Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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114 tionen von Schülern und Lehrern verehrungsvoll aufblicken, einen Mann, dessen Lebensführung so intakt, wie seine jüdische Begeisterung erhaben und erhebend ist, sie lehnen ihn ab, weil er vielleicht in einzelnen Ansichten denen der Mehrheit widerspricht! Derartige Schachzüge waren bis Ende vorigen Jahres selten; seit Anfang dieses Jahres, seit der durch das Gesetz erforderten Neuwahlen der Verwaltungskommissionen werden lle epidemisch. Die Herren haben die Gewalt, sie meinen, ^amit auch das Recht zu haben. In einer der letzten Sitzungen (vergl. den Bericht dieser Zeitung, Nummer 8) war von der Kommission für die Subventionierung für die Religionsvereine Herr Beuas Levy als neues Mitglied vorgeschlagen, dieser Vorschlag vom Gemeinde- Vorstand gutgeheißen worden. Dem verdienten Mann, der kurze Zeit Repräsentant gewesen und auch dem Lose zum Opfer gefallen war, gebührte schon lange eine Anerkennung. Als Gemeindevertreter hatte er sich umsichtig und fleißig gezeigt, er ist ein sehr tätiges Mitglied der Bibliothekkommission; seine verdienstvolle Arbeit als Beisitzer des Berliner Literatur- Vereins, seine unermüdliche segensreiche Wirksamkeit für die jüdische Lesehalle, als deren eigentlichen Leiter man ihn ansehen kann, beweisen, wie erfolgreich er arbeiten kann. Da er überdem als Kaufmann und eingesessener Berliner mit den Verhältnissen weiterer Kreise genau bekannt ist, so wäre er gerade für die genannte Kommission der rechte Mann. Aber da er auch Vorstandsmitglied im liberalen Verein ist, so genügte diese nach dem Urteile der Rechten böse Eigenschaft, um seine guten vergessen zu machen, und er wurde von der kompakten Majorität gestrichen. Diesem Siege, freilich einem Pyrrhussiege, reihte sich ein Kampf an, dessen Ausgang mehr einer Niederlage glich. Die Kommission für das zweite Waisenhaus Pankow war zu wählen. Der dritte Ausschuß, d. h. die auch dort vorhandene konservative Mehrheit, wagte nun zwar nicht, die bisher mit löblichem Eifer tätigen Männer zu entferne», schlug aber zwei Mittel vor, beide wirksam genug, um das liberale Unkraut auszurotten und dafür das Unschuldsblümchen der Orthodoxie einzupflanzen. Fünf neue Mitglieder sollten gewühlt werden — und bei der so schönen Parität, welche die Rechte gewährt, kann man sich denken, wieviel auf die linke Seite entfallen wären. Ferner sollten drei der bisherigen Mitglieder ausgelost werden und — hier war alle Schüchternheit bei Seite gesetzt — durch solche ersetzt werden, welche auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen. Beide Vorschläge sind so ungeheuerlich, daß sie eine genauere Beachtung verdienen. Der erste. Unsere Verwaltungskommissionen bestehen gewöhnlich aus 7 Mitgliedern und befinden sich wohl dabei. Sie sind größtenteils Aufsichtsbehörden und haben zumeist nur in den Sitzungen zu erscheinen oder durch gelegentliche Besuche in den ihnen unterstehenden Instituten ihr Interesse zu bekunden. Eine Vermehrung der Mitgliederzahl solcher KommiHouen würde nur dazu dienen, den Eifer der bisher Tätigen zu beschränken oder gar zu lähmen. Aber dieses Streben nach Vermehrung entspringt nicht etwa dem Verlangen, eifrigere, sondern dem, frömmere Mitglieder in die Kommission zu schicken. Denn vielleicht könnte das Los, das den Herren von der Rechten schon so manchen schätzenswerten Dienst erzeigt hat, sich einmal gegen sie wenden und sie selbst herausbesördern. Und dann bedenke man das Unerhörte! Männer, durch die Gemeindebehörden gewählt, seit Jahren in ihrem Amte erprobt, von Keinem in der Art ihres Waltens bemängelt, sollen durch den Zufall des Loses entfernt werden! Dem blinden Ungefähr wollen diese frommen Herren anvertrauen, was bisher durch den Einfluß der kompetenten Behörden geregelt wurde. Der zweite Vorschlag. Die Ausscheidenden sollen durch Männer ersetzt werden, die auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen. Wissen die Herren, welche solche Worte brauchen, wirklich, was sie bedeuten? Welches traditionelle Judentum meinen sie denn? Das vor 2000 Jahren, das vor 500, oder das vor 50? Sind diese Stürmer wirklich so unwissend, daß sie nicht ahnen, welche Wandlung das Judentum, selbst das orthodoxe, in den letzten Jahrzehnten erfahren hat? Ist ihnen denn nicht bekannt, daß die Vertreter der Orthodoxie vor 50 Jahren Schmach und Schande über ihre heutigen Nachfolger rufen würden? Ich meine: selbst über die wirklichen Orthodoxen, bei denen Glauben und Tun im Einklang ist, die konservativ leben und darum konservativ reden. Aber unsere orthodoxen Heersührer und deren Gefolge reden ja nur konservativ und sind weit entfernt davon, im Essen und Trinken, in ihren Gewohnheiten und auf Reisen sich die Entbehrungen aufzuerlegen, die ein wirklich Frommer mit Freuden trug. Glauben sie nun wirklich, daß sie trotzdem auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen? Und selbst, wenn dies der Fall sein sollte, während jetzt das Gegenteil geschieht, was hat denn das traditionelle Judentum mit der Waisenpflege zu tun? Einer der Herren tat sehr entrüstet, als ihm bei seiner herzbewegenden Rede von der Linken der Ruf entgegentönte: „Mazzebäcker" und „Koscherwächter" und wünschte gewiß, die Mauern stürzten über die Frevler zusammen. Aber hatten die Rufer nicht recht? Ist die jüdische Religion denn wirklich eine Magenreligion? Ist unsere Waisenpflege nur dazu da, die Pfleglinge vor einem „trefenen" Bissen zu bewahren? Den Waisen ein Elternhaus zu schaffen für das verlorene, ihnen in Liebe und Güte edle Sitten und mannigfache Kenntnisse beizubringen, sie vorzubereiten für den Kampf des Lebens, sie zu tätigen und, wenn es geht, hilfsbereiten Menschen zu machen, das ist dis große Aufgabe, die der Waisenpflege zugewiesen ist. Menschen in erster Linie! Wir wollen gewiß ihnen den väterlichen Glauben wahren und, soweit sie sich mit der modernen Kultur verträgt, auch die väterliche Sitte, aber gewiß steht die letztere, stehen die bloßen Formen, die verschiedenen Gebräuche, weit weit zurück hinter Liebe und echtem Menschentum. Nicht der wird im Leben bestehen, der den starren Kodex der Gebräuche innehat, sondern der, der das reine Sittengesetz vor sich gesehen und in sich ausgenommen hat. Der Redner der Rechten meinte, einen besonderen Trumpf auszuspielen, als er wehklagte, in der jüdischen Waisenpflege werde „ethische Kultur" getrieben, er ahnte nicht, daß wahre ethische Kultur den Waisen notwendiger sei als alles andere. Daß übrigens alle die versteckten Angriffe der Rechten gegen nichtrituelle Vorgänge im zweiten Waisenhause völlig haltlos seien, wurde ihnen besonders von dem konservativen Vorstandsmitglied Herrn Sanitätsrat Stern nachgewiesen. Sie wagten daher auch nicht, ihren Antrag zum Beschluß zu erheben, sondern zogen sich — der Mutige weicht einen Schritt zurück — hinter das Bollwerk der „Vertagung" zurück. Hoffentlich war dieser Vertagungsantrag ein Anfang der Selbsterkennt-