Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 115 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228538--59552-3296078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 »is — sonst bliebe es unbegreiflich, wie eine mächtige Partei, deren Mitglieder herdenmäßig das tun, was die Oberen heischen, einen von ihnen gestellten Antrag vertagen, nachdem länger als eine Stunde darüber debattiert worden war. Trügt diese Hoffnung aber, haben die Männer der Rechten die Absicht, in ihrem Reinigungswerk fortzufahren, so sei ihnen nur dies gesagt: „Hütet Euch! Spannt den Bogen nicht zu straff! Gedenket der Zukunft! Ihr könnt vielleicht noch das nächste Mal siegen und dann ungestört Euch Eurer Selbstherrlichkeit freuen; Euch kann der Sieg nicht bleiben! Aber wirtschaftet Ihr weiter, wie Ihr angefangen, drängt Ihr die liberalen Elemente mit Gewalt heraus, dann sind die Folgen für die Gesamtheit verhängnisvoll und unübersehbar. Denkt an das Ende!" Ein Liberaler. Me geistliche Schulaufsicht. Von Joses Feiner, Hamburg. der von Herrn Hauptlehrer Katz-Gnesen in Nr. 4 erörterten Frage der Schulinspektion erlaube ich mir, in folgendem auch einen kleinen Beitrag zu liefern. Ehe ich jedoch auf den Gegenstand selbst eingehe, sei es mir gestattet, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß ein Kollege die Pädagogik, die uns andern eine Wissenschaft, und das Erziehen, das uns anderen eine Kunst ist, als Schulinventar gänzlich preisgibt. Ich glaube, so mancher unserer Rabbiner, der mit Geschick und Freudigkeit seinem Lehramte in der Religionsschule obliegt, wird über diesen Satz den Kopf geschüttelt haben. Ihm genügt es, im Laufe der Zeit sich eine Unterrichtsfähigkeit erworben zu haben, mit Hilfe deren er auf dem überaus schwer zu bebauenden Boden der Religionsschule bescheidene Erfolge erzielt. Nun soll er auf einmal zu einem „Meister der Pädagogik" avancieren, und nicht genug damit, daß er von amtswegen zum „stofflichen" Revisor bestellt, soll er nun auch noch den Geist seines vielleicht um Dezennien älteren Schützlings in neue Bahnen lenken. Nein, wer durch eine sich auf nur wenige Stunden in der Woche erstreckende Unterrichtstätigkeit „geschärfte Urteilskraft" in Pädagogischen Dingen sich erworben hat, wird einsehen, daß die Worte eines in seinem Berufe als Rabbiner und Religionslehrer ergrauten Mannes der Berechtigung nicht ganz entbehren. Der selige Landesrabbiner Landsberg in Hildesheim schrieb einst in einem Zirkular: „Es ist ein Unterschied zwischen Wissen und Lehren, und selbst Gelehrte und Rabbiner sind oft im Unterrichtsfach Stümper. Sie entwickeln nicht die Geistesanlagen des Kindes, daß es naturgemäß mit derselben Freude, mit der der Baum blüht, sich entfalte, sondern sie stopfen den Kopf voll mit auswendig gelernten und zu lernenden Phrasen, die dem Geiste keine Förderung, dem Gemüte keinen Reichtum gewähren." Wenn ich nun auch nicht umhin kann, der These des Herrn Katz zuzustiinmen: „Für den Religionsunterricht aber kann es doch schon aus der Natur der Sache keinen geeigneteren Inspektor als den Rabbiner geben," dann muß ich doch im Namen der Kollegen, die gewohnt sind, aus „sachlichen Motiven" über eine Frage, die die Gesamtlehrerschast seit Jahrzehnteil erregt und bewegt, zu urteilen, gegen folgende Unterstellung energisch protestieren. „Wenn aber gleichwohl ein sehr erheblicher Teil der jüdischen Lehrerschaft der geistlichen Schulinspektion gegenüber sich ablehnend verhält, so entspringt dies wohl zum großen Teil weniger sachlichen Gründen als dem sehr gespannten Verhältnis, das bedauerlicherweise zwischen Lehrern und Rabbinern besteht." Weiß Herr Katz wirklich nicht, daß diese Ablehnung der geistlichen Schulaufsicht seitens der jüdischen Lehrer sich deckt mit dem Bestreben der gesamten deutschen Lehrerschaft, „sich frei zu machen von der Fremdherrschaft, unter der wir, aller Entwickelung zum Hohn, noch immer stehen?" Diese Freiheit zu erringen, bezeichnet Rißmann im Januarheft der „Deutschen Schule" als eine der wichtigsten Aufgaben des Lehrerstandes. Seine „sachlichen Gründe" dafür sind folgende: „Es ist entwürdigend für den Volksschullehrerstand von heute, ihn auch noch hinsichtlich der technischen Seite seines Berufs unter die Aufsicht eines anderen Standes zu stellen, eines Standes, der, so hoch sein kultureller Wert auch im übrigen bemessen werden mag, doch in dieser Hinsicht nicht einmal imstande ist, eine Qualifikation nachzuweisen. Wenn die ehrlich Strebenden im geistlichen Stande wüßten, welche Fülle von Abneigung und Haß dieses unnatürliche Verhältnis im Lehrerstande gezüchtet hat und jahraus weiter züchtet, sie ivürden, meine ich, im Interesse des heiligen Gutes, das sie verwalten, selbst Hand anlegen, um eine Aenderung herbeizUführen. Die Frage der Schulaufsicht, die den deutschen Lehrerverein aufs neue beschäftigt, ist nicht die Frage, ob und wieweit dieselbe nötig ist, sie ist nicht die Frage nach ihrer zweckmäßigsten Gestaltung, sondern sie ist die Frage, wie die Lehrerschaft ermöglichen kann, Herr im eigenen Hanse zu werden. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Lehrer ist weder religions-noch kirchenlos; keineswegs hat sie die Absicht, die Religion aus dem Kreise der für die Schule maßgebenden Bildnngsfaktoren auszuscheiden; sie bringt auch der konfessionellen Form religiöser Erkenntnis lind Praxis Ehrfurcht genug entgegen, als daß sie ihre Bedeutung unterschätzen würde - aber sie fühlt es als eine Erniedrigung deS Standes, ja als eine Mißachtung der Schule selbst, daß man sie als minorenn einschätzt und ihr einen Kurator setzt in einem anderen Stande, dem, so sehr auch sein Beruf mit dem ihrigen verwandt ist, dennoch die Bedingungen davon abgehen, ihre Arbeit wirklich sachgemäß zu schätzen." Ich bin nicht sicher, daß mein Antipode die „Deutsche Schule",- das Organ der deutschen Lehrerschaft m der erörterten Frage, nicht ebenso als befangen erachten wird, wie er solches mit dem Organ der jüdischen Lehrerschaft zu tun beliebte. Aus diesem Grunde halte ich es für notwendig, dem Herrn Kollegen zu beweisen, daß die Stellungnahme der Modernen keine andere als die aller denkenden Lehrer der Vergangenheit ist. Vielleicht bringt das Wort eines gänzlich Unbefangenen Herrn Katz dazu, die beiden schweren Anklagen am Schluß seines Artikels zurückzunehmen. Wie es gänzlich unmotiviert ist, den jüdischen Lehrer zum Gegner des Rabbiners zu stempeln, so erachte ich es als eine Beleidigung der Rabbiner, ihnen zu imputieren, sie träten direkt oder indirekt der Neugründung von jüdischen Schulen entgegen oder wendeten der Erhaltung der bestehenden kein Interesse zu, bloß, weil die jüdische Lehrerschaft einen gegnerischen Standpunkt dem Rabbiner gegenüber in der Frage der Schulaufsicht einnimmt. In seiner Schrift „lieber Schulinspektion, 1797" schreibt der bekannte Methodiker I. H. PH. Seidenstücker, Vorgänger Ahns und Plötz': „Aus welchen Ständerr die Schulinspektoren