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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-03-06 · Heft 10 (6.3.1903) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 10 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 110 (sequence 4)
Language
German
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Aeußerungen und wir zitieren gern die folgenden Sätze aus seinem Aufsätze: „Wenn deute jemand vor das Publikum träte und ihm meldete: Meine Herren, ich befreie Sie von einer großen Täuschung; Sie haben bisher geglaubt, der Goethe'sche „Faust" sei ein Originalwerk; er ist aber ein spätes sekundäres Produkt; denn der ganze Stoff ist schon in einem Volksbuch des 16. Jahrhunderts enthalten" — was würde man ihm antworten? Auslachen würde man ihn, und Delitzsch würde initlachen. Sicherlich ist auch er weit davon entfernt, die Frage nach dem Wert der alttestamentlichen Religion auf Grund der Abhängigkeit von Babylon bestimmen zu wollen; allein er hat meines Erachtens nicht genug getan, um bei seinen Hörern und Lesern der Bildung einer falschen Vorstellung zuvorzukommen. Was dieses Publikum einem Goethe ohne weiteres zugesteht, das räumt es den Propheten und Psalmisten noch lange nicht ein. Dazu: weil bisher eine übermenschliche Vorstellung vom alten Testament verbreitet war, so schwingt der Pendel der Beurteilung nach einem bekannten psychologischen Gesetz nun zum Gegenpol über. Man kann es heute aus den Gassen hören, daß mit dem Alten Testament „nun nichts mehr los sei". Wort für Wort unterschreiben wir diese den Nagel auf den Kops treffenden Bemerkungen, aber Harnack ist auch hier nicht entschieden genug. Er sagt, Delitzsch habe nicht genug getan, um bei seinen Hörern der Bildung solcher falschen Vorstellungen zuvorzukommen. O nein, im Gegenteil, er hat alles Mögliche getan, um die Bildung solcher falschen Vorstellungen entschieden zu begünstigen. Und dann: an den Vorurteilen, welche gegen das alte Testament sich neuerdings wenden und von welchen wir erst kürzlich ein hübsches Pröbchen gegeben haben, tragen nicht allein jene, sondern auch die Vertreter der radikalen Bibelkritik einen großen Teil der Schuld. In ihrer wohlgemeinten und unzweifelhaft berechtigten Absicht, mit dem Wust alter Vorstellungen gründlich aufzuräumen, haben sie einzelne Schriften des alten Testaments durch ihre ätzende Kritik so herabgesetzt, daß sie sich am wenigsten darüber wundern dürfen, wenn man heute auf den Gassen zu hören bekommt, „daß mit dem alten Testament nun nichts mehr los sei". Auf die Aeußerungen Harnacks über die inneren Fragen des Protestantismus haben wir hier nicht einzugehen, auch seine Ossenbarungsthevrie haben wir nicht zu kritisieren Interessant ist für uns nur die Schlußfolgerung seiner Auffassung des Stifters der christlichen Religion, den er aus eine Linie mit Moses, Jesaias und den Psalmisten, aber auch mit Sokrates, Plato u. a. stellt. Er kommt nun zum Schluß: „Die religiöse Betrachtung der Geschichte kann letztlich nur eine einheitliche sein — die Menschheit, die Gott aus der Naturstufe, aus Irrtum und Sünde herausführt, erlöst und zur Gotteskindschast erhebt." Wir brauchen wohl nicht erst hervorzuheben, daß unsere religiöse Weltanschauung eine ganz andere ist. Aber wir haben den Schlußsatz erwähnt, weil die Folgerung, die Harnack daran knüpft, für uns von Bedeutung ist. Diese Schlußfolgerung lautet: „Dabei bleibt Vorbehalten, daß die Gottesgeschichte in Israel die spezifische Linie in der älteren Zeit darstellt." Diese Erkenntnis ist wie gesagt für uns wichtig, nicht etwa weil sie Dilettanten, wie Herr Chamberlain, bestreiten, sondern weil sie selbst in dein Kreise der freisinnigen Theologen und der entschiedenen Bibelkritiker nicht immer den Ausdruck gefunden hat, der ihr gebührt. Wenn ein Harnack die Gvttesgeschichte in Israel sür die spezifische Linie der religiösen Entwickelung der Menschheit im Altertum ansieht, ivenn selbst ein Wellhausen zugeben muß, daß die jüdische Frömmigkeit über . den Begriff, den das Altertum mit Religion verband, hinausgeht, daß die Richtung des jüdischen Geistes höher stehe als die des griechischen, wenn über all diese hinweg ein Goethe als das Ideal und das einzige Symbol eines Volksbuches die biblische Form ansieht und hinzusügt, das jüdische Volk sei das geeignetste, um eine Weltgeschichte in unserem Sinne anzureihen, jo sind das Bekenntnisse oder Zugeständnisse, die sür uns angesichts aller Einwürse und Angriffe von vielen Seiten von höchster Bedeutung werden müssen. Der Streit um die Bibel, der wieder einmal lichterloh entbrannt, ist nicht neu; er wird auch jetzt nicht ausgetragen werden, er wird noch oft die Gemüter erhitzen, ehe man zu einer Klärung kommen wird, denn diese Klärung kann nur sehr langsam erfolgen. Es gehören sehr viele Faktoren dazu, die außerhalb des weiten Gebiets der Wissenschaft liegen, aber ohne Zweifel hat Harnack recht, wenn er sagt: „Gradsinn und Mut. Aufrichtigkeit gegen sich selbst, Freiheit und Liebe — das sind die Hebel, welche die Last heben werden." Wir wünschten nur, daß diese Hebel auch die Last von Vorurteilen endlich einmal heben möchten, die noch immer auf dem Träger des biblischen Weltgedankens, auf Israel selbst ruhen. Uns aber sollen all diese Vorkommnisse und Erscheinungen nichts anhaben, uns dürfen sie von dem Odem des göttlichen Wortes nichts rauben, denn für uns bleibt die Bibe! immerdar jenes Gottesbuch, dessen Wertgehalt Josua, der Sohn Sirachs, so schön in den feierlichen Worten ausgesprochen hat. „Das alles ist eben das Buch des Bundes, mit dem höchsten Gott gemacht, nämlich das Gesetz, welches Mose dem Haust Jakob zum Schutz befohlen hat, daraus die Weisheit geflossen ist, wie das Wasser Pison, wenn es groß ist, und wie der Jordan in der Ernte. Aus demselben ist hervorbrochen die Zucht, wie das Licht und wie das Wasser Nilus im Herbst Er ist nie gewesen, der es ausgelernt hätte, und wird nimmer mehr werden, der es ausgründen möchte. Denn sein Sinn ist reicher weder kein Meer, und sein Wort tiefer denn kein Abgrund." Me Woche. Berlin, 4. März. ^uch auf nichtjüdischer Seite wird der neuerdings imme schärfer hervortretende antisemitische Geist der konservativen Partei aufmerksam beobachtet. Wir lese darüber in der „Magdeburger Zeitung": „In der konservativen Presse treten die antisemitischen Neigunge' wieder einmal schärfer hervor. Es ist möglich, daß diese Erscheinung sich aus Rücksichten auf die kommenden Wahlen erklärt und auf de i unbequemen Wettbewerb, den man bei ihnen von dem reinen Ant semitismus besorgt. Eine gewisse Vorliebe sür den Antisemitisnu hat man in konservativen Kreisen trotz aller Verehrung für die Er Väter des Alten Testaments von jeher gehabt. Schon in den erste i Jahrgängen der neugegründeten „Kreuzzeitung" ließ ein arisch r Barde, Graf Schlippenbach, feurige Kriegslieder gegen „Judas goldene Macht" erschallen. Heute läßt das konservative Blatt sich über d e „Juden in der Politik" schreiben. In der Tat ein interessante Thema, wenn es nach dem Grundsatz d6§lus rrt bome" b - handelt worden wäre. Anstatt sich mit Männern wie Oppen Blowitz, Georg Brandes, dem „Tnbune"-Korrespondenten Levi, dem

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