Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 116 (sequence 10)
- Language
- German
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116 gewählt werden müssen? Wenn man bei anderen Ständen eine solche Frage auswerfen wollte, so würde man Gefahr laufen, das allgemeine Gespötte zu werden. Denn wer würde nicht lachen und spotten, wenn jemand eine Untersuchung anstellen wollte, ob ein Obersanitätskollegium aus Aerzten oder aus Juristen und Predigern bestehen müsse? und umgekehrt: ob ein Kollegium, welches junge Juristen bilden soll, aus Rechtsgelehrten oder aus Aerzten und Gottesgelehrten bestehen müsse? Ja, um ganz in das allgemeine Leben hineinzugehen, wer würde nicht lachen, wenn jemand den Vorschlag täte, über die Prosession der Schneider ein beurteilendes und inspizierendes Kollegium aus Schmieden anzuordnen, und umgekehrt? Hier entscheidet die Vernunft augenblicklich über das Ungereimte des Vorschlages oder der Untersuchung. Nicht anders verhält es sich mit der aufgestellten Frage über die Schulinspektion; ich muß die Frage hier aufstellen, weil die gesunde Vernunft an vielen Orten in dieser Hinsicht noch mit einem dichten Schleier umhüllt ist; aber es wird auch genug seiu, die Frage bloß ausgestellt zu haben, um die eiustimmige Antwort zu erhalten, das; niemand anders Schulinspektor sein könne und sein dürse, als der Schulmann selbst. Wer anders kan» so, wie er beurteilen, 1. welcher Unterricht überall der Jugend zu erteilen sei; 2. in welcher Ordnung die verschiedenen Gegenstände des Unterrichts aufeinander folgen, oder miteinander verbunden werden müssen; 3. welches Zeitmaß für jeden Teil des Unterrichts bestimmt werden müsse, damit ein abgemessenes Ebenmaß in den ganzen Unterricht komme?" Und nun zum Schluß! Seit Jahrzehnten kämpft die deutsche Lehrerschaft um höhere Bildung und höhere Bewertung. Auch in jüdischen Kreisen bedarf es noch heute dieses Kampfes, besonders in letzterer Beziehung, denn man ist bis in die obersten Schichten der Gebildeten hinein tatsächlich noch nicht imstande, den Volksschullehrerstand richtig zu schätzen. Selbstverleugnung und Mißachtung der Berufswifsenschaft sind aber nicht die Mittel, um zu stiften und zu erhalten: 8clrvlom loroclwlr nelnlcorovr. Briefe aus Ungarn. ii. N. L. Budapest, im März. as ungarische Judentum wird ohne Zweifel den im ersten Briefe geschilderten kritischen Ausscheidungsprozeß überwinden. Unsere Geschichte lehrt ja, daß es zu allen Zeiten, selbst in solchen, wo jüdische Religiosität und Kultur intensiv und extensiv in Zunahme begriffen waren, Renegaten gegeben, die vom jüdischen Lebensbaume wie säst- und kraftlose Auswüchse abfielen. Daß in Zeiten, wo jüdische Streber sich zu weit vorwagen und zu ihrem ausgesteckten Ziele nur über den Rubicon des Weihwassers gelangen können, Ueberläufer häufiger denn sonst Vorkommen, ist eine Erscheinung, die sich dann und wann als Läuteruugsprozeß wiederholt. Aehnliches erlebte man ja bei lins auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts, namentlich während der josefinischen Periode und ein halbes Jahrhundert später, von 1830-1850, wieder, als man die politischen Fesseln der Juden lockerte. Daß aber diese Psychische Exsudation gegenwärtig etwas stärker als sonst auftritt, findet ihre Erklärung in dem Umstande, daß sich zur Zeit der Emanzipation in den modern gebildeten Schichten der ungarischen Juden mit der glühenden Begeisterung für die nationale und gesellschaftliche Verschmelzung auch eine grenzenlose religiöse Indolenz breit machte, und der Heranwachsenden Generation keine genügende ethische Grundlage gegeben wurde. Nur um der; herrschenden Idee» zu huldigen, gab man viele jüdische, den patriotischen und pädagogischen Anforderungen vollständig entsprechende Schulen leichtsinnig aus; die Familien, welche das Jüdische selbst in ihrem Interieur abstreiften, boten der Jugend keine religiöse Tradition, die modernisierten Bethäuser in ihrem jähen Uebergange wenig Erbauung. Die nationale Assimilierung, das Aufgehen der Gebildeten in der modernen heimischen Kultur, gelang wohl über alle Erwartung, wie es sich vielleicht selbst die großen und edlen Vorkämpfer der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, Baron Joses Eötvös, Franz Denk, Graf Julius Andrassy, nicht erträumten. Der ungarische Jude ist nunmehr in seinem ganzen Habitus von den autochthonen magyarischen Städtern nicht zu unterscheiden. Sein Fühlen, Denken und Sprechen ist ungarisch, und diese Inden, von denen es schon Hunderttausende im Lande gibt, sind nunmehr ein fast unentbehrlicher Faktor der nationalen Kulturentsaltung geworden. Allein in dem Maße, in welchem sich die Juden in Ungarn in nationaler Hinsicht so phänomenal metamorphosierten, schwand leider ihr Interesse und Gefühl für den angestammten Glauben, weil für die Lebendighaltung desselben wenig oder gar nichts geschah. Die traurigen Folgen dieser Unterlassungssünde gaben Anlaß, schon in den letzten Jahren so manche Institution ins Leben zu rufen, die berufen sein soll, wenigstens die neue Generation, ohne Verkürzung ihrer nationalen Pflichterfüllung, fester an das Judentum zu knüpfen. Man gründete die israelitisch-ungarische Literaturgesellschaft, die durch ihre Editionen und ihre Vorlesungen immer weitere Kreise der jüdischen Gesellschaft mit dem geistigen Leben des Judentums bekannt macht; eine Stiftung von 100 000 Kronen, die ein reicher Privatmann inachte, veranlaßt eine Schar von Mittelschülern, sich eingehender mit dem Urtexte der Bibel zu befassen; in der Hauptstadt gründete sich ein Verein jüdischer Jünglinge mit der löblichen Tendenz, in ihrer Mitte jüdisches Gefühl, Wissen und Leben zu entfalten und zu pflegen. Zuletzt, doch nicht als Letztes, heben wir hervor, daß sich allenthalben das Streben kundgibt, den bisher so arg darniederliegenden Religionsunterricht zu heben und wirkungsvoller zu gestalten, worin die Budapester israelitische Religionsgemeinde in mustergiltiger Weise vorangeht. Zur Rückkehr und Zunahme des jüdischen Bewußtseins trägt gewissermaßen auch der gesellschaftliche Antisemitismus bei. der sich hierund da auch bei uns wohl nur latent und in verschämter Form zeigt, obgleich er das von langer Hand vorbereitete Werk unserer mit der sogenannten Volkspartei eng liierten eeolesiu nülitans ist. Beide lassen, wie es scheint, die Lorbeeren ihrer cisleithanischen Gesinnungsgenossen nicht ruhen. Die Schuljugend wird schon im zartesten Alter zu Maria- Kongregationen vereinigt, die jüdischen Krämer auf dem Lande durch Errichten von Konsumvereinen wirtschaftlich zu Grunde gerichtet, das Volk durch das Herausbeschwören des Gespenstes von der Ueberflutung des Landes durch polnische und rumänische Einwanderer feindlich gestimmt. Trotzdem wird es jenen Elementen nicht gelingen, Ungarn zum Schauplatz solcher antisemitischen Orgien zu machen, die unser Nachbarland jenseits der Leitha so herabwürdigen. Es kann wohl Vorkommen, daß ein Bruchteil des Volkes, von etlichen Vcrhetzern aufgestachelt und irregeführt,