Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 107 (sequence 13)
- Language
- German
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107 des Glaubens, dessen Begründer und Berkünder in der jüdischen Religion wurzelten und diese zur Grundlage und zum Träger der neuen Lehre machten, klagen das Judentum des Kannibalismus an und verfolgen es unerbittlicher als das entmenschte Heidentum. Der Brunne» bezeichnet den frischen reinen Urquell, dem er seilt Dasein zu danken hat, als eine Pfütze. Das Blut, das in den Adern ihres Heilands, ihrer Apostel und ersten Heiligen rollte, verschreien sie als eine giftige Lymphe. Die Minorität, die den beispiellosen Mut hat, seit Jahrtausenden auch unter dem Schrecken des glühendsten Hasses, einer Welt zum Trotze, beim angestammten Glauben auszuharren, erklären sie, welche mit der ganzen Machtfülle einer erdrückenden Majorität allgehören, für Feiglinge. Man verlangt vom Juden, daß er ein „Uebermensch" sei und behandelt ihn dafür als Untermenschen. 99Vz Prozent der Erdbevölkerung sollen '/-> Prozent, von dem die Welt Gesittung, die höchsten unvergänglichen Wohltaten, die ethische Befruchtung und Erleuchtung erhalten, als gefährlichste Feülde betrachten und behandeln! 200 Millionen Katholiken wollen nur einem einzigen, dem Papste, und zwar bloß ex eatlisclrk» di« Unfehlbarkeit zuerkennen — alle übrigen Christen erkennen sie keinem zu — und alle diese Christen sollten verlangen, daß jeder Jude unfehlbar sei! Gibt es eine ärgere Versündung an jeder Logik? In dem Wahnsinn ist nicht einmal Methode. Man hat den Antisemitismus die Schmach unserer Zeit, einen Schandfleck der Kultur, eine moralische Pestilenz, ein Gespenst (Virchow), politische Unklngheit, ärger als Grausamkeit iChamberlain vor einigen Wochen) genannt; ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich ihn einen logischen Atavismus nenne, einen Rückschlag in die tierische Sinnes- und Empfindungsart, Denkweise und Lebensausgestaltung. Friedrich II. fragte einmal den vortrefflichen Sulzer, den er nach Verdiensten schätzte und dem er die Direktion der Ichulanstalten in Schlesien aufgetragen hatte, wie es damit ginge. Sulzer antwortete: „seitdem daß man auf dem Grundsatz (des Rousseau), daß der Mensch von Natur gut sei, fortgebaut hat, fängt es an besser zu gehen." „HI»! (sagte der König! Non stier Lul/.sr, von» ns eoimoisse/. p.is asse/. e.stte manclitv inss n laquslle nous ripparleiioiis." Und der diese Anekdote angeführt, ist kein geringerer als Kant, zu dem die Rückkehr gegenwärtig gelehrt und gefordert wird. Was würde der große König erst in Fällen sagen, wo der Rassenknltns den Nationalismus in einer Weise hervorkehrt, die zur Bestialität führt? In die Fährte eines allerdings weitaus abgeklärteren Atavismus sehen »vir selbst hervorragende Gelehrte gerate»»: einen Harnack und einen Delitzsch, wie sie aller historischen und literarischen Wahrheit zun» Hohne, dm Semiten (Israel) die zivilisatorischen Grundideen des Monotheismus und der sittlichen Weltordnnng aberkennen, i»n sie den Chamiten — während in Amerika der Antichainitismus lichterloh aufflammt — und Japhetitei» zu viudizieren. Beide folgen dabei nur den urgewaltigen, atavistischen Instinkten. Die Klippen, an denen die rückblickende und voransblickends Forschung zu scheitern Pflegt, tragen die Aufschrift pars pro toto" und „post live srZo propter boe" oder die Verallgemeinerung der Teilerscheinung, sowie die ursächliche Erklärung der Aufeinanderfolge und in beide»» di« Kennzeichen vom logischen Atavismus. VIUHON An -er Haltestelle. Eine Skizze von B. Leiser. alte Postwagen schaukelte die schmale Dorfstraße entlang. Die Pferde liefen in» Trab, aber am Kreuzweg an der Promenade zog der behäbige Kutscher die Leine an, und fügsam hielten die alten Gäule. Hier stand eine Dame »nit einem kleinen Jungen an der Hand, beide städtisch und gut gekleidet. Die Dame bückte sich, als der alte Postwagen heranwackelte, und küßte den Kleinen wiederholt und zärtlich auf die blühenden Wangen. Dann nahm sie dem jungen Dienstmädchen die kleine Juchtentnsche ab und stieg ein. Der Kleine stand noch eine ganze Weile geduldig auf demselben Fleck und sah der schönen Taute nach, die nun wieder in die »veite Welt hinaus »sollte. „Adieu, liebe Tante," rief er laut den» davoneilenden Gefährt nach und winkte lebhaft mit seinen beiden drallen Händchen. „Adieu, mein lieber, kleiner Rudolf," scholl es zurück, „grüße mir Papa und Mama vielmals!" . . . Bei einer Biegung der Landstraße entschwand das anmutige Bild ihren Augen. Sie seufzte leise, setzte das Täschchen neben sich und blickte in Gedanken versunken hinaus. Im Wagen saß nur noch ein Passagier, ein Mann in mittleren Jahren. Er war weder schön noch stattlich, aber seine Züge trugen den Stempel der Intelligenz. Er hatte gelesen, als die Dame einstieg, aber nun betrachtete er sie verstohlen, ganz frappiert von ihrem Aussehen. . . Eine große, schlanke Erscheinung, vornehm in Haltung und Bewegung. Ueber das Gesicht trug sie einen feinen, weißen Schleier, aus dem ihre Augen grau und hell wie Stahl heransglänzten. Diese Augen mußte er am meisten bewundern, — es lag soviel in ihnen, soviel Ernst und auch wieder Tränmerei und zwischendurch wie ein leichter Flor ein Hauch tiefer Melancholie. Sie war sicher dreißig Jahre alt, dachte er; ob sie Frau oder Mädchen war, hätte er gern gewußt, sicher das letztere. . Sie hatte noch so schlanke Formen. . . Die Dame sah immer noch zum Fenster hinaus, und um ihren Mund lag jetzt ein Zug leichter Wehmut . . Es war einer dieser wundervollen Herbsttage, wie nicht jedes Jahr sie bringt! Wie eine alternde Schönheit sich bemüht, alle ihre Reize zur Geltung zu bringen, so hatte der Sommer noch einmal alle seine Pracht hervorgezanbert, um der Welt den Abschied doppelt schwer zu machen. Braunrot und gelb lag es zwar in dichter Schicht aus den Wegen, aber die Luft »var so klar und warn» »nid über den Stoppelfeldern und abgemähten Wiesen lag warmer Sonnenglanz. . . . „Gestatten Sie, daß ich ein Fenster öffne, meine Gnädige? Die Luft hier drinnen ist unerträglich, während draußen . . ." „Bitte, es wird mir sehr lieb sein," unterbrach sie ihn freundlich. Ihre Stimme »var weich und voll, gerade so mnßte sie sprechen, dachte er, als er das Fenster öffnete. „Welch ein herrlicher Tag heute," versuchte er dann die Unterhaltung fortzusetzen.