unbedingt noch weit größere und bedeutendere Entdeckungen zu machen seien, und er machte den Naturforscher Botta, der als Konsularagent der französischen Regierung in jene Gegenden geschickt wurde, auf die Ruinenfelder aufmerksam, und legte es ihn: ans Herz, mit ganz besonderem Eifer nach verborgenen Schätzen zu suchen. Botta machte diesem Auftrag und den: Vertrauen, das in ihn gesetzt wurde, alle Ehre. Mit geringen Geldmitteln zwar, aber großem Eifer setzte er diese Nachgrabungen ins Werk — vorerst freilich ohne Erfolg: die Arbeit mehrerer Wochen brachte nichts wesentliches zu Tage. Da kan: ein Land mann aus dem nahen Korsabad des Weges; die Sorgfalt, mit der jedes Stückchen Thon und Alabaster notiert und bei Seite gelegt wurde, erregte seine Aufmerksamkeit, und nun erzählte er, solch beschriebene Steine seien in seinem, vier Stunden entfernten Dorfe, in Menge zu finden. Den einen Versuch noch wollte Botta unternehmen — er ließ an der bezeichneten Stelle graben. Viele Schwierigkeiten waren zu überwinden: der Pascha, der als Ursache dieser Nachgrabung verborgene Schätze vermutete, wollte sie verbieten. Als dieses Hindernis weggeräumt war, da ließ er bald aus nichtigen Gründen die Leute ins Gefängnis werfen, bald verbot er in: Geheimen den Landleuten, ihre Grundstücke den Fremden zu verkaufen — was sollen wir lange verweilen bei der Aufzählung aller der Schwierigkeiten, die Botta und seine Nachfolger überwinden mußten: kurz! alle die Mühe und Kosten, die aufgewendet, die Strapazen und Leiden, die ertragen werden mußten, fanden schließlich ihren Lohn. Eines Tages wurde ein gigantischer Kopf, der wunderbar erhalten war, aus dem Schutte hervorgegraben, dein bald der Rest des Standbildes — ein gestichelter Löwe mit Menschenkopf -- folgte. In kurzer Zeit stellte es sich heraus, daß dieser mit einem ebensolchen Pendant das Portal des Königspalastes flankierte — und nun währte es nicht mehr lange, und der ganze Palast des Königs Salmanassar I. wurde bloßgelegt, — das Bild des alten Assyriens in seiner ganzen Herrlichkeit bot sich den erstaunten Blicken dar; bald wurde nun auch auf der Stelle, wo Botta zuerst erfolglos gegraben hatte, der Palast Sanheribs, des Belagerers von Jerusalem, dem.tausendjährigen Schutte entrissen, und außer Inschriften und Bildwerken mannigfachen Inhalts kamen Handwerksgeräte, Vasen, bronzene Möbel, Schmucksachen Pferdegeschirre, Gewichtssteine u. s. w. in die Hände der Forscher Welchen Einblick in das Leben und Treiben der Vorzeit boten diese Funde! — Die größte Ueberraschung aber der folgen reichsten Entdeckung gewährten einige Zimmer in: Palast, du fußhoch bedeckt waren mit tausenden kleinen Tontäfelchen, in die mit einem scharfen Griffel Zeichen eingeritzt und die dann im Feuer gehärtet und so fähig gemacht waren, die Jahrtausende zu überdauern; mit einen: Worte: man hätte un 1850 die Bibliothek aufgefunden, die Assurpanibal, eii: Nach folger Sanheribs, um 650 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung also vor 2500 Jahren aulegen ließ. Diese Schätze wurden nun nach England gebracht, wo sie den: glücklichen Entdecker di Stellung eines Unterstaatssekretärs eintrugen, den Gelehrten aber ungeahnte neue Erkenntnis brachten, und das gerade zu rechten Zeit — gerade als man durch Entdeckungen, die am einem anderen Lande stammten, fähig geworden war, du Schrift zu entziffern und zu verstehen.