Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 malS erreicht hätten. Dieser Nimbus ist nun gründlich zerstört. Alle, denen die Entwickelung der Wissenschaft und der Fortschritt der Menschheit am Herzen liegt, werden den Worten des Kaisers sreudig zustimmen, daß solche Hypothesen und Theorien erst im engen Fachkreise bewertet, geprüft resp. anerkannt werden müssen, ehe sie an den weiten Kreis der gebildeten Laien sich wenden dürfen. Bei allem Wohlwollen für die Gelehrsamkeit Delitzsch' tadelt der Kaiser mit Recht, daß er sich an die Gebiete der Religion und des Glaubens herangewagt habe, die mit der assyriologischen Forschung doch im Grunde genommen nichts zu tun haben, und dort mancherlei Irrungen und Wirrungen hervorgebracht habe. Hätte sich Delitzsch damit begnügt nachzuweisen, wie die babylonische Kultur in Wechselbeziehungen zu der semitischen stand, wie sie aus die Urgeschichte des Volkes Israel einwirkte, so wäre ihm die allgemeine Teilnahme nicht nur der Gelehrten, sondern auch der Laien sicher gern gefolgt, gleichviel ob diese Forschungen eine Ehrenrettung für die Babylonier oder die alten Israeliten gewesen wären oder nicht. Denn Babylon kam nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen recht schlecht weg. Dies bezieht sich aber nicht auf die babylonische Urgeschichte, sondern auf das spätere Babylon, welches im alten Testament wegen seiner Sittenlosigkeit als „ein anderes Sodom und Gomorrha", im neuen Testament aber als das Vorbild der Feinde der Kirche, besonders des römischen Babel, angesehen wurde. Von besonderem Interesse ist für uns der persönliche Standpunkt des Kaisers bezüglich der Offenbarungslehre, da der Unterschied zweier verschiedener Arten der Offenbarung „einer fortlaufenden gewissermaßen historischen und einer rein religiösen" auch von unseren Religionsphilvsophen des Mittelalters wie der neuen Zeit mit Entschiedenheit vertreten wurde. Der erstere Standpunkt ist von modernen Theologen wie Geiger, Hirsch, Einhorn, Holdheim u. a. im Gegensatz zu der althergebrachten Auffassung kräftig betont worden. So sagt Geiger in seinen „Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte" (Band I, Seite 35): „Die innige Berührung des Einzelgeistes mit dem Allgeist, das Hineinleuchten der alles erfüllenden Kraft in die einzelnen Geister, so daß sie ihre Schranken durchbrachen, das ist, scheuen wir doch das Wort nicht, Offenbarung.... Wir wollen das Wort nicht in dogmatischer Weise beengen und begrenzen. Es mag verschieden aufgefaßt werden, aber in seinem inneren Wesen bleibt es dasselbe; die Berührung der menschlichen Vernunft mit dem tiefen Urgrund aller Dinge. So hoch die alten Lehrer die Offenbarung emporgehoben haben, so haben sie niemals in Abrede gestellt, daß sie mit einer menschlichen Begabung zusammenhängt. Der GotteSgeist ruht nur, so lehrt der Talmud, auf einem Weisen, auf einem Mann von sittlicher Kraft, der unabhängig ist, weil genügsam durch Besiegung aller Ehrsucht, aller Lust; ein Mensch von innerer Bedeutung in sich das Göttliche verspürend, er nur ist fähig, das Göttliche in sich aufzunehmen." Die religiöse Auffassung des deutschen Kaisers von der Offenbarung ist aber für uns nicht minder wichtig, weil sie unbefangen und freudig anerkennt, daß diese Offenbarung von Abraham an eingeleitet wird. „Der Stamm Abrahams und das sich daraus entwickelnde Volk betrachten als Heiligstes mit eiserner Konsequenz den Glauben an einen Gott. Sie müssen ihn hegen und pflegen." Auch die Ansicht des Kaisers, „daß das Alte Testament eine große Anzahl von Abschnitten enthält, welche rein menschlich-historischer Natur sind", stimmt mit der Anschauung überein, welche die fortgeschrittenen Bibelerklärer innerhalb des Judentums gegenüber traditionellen Anschauungen stets betont haben. Den Zusammenhang zwischen den Gesetzen Moses und Hammurabis mag die Wissenschaft immerhin eingehend erläutern, aber mit Genugtuung wiederholen wir das Wort des Kaisers: das würde niemals der Tatsache Eintrag tun, daß Gott Moses dazu angeregt und „insofern sich dem Volk Israel gevffenbart hat." Das Verständnis der heiligen Schrift wird sicher durch die Ergebnisse der Forschungen und Ausgrabungen, gleichviel was diese auch zu Tage fördern, nur gewinnen, wenn man mit freiem, unbefangenem Blick an diese herantreten wird. Die Wissenschaft, die jahrhundertelang selbstzufrieden auf dem unterhöhlten Boden der Ueberlieferung geruht, hat nach dieser Richtung hin in unserer Zeit Bedeutendes geleistet. Die Assyriologie, die Aegyptologie und andere Wissenschaften können aber nur Bausteine und Vorarbeiten liefern, freilich sehr wichtige, wenn ihre Vertreter mit Fleiß und Eifer und ohne jede Voreingenommenheit an die Arbeit Herangehen. Aber all diese Arbeit der Kritik und der Wissenschaft kann der Bibel selbst auch nicht das all ergeringste von ihrer Bedeutung nehmen Sie ist und wird bleiben, wie Goethe sagt, „das Buch der Bücher", weil es die Schicksale des Volkes zum Symbol allerübrigen hinstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt auknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer und geistiger Entwickelung, notwendiger und zufälliger Ereignisse bis in die entferntesten Regionen der äußersten Ewigkeit hinausführt!" Es ist ein erhabenes Wort, das den Schluß des kaiserlichen Handschreibens bildet: „Nie war Religion ein Ergebnis der Wissenschaft, sondern ein Ausfluß des Herzens und Seins des Menschen aus dem Verkehr mit Gott." An diesem Wort wollen wir festhalten; es schadet darum auch nichts, wenn die moderne Forschung dis historischen Ueberlieferungen der Bibel in vielen Punkten berichtigt, es schadet auch nichts, wenn „dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht." Denn die Berufung Israels zu einem heiligen Volke sollte ihm nicht zum Stolz, sondern zur Demut gereichen. Das war kein Vorzug, sondern eine heilige Verpflichtung, und wenn der Nimbus, der auf dieser Auserwähltheit nur zu lange geruht hat, verschwinden sollte, so könnte die Aufgabe Israels und seine Mission im ganzen nur um so tiefer erfaßt und um so höher betrachtet werden. Dieses Schicksal seiner Auserwähltheit hat der erhabenste der Propheten ihm vorausgesagt: „Meinen Rücken gebe ich den Schlägern, meine Wange denen, die sie rauften, mein Antlitz berg' ich nicht vor Schmach und Grimm; doch steht Gott der Herr mir bei, darum mache ich mein Antlitz zum Kiesel; ich weiß, ich werde uicht zu Schaden werden." Und derselbe Prophet hat Israels Bestimmung mit den Worten verherrlicht: „Wer hat diese Kunde geglaubt . . . durch die Wunden des Gottesknechtes soll den Völkern Heilung werden!" An der Wahrheit dieser Prophetenweissagung kann weder die Bibelkritik noch die Assyriologie das geringste ändern. Des deutschen Kaisers großes Wort bleibt für alle Zukunft wahr, und wir »vollen daran festhalten: „Der Kern und Inhalt bleibt immer derselbe: Gott und sein Wirken!"