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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-27 · Heft 9 (27.2.1903) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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tioc zeitlich zu nehmen, was aufeinander folgt in der Beziehung von Grund und Folge. Zwei Fülle ans der Tierdresfur mögen es in die rechte Beleuchtung rücken. Bei Militär-Pferden, die man zu Kriegszwecken abrichtet, wird die Scheu vor heftiger Detonation überwunden und sogar in ein Begehren umgewandelt. Nachdem »ran das Pferd in der Manege tüchtig langer Emotion ansgesetzt hat, wird es hungrig und durstig an die volle Krippe geführt, und irr dem Augenblicke als es zugreisen will, eine Pistole dicht an seinem Ohr abgefeuert. Solches wiederholt sich mehreremale, bis das Pferd in dem Schuß das lusterweckende Signal und die Ursache der Fütterung erkennt. Das Entgegengesetzte, nämlich die Umwandlung eines Lustgefühles in ein Unbehagen oder eines Begehrens in Scheu, wird bei der Abrichtnng eines Wachhundes angewendet: Diebe pflegen nämlich einen Prügel in der rechten Hand hinter dem Rücken versteckt zu halten und mit der linken Hand eine Lockspeise dem Hunde zu reichen, um ihm, wenn er nach dem Bissen hascht, mit dem Prügel einen betäubenden Schlag auf den Kopf zu versetzen. Vor einem solchen tückischen Angriffe wird der Hund dadurch geschützt, daß man ihn, wenn er aus der linken Hand eine Speise nehmen will, züchtigt und so gewöhnt, nur aus der rechten Hand sich futtern zu lassen. Vermöge Assoziation bedeutet für den Hund die Speise in der linken Hand Schlag und in der rechten Hand Fütterung und dabei macht er keinen Unterschied zwischen Dieb und Herrn, denn ihm ist das?ost Iwo einUroptoi- Iioe. Auf dieselbe sehlerhafte avitische Denksormel läßt sich auch der menschliche Aberglaube in seinen Wahngebilden von Vor- und Anzeichen, Vorbedeutungen, orakelhaften Dingen und Erscheinungen, wie sie sich zumal bei Jägern, Soldaten, Matrosen, Lottoschwestern, aber auch bei Historikern, wenn sie von den Schatten sprechen, welche große Ereignisse vorauswerfen, mehr oder minder zurückführen. Tiere haben bekanntlich einen mehr oder minder ausgebildeten Sammel-, Spar- und Borratstrieb. Auch Hunde verscharren, wenn sie satt sind, einen Knochen, um sich später daran gütlich zu tun; aber eine solche Jnstinkthandlung kann zu einem Jntelligenzakte werden. Das hat »ach dem verbürgten Berichte eines Bekannten dessen Pudel bewiese». Der Hund war gewohnt, jeden Morgen seinem Herrn die Pantoffeln vor das Bett zu stellen. Einmal hatten Maurer im Hause zu arbeiten. Da fehlten die Pantoffeln. Einige Tage später, als die Maurer bereits das Haus verlassen hatten, bemerkte man. ivie der Pudel die Pantoffeln, die er im Garten vergraben hatte, wieder ausscharrte und in der Schnauze zurück trug, um sie in einem freilich unbrauchbaren Zustande vor das Bett des Herrn zu stellen. Welchen Gedankengang hatte und befolgte da der Hund? Er dachte, den fremden Männern ist nicht zu trauen, sie können die Pantoffeln an sich nehmen; ich will sie daher verbergen, wo sie sicher sind. Ich mache es, wie ich es ost mit Knochen und anderen guten Bissen getan habe, welche mir dann keiner wegnahin. Ich verscharre sie recht ties in weichem Gartengrund, und sind die Maurer weg, so grab' ich sie wieder aus und bringe sie meinem Herrn . . . Daran dachte jedoch der Hund nicht, daß die Pantoffeln in der Erde beschmutzt und unverwendbar werden. Zu einem solchen,Schluffe reichte seine Experten; nicht aus. Denn was er bisher für sich vergraben hatte, war nie unbrauchbar geworden. Dieser Hund gab also seiner gewohnheitsmäßigen instinktiven Handlungsweise eine neue Richtung nnd zweckbewußte Anwendung; er benahm sich dabei aber auch seiner Natur angemessen. Nicht umsonst wurden für ihn die Bezeichnungen „pudelnärrisch" oder „pudeltreu" geprägt. Er bewies in der Tat eine närrische Treue. Er konnte jedoch nicht über das I'ars pro toto hinauskommen, d. h. über die partielle oder einseitige Auffassung, Beurteilung und Behandlung des Falles. Indes auch bei menschlichen Individuen von höherer Intelligenz kann eine solche Gedankenlücke Vorkommen, die jedoch nachträglich ausgefüllt zu werden pflegt. Es gibt ein partielles Gedächtnis für spezielle Sinneswahrnehmungen, dessen Entschwinden bei dem Gesicht und Gehör man Seelenblindheit und Seelentaubheit nennt. Wie das Erinnerungsvermögen des Gesichtes und Gehörs sich gegenseitig ergänzen können, mag aus folgenden Beispielen sich ergeben: Es kommt vor, daß ein Philologe, der gewohnt ist, semitische Bücher nur in semitischer Schrift zu lesen, wenn er einen semitischen Satz in lateinischen Lettern mit. den Augen liest, ihn zuerst nicht versteht, aber sofort.dessen Sinn erfaßt, wenn er sich den Satz hörbar vorliest. Das Umgekehrte werden wir gewahr, wenn etwa ein Süddeutscher und ein Norddeutscher miteinander sprechen. Bei manchen Worteil verstehen sie einander nicht nach dem Gehör, wohl aber beim Lesen der beiderseitigen Schriftwerke. Es ist hier selbstverständlich von intelligenten, nicht im Volksdialekte sprechenden Deutschen, die nie oder nur äußerst selten miteinander Verkehren, die Rede. Auch der Historiker, dessen stete treue Führer und Begleiter- Unbefangenheit und Unparteilichkeit sein sollten, verfällt allzuoft in die animalischen Denkfehler. Wie ost muß nran ein bekanntes Sprichwort so variieren: Die Weltgeschichte ist das Weltgerüchte — wenn man in das gegenwärtige Parteigetriebe blickt und hört und liest, wie man Zeitgeschichte macht! Hier wird ein Hanswurst znm Heiligen oder auch umgekehrt, aus einem Ideale ein Zerrbild; da schleift man einen Märtyrer der Geisteserlenchtung und Herzensveredlung durch die unflätigsten Kloaken und dort wird ein Unhold, ein Unmensch, ein Untier als leibhaftes Tngendparadigma auf den Schild gehoben. Ist aber schon für die Mitlebenden und Erlebenden manches Charakterbild durch Glinst uild Haß der Parteien entstellt, wie will erst der Forscher in den entschwundenen Jahrtausenden sich zurecht nnd das Wahre finden? Dokumente, Monumente, diese wichtigsten historischen Quellen, künden sie die Wahrheit? „Lügen wie ein Leichenstein" legte Shakespeare eineinseiner unvergänglichen Menschentypen in den Mund. Der Geschichtsschreiber inuß schon ein „Prophet in die Vergangenheit" sein, weit mehr als der Prophet ein Geschichtsschreiber der Zukunft. Was sind die schöpfungsgeschichtlichen, eschatalogischen, transzendentalen, geozentrischen nnd anthropozentrischen Wahnideen und Verirrungen anders als jene beiden Formeln der Denkfehler, auf die Begriffe von Zeit und Raum übertragen? Das „Jenseits von gut und böse" kursiert bereits als Scheidemünze, aber es kann auch ein Jenseits von wahr und falsch, ein Jenseits von richtig und unrichtig geben: es ist das Logische und Unlogische, deren steter Widerstreit einen Widerhall in der Geschichte der Zivilisation findet. Die frechen Orgien von Lug und Trug, die höchste Potenz von Brutalität nnd Raserei, wer hat sie qualvoller empfunden und zu empfinden als der Jude? Das Unlogische in Gesinnung, Willen, Wort nnd Tat, das ist der Antisemitismus. Bekenner

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