Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Es würde dann zu interessanten Ergebnissen und vielleicht auch zu einem unbefangenen Urteil über diesen Einfluß gekommen sein. Talentvolle Männer jüdischer Abstammung finden wir in allen Parteien; in keiner aber haben sie eine so große Bedeutung erlangt, wie in der konservativen. Wenn aus den Wirren, unter denen sich der Uebergang des alten Preußens in das neue vollzog, sich eine konservative Partei mit einen« politischen Programm auch bei uns aufrichten konnte, so ist das das Verdienst eines ehemaligen Juden gewesen, der obendrein aus Süddeutschland, ans Bayern gekommen war, des Professors Stahl. Die konservative Partei hat das auch selbst dankbar anerkannt, indem sie eine bleibende Erinnerung an ihn geschaffen hat. Seine Büste ist noch heute neben der des Fürsten Bismarck im Sitzungssaal des Herrenhauses ausgestellt. Aber auch später und heute noch können wir Männer jüdischer Herkunft in den Reihen der Konservativen finden. Wir nennen nur die Abgeordneten Simon v. Zastrow, Dr. Hahn, v. Oppenfeld, um von denen ganz zu schweigen, die durch Heirat jüdisches Blut in ihren Adern haben. Der frühere Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Hahn, der Freund Stöckers, hat überdies auch noch eine große Rolle in der evangelischen Orthodoxie gespielt. Die „Kreuzzeitung" hätte danach wohl am allerletzten Ursache, von dem „zersetzenden Einfluß der Juden in der Politik" zu sprechen." Soweit das zitierte Blatt. Vor der eigenen Tür zu kehren, war nie eine Lieblingsbeschäftigung der „Kreuzzeitung". Sie sah jederzeit den Splitter im Auge des anderen, ohne den Balken im eigenen Auge zu gewahren. Es ist aber sehr beachtenswert, daß ihr diesmal die Wahrheit von nationalliberaler Seite gesagt wurde. Der Ausspruch Liebermanns v. Sonnenberg auf einer Wahlversammlung in Braunschweig: „Die Nationalliberaleil sind erst Antisemiten nach 12 Uhr nachts am Biertische" ist also doch, wie alles, was von dieser Seite kommt, nur sehr vorsichtig aufzunehmen. Die jüdischen Lehrer im Regierungsbezirk Kassel, die zugleich Vorsänger oder Kultusbeamte sind, haben um Entschädigung für diese Tätigkeit beim Abgeordnetenhause petitioniert. Der Regieruugsvertreter erklärte, die Petenten müßten sich an ihre Synagogengemeinden und eventuell an die Aufsichtsbehörde wenden, da ihren Wünschen die Berechtigung nicht abzusprechen sei; der Staat könne nichts für sie tun. Es wurde der Uebergang zur Tagesordnung angenommen. Referent war der Abgeordnete Kopsch. Leider war ein solches Resultat vorherzusehen. Wie berechtigt auch die Wünsche der Petenten sein mögen, der Weg, den sie zur Erreichung ihres Zieles eingeschlagen, war sicher bei der Lage der Verhältnisse der verkehrte. Freilich der Rat des Negierungsvertreters war ebenso verkehrt. Demi ohne Zweifel haben die Petenten den Instanzenweg bereits ohne Erfolg beschritten und ihre ultima ratio war sicher diese leider ebenfalls erfolglose Petition. In Frankreich wurde am Sonntag in der Sorbonne die Hundertjahrfeier Edgar Quinets festlich begangen. Von dem Festkomitee ist auch der hiesige rumänische Gesandte Ghika eingeladen worden, der bei der Gelegenheit eine Rede gehalten hat. Vorher erhob sich Pressensö entrüstet gegen diese Programmnnmmer und schrieb: „Weiß man denn auch, was man tut, wenn man einen Rumänen Z» ein em Feste des Freisinns, der Vernunft, des Gewissens, der Revolution einladct? Im Augenblick, wo Rumänien den Berliner Vertrag mit Füßen tritt, mit Glaubensduldung und Gleichheit vor dem Gesetze Spott treibt, ladet man es mit.Galgenhumor ein, feierlich einem unbeugsamen Vorkämpfer dieser großen Grundsätze zu huldigen. Das ist eine Demütigung Quinets, seiner Gedanken und der Demokratie, die in ihm einen treuen Ausleger des Geistes der Revolution feiern will. Die Verfolger einer Rasse und ein es Glaubens dürfen bei der Qui net-Feier nicht zu Worte ko mmen." 4 Der italienische Kriegsminister Ottolenghi hat kürzlich im Parlament den Militäretat, wie die Blätter sämtlicher Parteien anerkennen, mit Geist und großer Sachkenntnis verteidigt. Er hat dabei folgende interessante Aeußcrung gegen den Vvrwurs des „Militarismus" getan: „Bedeutet Militarismus' Kastengeist und Kastenprivilegien, so lehne ich ihn mit aller Entschiedenheit ab; bedeutet er indessen Freude am Heer und a» den militärischen Einrichtungen, so nehme ich ihn herzlich gern an; denn das Heer ist der Schutz des Vaterlandes am Tage der Gefahr." Ohne Zweisel werden konservativ-antisemitische Blätter aus diesem Satze Haarschars beweisen, das; die Juden fürhöhere Stellungen in der Armee wirklich nicht reif seien! 5 Das englische Unterhaus debattierte am Freitag wieder einmal über die Einwanderungsfrage. In der Fortsetzung der Adreßberatnng brachte der Hauptagitatvr für ein Verbot der Einwanderung, Howard Vincent (konservativ), einen Abänderungsantrag ein. Der Antragsteller erklärte, daß die neuerdings bedeutend erhöhte Einwanderung mittelloser Fremder nach East End in London eine schwere nationale Gefahr bilde und die Wohlfahrt, die Arbeits- und Wohnungsverhältnisse der englischen Arbeiterklassen in ernster Weise schädige. Redner forderte die Regierung aus, ihre Versprechungen zu erfüllen und in nächster Zeit einen entsprechenden Gesetzentwurf einzubringen, indem er daraus hinwies, daß die Zahl der in den letzten Jahren in England angekommenen Fremden 81401 betragen habe gegen 70 610 im Jahre 1901. Unter diesen Fremden sei eine beträchtliche Anzahl Bestrafter gewesen; auch die Zahl der Ausländer in der Handelsmarine sei bedenklich gestiegen. Der Handelsiinnister Gerald Balfour erwiderte, die Regierung erkenne die Schwierigkeit der Einwanderungsfrage an. Eine Kommission sei mit eingehender Prüfung der Angelegenheit betraut, bevor dieselbe ihre Arbeiten beendet habe, sei es unmöglich. eine Entscheidung zu treffen. Howard Vincent zog hierauf seinen Antrag zurück. Inzwischen erweisen die vor der erwähnten Kommission fortwährend gemachten Aussagen die Unhaltbarkeit der von Howard Vincent und Genossen speziell gegen die jüdischen Einwanderer erhobenen Vorwürfe. * Wie man aus Rußland meldet, soll sich die llccvisll Lolomration Association mit einem neuen große»; Kolonisations- Projekt befassen. Die „Jca" soll nämlich beabsichtigen, große Ländereien in der brasilianischen Provinz Rio Grande zu erwerben oder gar schon erworben haben, um in diesen subtropischen Landstrichen jüdische Ackerbaukolonien für unsere Volksgenossen ans dem jüdischen Niederlaffungsgebiete in Rußland zu gründen. Das neue Experiment der „Jca" mit de»» russischen Juden soll nunmehr darin bestehen, daß die Juden in Rio Grande nicht in Farmers, wie es in Argentinien