Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 117 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228538--59554-3296080
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

im magyarischen Tempo ein wenig ausarten wird; allein das ganze Land so mit gemeinem und aller Menschlichkeit hohnsprechendem Judenhaß zu infizieren, wie es der Heerbann der österreichischen antisemitischen Oberpaschas getan, ist bei dem nüchternen, ritterlichen Volk der Magyaren — man darf es kühn niederschreiben — ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür sprechen auch vicke Anzeichen. Alle antisemitischen Matadore. die besonders während des weltbewegenden Tisza-Eszlarer Prozesses auf dem Gipfel ihrer Macht und Popularität standen, haben jämmerlich abgewirtschaftet, mit Ausnahme derjenigen, die sich noch in letzter Zeit vom sinkenden Schiff des Antisemitismus durch eine politische Schwenkung auf den Regierungsdampfer retteten. Um nur ein Beispiel anznführen: Jstoczy, der fanatische Schöpfer des politischen Antisemitismus, ist heute ein stiller Mann geworden, der sich harmlos mit jüdischen Eeschichtsstudien befaßt und seine ungarische Jvsephusllebersetzung bei Jud und Christ an den Mann zu bringen sucht. Einige chamäleouartig antisemitisch schillernde Abgeordnete birgt unser Parlament wohl immer noch in seiner Mitte, und jene ergießen, so sich ihnen dazu passende Gelegenheit bietet, gegen die Juden, die sie jetzt mit Vorliebe euphonisch „Chasaren" nennen, eine kleine Expektoration, allein es geschieht dies wirklich in einer Weise, die sich zur österreichischen antisemitischen Manier so verhält wie — um mit einem botanischen Gleichnis zu sprechen — wie der süßliche Odeur des Löwenzahns m dem widerlichen Gesuch des Katzenkrauts. Daß aber auch unsere „autichasarischen" Parlamentarier und Publizisten ihre Rolle nicht viel glücklicher spielen als ihre antisemitischen Vorläufer von ehedem, das hat sich wieder in den letzten Tagen gezeigt, als dem enragiertesten Vorkämpfer gegen „chasarischen" Schacher, Wucher und Ausbeutung in offener Gerichtsverhandlung unwiderleglich nachgewieseu wurde, >aß er als Agent einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft ine Pauschalprovisiou von 60 000 fl. unter solchen Umständen inheimsen wollte, gegen die er, wenn es ., sich um einen irdischen Acquisiteur gehandelt Hütte, antisemitisch Gift und Galle gespien hätte. Im großen und ganzen hat sich das ungarische Abgeordnetenhaus, das sich in Europa neben dem englischen und ialieuischen Parlament als unentwegt freisinnig dokumentiert, loch bei jeder Judendebatte seiner alten Tradition gemäß tets würdevoll gezeigt. Wenn auch unserem gegenwärtigen Ninisterpräsideuten Koloman Szöll von mancher Seite antiemitische Velleitäten nicht ganz abgesprochen werden, und in x n letzten Jahren unter seinem Regime einige Gesetze geschaffen wurden, durch deren Durchführung materielle Interessen »bischer Geschäftsleute geschädigt wurden, so wäre es doch unrecht, der Negierung bei der Gesetzgebung antisemitische, das heißt das Gesamtinteresse des Judentums schädigende Absichten impntieren zu wollen. Unsere leitenden Staatsmänner sind zu sehr von der Wichtigkeit der ungarischen Juden als nationaler Faktor durchdrungen. Auf dem ganzen Gebiet des staatlichen Lebens: in der Agrikultur, in der Industrie, im Handel, in der Wissenschaft, ja sogar an der Gesetzgebung nehmen Juden redlichen und hervorragenden Anteil, aus dem sie ohne Schädigung der wirtschaftlichen und nationalen Wohlfahrt des Landes nicht hinausgedrängt werden können. Entlegene Kulturen.*) Boa Rabbiner De. S. Freund, Ostrowo. l. abcl und Bibel — so schallt es jetzt in allen Tonarten durch den deutschen Blätterwald, und der erbitterte Streck, der durch Prof. Delitzsch' Vortrag entfacht wurde, dürfte so bald nicht zur Ruhe kommen; die Streitfrage, die aus dem engen Kreise der gelehrten Forschung hinaus aus den Markt des Tages geschleudert wurde, dürfte noch lange die Geister beschäftigen und die Gemüter in Wallung bringen. Von allen Seiten, von den verschiedensten Standpunkten aus wurden die Thesen des Berliner Assyriologen bekämpft, und das, was in seinem ersten Vortrag den Trumpf seiner Ausführungen gebildet hatte, — der vermeintliche Monotheismus der Assyrer — wurde nicht nur von seinen Fachgenossen als ein bloßes Märchen erwiesen, sondern der Vater der Mißgeburt sah sich genötigt, sein Kind zu verleugnen und sich dagegen zu verwahren, daß man aus seinem Vortrage die absurde Ansicht entnehme, Israels Einheitsglaube sei eine Errungenschaft des polytheistischen Babel. Es ist nun nicht die Absicht dieser Skizze, zu dem Streite, der nun schon so vielfach der Gegenstand heftiger und gründlicher Erörterungen gewesen ist, einen neuen Beitrag zu liefern; aber es dürfte wohl, nachdem die assyrisch-babylonische Kultur in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt worden ist, für weitere Kreise von Interesse sein, von jener Kultur im allgemeinen etwas zu erfahren, und so die Grundlagen kennen zu lernen, ans der die sensationellen Hypothesen sich aufbaueu, einem modernen Babelturm gleich, der wider den Himmel sich erhebt. — Wie auf allen Gebieten geistiger Tätigkeit das verflossene Jahrhundert ganz wunderbare Erfolge aufzuweisen hat, so hat auch die Altertumsforschung ungeahnte Triumphe gefeiert, Aegypten und Babylon, die zwei Wunderländer der Vorzeit, hat sie aus tausendjährigem Schutte neu erstehen lassen; Hieroglyphen und Keilschrift, zwei Nätselfragen der Menschheit, hat sie in glücklichster Weise gelöst. — „Hieroglyphen!" Auch heut noch, wenn wir dieses Wort vernehmen, scheint ein geheimnisvoller Zauber es zu umgeben: die ragenden Pyramiden treten uns vor Augen mit ihrem Inhalt, der Jahrtausende hindurch dem Zahn der Vernichtung getrotzt; die Mysterien, die die Priester ängstlich gehütet, auf daß kein profanes Auge sie kennen lerne und durch Anschaueu sie entweihe. Und den Schlüssel zu allen diesen Geheimnissen barg die Bilderschrift der Hieroglyphen, der Geheimnisse größtes. Und doch hat in unserer Zeit der Scharfsinn der Forscher auch zu diesem Geheimnis den Zugang gefunden und all diese Rätsel nicht nur lösen, sondern auch lesen und verstehen gelernt! Wahrlich, ein staunenswerter Erfolg menschlicher Erkenntniskraft, uckv doch tritt er, glaube ich, noch zurück hinter der Großtat der Geister, die uns die Keilschrift entziffert und die alte assyrisch-babylonische Herrlichkeit unserem Auge entschleiert hat. Denn als die Expedition, die Napoleon Bonaparte nach Aegypten unternahm, von dort die berühmte „Inschrift von Rosette" mitbrachte, da war ein dreifacher Text auf ihr zu lesen: die uralte Hieroglyphenschrift, die spätere ägyptische Volkssprache und endlich der *s Mit Benutzung von Kaulens „Assyrien und Babylonien".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.