Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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108 „Altweibersommer," sagte die Dame nur und ein leises, halb melancholisches Lächeln glitt sekundenlang »m ihren schön geformten Mund. Er betrachtete sie aufmerksam. Wenn sie lächelte, kam eine Reihe perlweißev Zähne zum Vorschein und sic sah dann so jung aus. . . . Jetzt sahen sie nur noch in weiter Ferne die Kirchturmspitze des Dorfes glitzern. Ihm schien es, als seien ihre Angen leicht umflort, wie von Tränen. „Sie verlassen diese Gegend wohl ungern, gnädiges Fräulein?" „O, darüber ließe sich streiten," meinte sie. „Mich zieht hier nichts an als eine Schwester, die in jenem Dorfe verheiratet ist. Doppelt schwer wird mir der Abschied von ihr, da sie so einsam und ungesellig lebt und der Beruf ihres Mannes sie an die Scholle fesselt. Aber sie lebt sehr glücklich und zufrieden, das sah ich, auch nicht ohne jede geistige Anregung, da sie an den Interessen ihres Mannes regen Anteil nimmt, und dann — der reizende kleine Bursche, den Sie vielleicht vorhin bemerkten, ist der ihrige." „Ein prächtiges Kind, in der Tat, dem nichts Dörfliches anhastete. Zweifellos Einfluß der Mutter," äußerte er galant. „Gnädiges Fräulein leben wohl in einer großen Stadt und sehr gesellig?" „Sehr gesellig?" nahm sie seine letzte Frage auf, „Nun, wie man's nimmt! Der Kreis ist ein begrenzter, wenn auch das geistige Lebe» in ihm rege pulsiert." „Ich muß gestehen," sagte er in etwas unsicherem Tone, „ich habe selten eine Frau so sprechen hören, und doch kann ich nicht umhin. Ihnen zu bemerken, daß eine Fra», die auf geistigem Gebiete dem Manne eine ebenbürtige Gefährtin wäre und zugleich eine gute Hausfrau abgäbe, mir das Ideal des Weibes verkörpern würde!" „Sie glauben nicht, daß sich das vereinigen läßt," sagte sie lebhaft, „o, Sie unterschätzen die Frauen, mein Herr! Glauben Sie mir, es wäre manches besser, wenn die Männer nicht so anspruchslos in bezug auf die Frauen wären. Die meisten verlangen ja nicht mehr von ihnen, als daß sie verstehe», gut hauszuhalten. Und doch kann ich mir keine Ehe als vollkommen glücklich denken, in der nicht die Frau noch neben ihren häuslichen Pflichten an allen Interessen ihres Mannes teilnimmt." Er hatte ihr interessiert zugehört. Diese Unbekannte schien ihm plötzlich alles das zu verkörpern, was er bis heute vergebens ersehnt und gesucht hatte. Der Wagen rollte jetzt über ein holperiges Pflaster und bei einer Biegung des Weges sahen sie das kleine Stationsgebäude vor sich liegen. „Darf ich Sie geleiten und ein Kupee für Sie wähle»!?" fragte er, als sie ausgestiegen waren. „Ich nehme Ihr Anerbieten dankbar an, es bringt Sie hoffentlich nicht allzu weit von Ihrem eigenen Wege ab," erwiderte sie freundlich. „O, was das anbelangt, ich komme immer noch früh genug in mein einsames Junggesellenheim. Mein Wagen wartet übrigens draußen und bringt mich in zwanzig Minuten in die Fabrik. Sie gestatten gleichzeitig, daß ich mein Inkognito lüfte: Direktor Viktor Giesberg, draußen auf den» neuen Werk." Sie verbeugte sich leicht, und dann gingen sie schweigend eine kleine Strecke weiter. „Eine Frage »vollen Sie mir noch gütigst gestatten," sagte er plötzlich langsam, „und im Voraus Pardon gewähren, wenn sie etwas gewagt erscheint. Die Stunde des Beisammenseins in dem alten Postwagen hat sie irr mir rege werden lassen: Kann es sein, daß »vir uns Wiedersehen? Darf ich Sie bei den Ihrigen aussuchen, wo immer es auch sei?" Sie blickte ihm gerade und fest mit ihren Hellen, graue» Augen ins Gesicht. „Erlauben Sie, daß ich Sie auf eins aufmerksam mache, Herr Direktor! Der Kreis, in dem ich aufwnchs und lebe und der ihnen in meiner Schilderung vielleicht nicht zu mißfallen dis Ehre hatte, ist dennoch Ihnen so sreurd, als ob er in einer anderen Welt sich beivege. Ich... bin eine . .. Jüdin, Herr Direktor!" Er hatte sie gleich anfangs überrascht angesehen, bei ihren letzten Worten zeigte sein ausdrucksvolles Gesicht jedoch eine solche Bestürzung, daß sie leise vor sich hinlächelte. . . Er vermochte es auch zunächst nicht, seiner Verlegenheit Herr zu werden. War es denn zu glauben? Diese feine, elegante Dame, die jeden Zoll Aristokratin, sollte eine Jüdin sein? Eine von jenen verachteten Parias, die, geschieden von den besten Gesellschaftskreisen. abseits vom Wege ihr Dasein lebten? . . . Nach einein sekuudenlangen. peinlichen Schweigen und einem raschen, prüfenden Blick in ihr schönes Gesicht, kam es dann langsam von seinen Lippen: „Sie sehen mich überrascht, gnädiges Fräulein! Ich bitte Sie jedoch, dieses Erstaunen nicht in ungünstigem Sinne deuten zu »vollen. Ich wiederhole es, Sie haben einen solch außerordentliche»» Eindruck auf mich geinacht »vie noch niemals ein Weib vor Ihnen, und ich habe noch nicht aufgehört zu hoffen. Gnädiges Fräulein, es gibt eine Brücke..." „Sie »»»einen das.Taufbecken," unterbrach sie ihn und ihre Stimme klang hell und schars, wie geschliffenes Metall. „Ja", nickte er, „wie die Verhältnisse nun einmal liegen, würden Sie nur gewinnen, entschieden gewinnen!" „Halten Sie ein," rief sie und hob ablvehrend die Hände, „ich bitte, nur noch die Antwort zu hören, die Ihnen die Frau aus dem viel verhöhnten Volke, den» man die Feigheit als Erbübel angehängt, ohne Zaudern gibt: D»ese Brücke, welche Sie anzudeuten so frei waren und welche für eine» anständigen Menschen überhaupt nicht existiert, besteht aus lauter morschen Brettern, die jede»» unbedingt in den tiefsten, moralischen Abgrund schleudern, der sie betritt. Als gebildeter Mensch, als Ehrenmann dürften sie mir einen solchen Vorschlag nicht unterbreite». Ein charaktervoller Mann kann eine Fahnenflüchtige nur mißachten!" Sie verbeugte sich leicht und ging dem heranbrausenden Zuge entgegen, während er aus demselben Fleck stand, als nur noch weiße, leichte Wölkchen den Weg andeuteten, den sie genommen. Sprechsaat. ur Steuer der Wahrheit bemerken wir einer in der jüngsten Nummer dieser Zeitung abgedruckten Notiz gegenüber, daß wir den Herrn Erziehungsinspektor Rosenbaum (Repzin) nicht deshalb bereits am 10. März, anstatt am 1. April d. I., entlassen, weil wir seine weiteren Unternehmungen zu fördern wünschen, sondern weil wir zu unserer Befriedigung in der Lage sind, seiner Dienste früher en traten zu können. Israelitische Fürsorge-Erziehungsanstalt Repzin. Das Kuratorium: Philippson. Schaefer. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für di» Mdaktion: Max Bauchwitz in Berlin.