Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 der Fall war, sondern in bescheidene Ackerbauer verwandelt werden sollen, die sich mit einem kleinen, aber sicheren Verdienste begnügen. Diese Meldung ruft in der russisch-jüdischen Presse vielfach abfällige Betrachtungen hervor. Man wendet sich nicht nur gegen das neue Kolonisationsprojekt, sondern gegen die kolonisatorische Tätigkeit der „Jca" überhaupt. „Die Ergebnisse der abgelaufeneu zehnjährigen Tätigkeit der „Jca", sagt ein Blatt unter anderem, „entsprechen den übermäßigen Hoffnungen nicht, welche man auf dieses Unternehmeil gesetzt hat. Bis jetzt leben in den Kolonien (in Argentinien) im ganzen nur 1082 Familien. Tie ökonomische Lage der größten dieser Kolonien ist noch immer unsicher. Wir werden uns kaum irren, wenn wir sagen, daß das neue grandiose Unternehmen der „Jca" unter den denkenden Inden keiner Sympathie begegnen dürfte." Das Blatt irrt sich in der Tat gar sehr, wie wir ohne Zweifel im Namen der Majorität der westeuropäischen denkenden Juden, ihm bestimmt versichern können. Wie aus Amerika berichtet wird, besieht in den maßgebenden Regierungskreisen nicht das geringste Bestrebeil zur Verminderung der Einwanderung nnd namentlich denkt niemand daran, einen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Immigranten zu machen. Ein Rechtsschutz- Komitee verfolgt das jetzt dem Senat vorliegende neue Einwandernngsgesetzsorgfältig, und es ist ihm bereits gelungen, manche unerwünschte Bestimmungen aus demselben zu entfernen. Gegenwärtig sind Verhandlungen im Gange, dem Jargon die Anerkennung als europäische Sprache zu verschaffen, wodurch 35 Prozent aller jüdischen Einwanderer vor dem Schicksal bewahrt sein würden, als „Jlliterach" zurückgewiesen zu werden. In den letzten viereinhalb Jahren sind 251 000 also über einviertel Million Juden eingewandert. Von diesen sind 70 Prozent in Newyork, 19 Prozent in den Staaten Illinois, Pennsylvania und Massachusetts und nur 11 Prozent in den übrigen 49 Staaten verblieben. Demnach hat sich die Zahl der jüdischen Bewohner des Ghetto von Newyork in den letzten viereinhalb Jahren um nahe 200 000 Seelen vermehrt. In dem Kampf um den Zwang der Sonntagsheiligung durch die Israeliten, der in Newyork entbrannt ist, ordnete der Oberbürgermeister von Newyork an, daß alle orthodoxen Juden, welche den Sabbath heiligen, die Vorschriften für die Beobachtung und Heilighaltung des christlichen Sonntags nicht zu beobachten brauchen und ihre Geschäfte schließen oder öffnen können, wie sie wollen. Der Oberpolizeimeister von Newyork, General Greene, versetzte den Polizeikommiffar im östlichen Stadtteil von Newyork, wo die meisterr Juden wohnen, zur Strafe, weil derselbe die Sonntags- Heiligung durch die Juden erzwungen hatte. Air letzten Sitzungen der Berliner Nepräsentantenver sammlung. Berlin, im Februar. eine allgemeine Zeitung, wie diese, sich außer der Wiedergabe der Sitzungsberichte auch in besonderen Artikeln mit den Vorgängen innerhalb der Versammlung einer Gemeinde beschäftigen? Diese Frage dürfte nicht von allen bejaht werden. Denn man hört ans dem Leserkreis gelegentlich Klagen, daß in mittleren und kleinen Gemeinden doch auch gearbeitet werde und daß diese Rücksichtnahme auf die größte eine ungerechte Bevorzugung sei. Andererseits merkt der, der infolge seiner Berufstätigkeit manche auswärtige Gemeinde zu besuchen Gelegenheit hat, daß diese Berichte mit Spannung erwartet, mit Teilnahme gelesen und diskutiert, daß die Vorgänge innerhalb der Riesengemeinschast als vorbildlich auch für andere Verbände angesehen werden. Freilich nicht überall und nicht in allen Fragen. Gewährt die Berliner Gemeinde für einen wissenschaftlichen Zweck 1000 Mark, so meint eine kleine durch Darreichung von 50 Mark vollauf ihre Pflicht getan zu haben; der Eifer für die Ausdehnung des Religionsunterrichts dagegen wird nachgeahmt, die Armen-, Kranken- und Wohltätigkeitsanstalten gelten für mustergiltig; die Riesenschenkungen, von denen fast jeder Sitzungsbericht zu melden weiß, werden angestaunt. Möglich, ja wahrscheinlich, daß in manchen dieser Beziehungen die Handlungsweise der Hauptgemeinde vorbildlich wirkt und Nachahmung weckt. Und doch sieht man nicht selten ein „Schütteln des Kopfes", So erregte der Vorschlag, für die jüdischen Schulen die Einführung des Hebräischen zu verlangen — der Vorschlag, den ein kurzsichtiger Repräsentant sehr unberechtigterweise als einen allgemein wohl aufgenommenen begrüßte — vielfach die größten Bedenken, und die Vorherrschast der Orthodoxie, ihr radikales Draufgehen, wenn man dieses Wort mit „Orthodoxie" in Verbindung setzen darf, wird glücklicherweise nicht allerorten uachgeahmt. Vielmehr sind manche kleinere intelligente Gemeinden in ihrem gesunden Liberalismus so sicher und stark, daß sie die Siegesgewißheit der sog. Berliner Orthodoxie belächeln und ihr nahes Ende Vorhersagen. Wer als unbefangener Zuschauer den Verhandlungen der Versammlung zuschant und zuhört, wird von peinlicher Verwunderung ergriffen. Schon der äußere Anblick einer solchen Versammlung ist seltsam genug. Jahrzehntelang stand an der Spitze der Versammlung Herrn. Makower. Er war eine geborene Präsidentennatnr, groß, schlank, fest, klar. Seine Stimme wurde überall vernommen, sein Ansehen von allen verehrt, seine Sachkunde und Geschäftskenntnis ließen keinen Zweifel aufkommen. Ihm folgte Herrn. Landsberger. Ein allgemein geachteter Kaufmann, hochgebildet, ein Mann mit feinem Benehmen, klangvoller Stimme, der irr kürzester Frist sich allgemeine Sympathien zu verschaffen wußte und, von einer orthodoxen Mehrheit gewählt, selbst bei gewaltigen Redestürmen Ruhe zu erzwingen und sich Autorität zu erringen verstand. Der kleine, bewegliche Mann war vielleicht keine repräsentative Persönlichkeit und gewiß kein geborener Präsident, aber er wußte durch eine seltene Mischung von Weichheit und Strenge die Mängel seiner Statur zu verbessern und durch gründlichste Kenntniß der Geschäftsordnung eine musterhafte Leitung der Verhandlungen zu erwirken, Anfang 1899 schien, entgegen dem Kalender, der erst mit dem Jahre 1901 ein neues Jahrhundert eintreten läßt, eine neue Aera anzuheben. Die Liberalen siegten. Es chätte an ihnen gelegen, die Majorität, 11 gegen 10, zu haben; sie zogen es vor, aus ihre Liste auch den konservativen, nunmehr verstorbenen Herrn Leonhard Sachs zu setzen und diesem damit zum Siege zu verhelfen, weil sie den erprobten, geschäftskundigen, unermüdlich tätigen Mann nicht missen wollten.