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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 113 (sequence 7)
Language
German
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113 Obgleich sie nun nicht die Majorität besaßen, wußten sie den Präsidentensitz zu behaupten. Denn nicht um ein Neuerringen, sondern um ein Bewahren des Althergebrachten handelte es sich. Wäre Herr Landsberger wiedergewählt worden, — der nur infolge seiner Stellung zur Sonntagsfrage die Majorität nicht auf sich vereinigte — er wäre ganz unzweifelhaft der allseitig gewählte Präsident gewesen; da er nicht da war, meinte die konservative Partei, die sich als die herrschende fühlte, mit dem neuen Mann auch ein neues System durchzusehen. Die Liberalen dagegen, in diesem Falle gtößere Anhänger der Tradition als ihre sonst der Tradition ergebenen Gegner, hielten daran fest, einen Liberalen an der Spitze zu sehen, da ein solcher seit Jahrzehnten, auch bei viel stärkerer konservativer Mehrheit, die Versammlung geleitet hatte. Da sie auf dem Platze waren, so setzten sie die Bewahrung der Tradition durch. Herr Louis Sachs wurde gewählt. Es war, wie auch die Gegner bekennen müssen, eine glückliche Wahl. Ein temperamentvoller Mann, eine stattliche Erscheinung. Mit Energie und Unparteilichkeit wußte er die Verhandlungen zu leiten, mit klangvoller Stimme sich überall verständlich zu machen; seine langjährige Tätigkeit in der Versammlung, seine durch Zugehörigkeit zu anderen Körperschaften und Vereinen gewonnene parlamentarische Praxis befähigten ihn in hohem Grade zur Leitung und machten ihn zum Hort und Wächter der Geschäftsordnung. Sein Verdienst wurde allseitig anerkannt, so daß er bei den Neuwahlen 1900 und 1901 ohne jeden Widerspruch sein Amt behielt. Anfang 1902 änderte sich das Aussehen der Versammlung. Es wurde „schwarz". Nicht etwa durch die Neuwahlen der Repräsentanten, obgleich die schwarze Lifte mit großer Majorität durchging, sondern durch den Zufall des Loses, das bekanntlich den „Frommen" immer günstig ist. Ende 1901 hatte nämlich eine Auslosung der Repräsentanten-Stellvertreter stattgefundeu; das Schicksal des Ausscheidens hatte drei Liberale getroffen, die an Stelle Verstorbener als Mitglieder der Versammlung eingerückt waren; so war durch Zufall aus einerliberalen Majorität 11 gegen 10 eine konservative von 13 gegen 8 geworden. Diesen Zufall machten sich die Konservativen zn nutze. Sie, die Verehrer der Tradition, wollten aus einmal von ihr nichts wissen. Sie kümmerten sich nicht darum, wer der beste Mann, sondern wer der bequemste sei; und da ihr Anhänger, Herr JustizratAp olaut, der ehemalige Vizepräsident, von der früheren Mehrheit ein Mißtrauensvotum erhalten und deswegen resigniert hatte, so wurde er mit der Präsidentschaft betraut. Als Jurist entledigte er sich seines Amtes nicht ohne Geschick, doch starb er nach einer Geschäftsführung von wenigen Monaten. Es hätte nun nahe gelegen, daß die konservative Partei sich mit ihrem ersten Siege begnügte. Sie hatte ihre Macht gezeigt, nun hätte sie verzichten dürfen. Herr Louis Sachs wäre bereit gewesen, auch jetzt noch das Präsidium zu übernehmen, er hätte der numerisch stärkeren Partei niemals geährlich werden können. Seine Wahl empfahl sich nicht nur, sondern sie drängte sich fast gebieterisch auf, da die Rechte keinen Vorsitzenden in ihren Reihen besitzt. Sie hat einzelne nicht ungewandte Sprecher, aber keine mit der nötigen Autorität bekleideten, geschäftskundigen Männer. Jedoch die Vernunft schweigt, wenn das Prinzip siegen soll. Da man keinen besaß, der die Fähigkeit zu dem Amte sein nannte, so wählte man den, der wenigstens die Jahre dazu hatte, Herrn Gustav Löwenberg. Der neue Vorsitzende ist ein sehr würdiger Herr, wirklich orthodox in seinen Anschauungen und im Leben, höchst respektabel in seiner Stellung, ein Mensch, dessen menschliche Eigenschaften in und außerhalb der Versammlung die größte Hochachtung erregen. Aber er besitzt nicht die zum Präsidenten tauglichen Eigenschaften. In jeder Sitzung erheben sich deshalb seit dieser Zeit endlose Geschäftsordnungsdebatten, Wirkungen der mangelnden Initiative des Vorsitzenden. Entgegen dem srühern streng parlamentarischen Gebühren geht es im Sitzungssaal recht tumultuarisch her; Zwischenrufe, lautes Geplauder läßt sich hören; Redner beklagen sich, daß sie nicht znm Wort kommen, obgleich sie sich gemeldet; auch in den Sitzungssaal, wie in den Jugendgottesdienst, scheint der Ritus der Heidereutergasse seinen Einzug gehalten zu haben. Nicht der wackere, würdige alte Herr, der aus dein Präsidentenstuhle sitzt, ist daran schuld, sondern die Majorität, die ihn gewählt hat. Sie aber schreitet fort ans dem einmal eingeschlagenen Wege Sie hat die Macht, folglich meint sie auch das Recht zu haben. Der Ritus des Jugendgottesdienstes ist erwähnt. Dieser war von Herrn Dr. Ungerleider festgesetzt worden, bot also nichts dar, was der Tradition widersprach. Die Konservativen indessen, für welche die Tradition nur bindend ist, wenn sie ihnen Paßt, zeigten sich auch hier wieder als Radikale. Dr. Ungerleider hatte deutsche Gesänge belassen und hatte das Gebet ui» die Rückkehr nach Zion gestrichen; solchem Greuel mußte Einhalt getan werden; und die alte Agenda, die seit l s z Jahrzehnten nie und nirgend die geringste Klage hervorgerufen hatte, die in einem streng orthodoxen Privatverein des Westens eingeführt worden ist, mußte für den Osten abgeschafft werden, da das Seelenheil der Jugend in Gefahr war! Wo irgend möglich, feiert die Orthodoxie ihren Triumph. Ihr ist es zuznschreiben, daß beim Bau der Mädchenschule in der Kaiserstraße nicht bloß während des Gottesdienstes am Freitag und Sonnabend - was gewiß recht und billig - die Tätigkeit ruht, sondern daß am Freitag Mittag von I Uhrgefeiert wird! Aber kehren wir zur Repräsentantenversammlung zurück! Grundsätzliche Beschlüsse brauchten nicht viel gefaßt zu werden; die Verhandlungen waren zumeist geschäftlicher Natur; die Mehrheit zeigte ihre Macht in Personenfragen. Ein Pröbchen davon ist charakteristisch. Vor einiger Zeit wurde der Schulvorstand darauf hingewiesen, daß nach einer Verfügung des Ministers ein Lehrer oder Schulleiter in der Schulkommission zu sitzen habe. Der Schulvorstand kam dieser Anregung in breiterer Weise nach, als verlangt wurde, um die Billigkeit gegen die beiden Gemeindeschnlen zu bekunden; der Gemeindevorstand glaubte, mit Rücksicht ans das Alter und die Erfahrung des Herrn Dr. Holzinan nur diesen zn nominieren. Die Mehrheit der Repräsentantenversammlung lehnte diese Wahl ab, weil nach ihrer Meinung der Genannte — zu radikal sei! Man denke! Der Schulvorstand, die einzige Behörde, die darin kompetent ist, der Gemeindevorstand. die stabile Behörde, die jenen Beamten ans einer jahrzehntelangen Tätigkeit kennen, erklären ihn für geeignet; die Mehrheit der Repräsentanten, von denen manche seit ein Paar- Monaten ihres Amtes walten, lehnen ihn ab. Sie lehnen einen Schulmann ab, der durch Wissen, Erfahrung, Pflichttreue, Energie ein hohes unerreichbares Muster ist, zn dem Genera-

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