Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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101 scheußlich und einseitig dargesteüten Babylonier zu erwirken. Das war seine ursprüngliche Absicht — wie ich sie wenigstens auffaßte — und ein sehr reichhaltiges und uns allen interessantes Gebiet, dessen Durchforschung, Erhellung und Erklärung uns Laien im höchsten Maße interessieren mutz und ihm zu höchstem Dank verpflichtet. Aber dabei mußte er nun auch bleiben. Er hat aber leider im Feuereifer das Ziel überschossen. Wie nicht anders zu erwarten, haben die Grabungen Mitteilungen zu Tage gefördert, welche auch aus das religiöse Gebiet im alten Testament Beziehung haben. Das Faktum hätte er rubrizieren müssen und Coinzidenzen — wo solche vorkamen, hervorheben und erläutern können, aber alle rein religiösen Schlüsse dem Zuhörer selbst zu ziehen überlassen müssen. So wäre seinem Vortrag Interesse und Wohlwollen des Laieupublikums voll erhalten worden. Das hat er leider nicht gethau. Er hat in sehr polemischer Weise sich an die Offenbarung ssra ge herangemacht und dieselbe mehr oder minder verneint beziehungsweise aus historisch rein menschliche Dinge zurückführen zu können vermeint. Das war ein schwerer Fehler. Denn er tastete damit manchem seiner Hörer au sein Innerstes und Heiligstes. Und ob berechtigt oder unberechtigt — das ist hier für den Augenblick ganz einerlei, da es sich nicht um eine pure wissenschaftliche Versammlung von Theologen, sondern um Laien aller Stände und Geschlechter handelte — hat er manchem Lieblingsvorstellungen oder gar Gebilde umgestoßen oder angerempelt, nrit welchen diese Leute heilige und teuere Begriffe verbinden. und ihnen unzweifelhaft das Fundament ihres Glaubens erschüttert, wenn nicht entzogen. Eine That, an die nur ein gewaltiges Genie sich heranwagen dürste, zu der aber das bloße Studium der Asfyriologie noch nicht berechtigt. Goethe behandelt diese Angelegenheit auch einmal, indem er ausdrücklich darauf aufmerksam macht, man müsse sich vorsehen, bei einem großen allgemeinen Publikum auch nur „Terminologiepagoden" entzwei zu machen. Es ist dem vortrefflichen Professor in seinem Eifer der Grundsatz etwas entgangen, daß es gar sehr wichtig ist, genau zu unterscheiden zwischen dem, was angemessen ist, dem Ort, Publikum u. s. w., und was nicht. Als Theologe von Fach kann er für seinen Kollegenkreis Thesen, Hypothesen und Theorien sowie Ueberzeugungen aussprechen in Fachschriften, welche nicht angängig auszusprechen sein würden in einem populären Vortrag oder Buch. Ich möchte nun noch einmal aus meinen persönlichen Standpunkt bezüglich der Offenbarungslehre oder -Anschauung zurückkornmen, wie ich ihn Ihnen, mein lieber Hollnicum, und anderen Herren auch des öfteren schon auseinandergesetzt habe. Ich unterscheide zwei verschiedene Arten der Offenbarung: eine fortlaufende, gewissermaßen historische, und eine rein religiöse auf die spätere Erscheinung des Messias vorbereitende Offenbarung. Zur ersten ist zu sagen: Es ist für mich keinem, auch nicht dem leisesten Zweifel unterworfen, daß Gott sich immerdar in Seinem von ihm geschaffenen Menschengeschlecht andauernd offenbart. Er hat dem Menschen „Seinen Odem eingeblasen", d. h. ein Stück von sich selbst, eine Seele gegeben. Mit Vaterliebe und Interesse verfolgt er die Entwickelung des Menschengeschlechts; um es weiter zu führen und zu fördern, „offenbart" er sich bald in diesem oder jenem großen Weisen oder Priester oder König, sei es bei den Heiden. Juden oder Christen. Hammurabi war einer, Moses, Abraham, Homer, Karl der Große. Luther. Shakespeare, Goethe, Kaut, Kaiser Wilhelm der Große, — die hat Er ausgesucht und Seiner Gnade gewürdigt, für ihre Völker auf dem geistigen und physischen Gebiet nach Seinem Willen Herrliches. Unvergängliches zu leisten. Wie oft hat mein Großvater dieses nicht ausdrücklich betont, er sei ein Instrument nur in des Herrn Hand. Die Werke der großen Geister sind von Gott den Völkern geschenkt, damit sie an ihnen sich fortbilden, weiterführen können durch das Verworrene des noch Unerforschten hienieden. Gewiß hat Gott, der Stellung und Kulturstufe der Völker entsprechend, den verschiedenen sich verschieden „geoffenbart", und tut das auch noch heute.? Denn so wie wir am meisten durch die Größe und Gewalt der herrschenden Natur der Schöpfung überwältigt werden, wenn wir sie betrachten, und über die in ihr offenbarte Größe Gottes bei ihrer Betrachtung staunen, ebenso sicherlich können wir bei jedem wahrhaft Großen und Herrlichen, was ein Mensch oder ein Volk tut, die Herrlichkeit der Offenbarung Gottes darinnen mit Dank bewundernd erkennen. Er wirkt unmittelbar auf und unter uns ein! Die zweite Art der Offenbarung, die mehr religiöse, ist die, welche zur Erscheinung des Herrn führt. Von Abraham an wird sie eingeleitet, langsam, aber vorausschaueud, allweise und allwissend, denn die Menschheit war sonst verloren. Und nun beginnt das staunenswerte Wirken, Gottes Offenbarung. Der Stamm Abrahams und das sich daraus entwickelnde Volk betrachten als Heiligstes mit eiserner Konsequenz den Glauben an einen Gott. Sie müssen ihn hegen und pflegen. — In der ägyptischen Gefangenschaft zersplittert, werden die zerteilten Stücke von Moses zum zweitenmale zusammengeschweißt, immer noch bestrebt, ihren „Monotheismus" festzuhalten. Es ist das direkte Eingreifen Gottes, das dieses Volk Wiedererstehen läßt. Und so geht es weiter durch die Jahrhunderte, bis der Messias, der durch die Propheten und Psalmisten verkündet und angezeigt wird, endlich erscheint. Die größte Offenbarung Gottes in der Welt! Denn Er erschien im Sohne selbst; Christus ist Gott; Gott in menschlicher Gestalt. Er erlöste uns, Er feuert uns an, es lockt uns, ihm zu folgen, wir fühlen sein Feuer in uns brennen, sein Mitleid uns stärken, seine Unzufriedenheit uns vernichte«, aber auch seine Fürsprache uns retten. Siegesgewiß, allein auf sein Wort bauend, gehen wir durch Arbeit, Hohn, Jammer, Elend und Tod. denn wir haben in Ihm Gottes offenbartes Wort, und er lügt niemals. Das ist meine Ansicht über diese Frage. Das Wort ist insbesondere für uns Evangelische alles durch Luther geworden, und als guter Theologe mußte doch Delitzsch nicht vergessen, daß unser großer Luther uns singen und glauben gelehrt: „Das Wort sie sollen lassen stahn!" Es versteht sich für mich von selbst, daß das Alte Testament eine große Anzahl von Abschnitten enthält, welche rein menschlich historischer Natur sind und nicht „Gottes ge offe nb ar t es Wort". Es sind rein historische Schilderungen von Vorgängen aller Art, welche sich in dem Leben des Volkes Israel aus politischem, religiösem, sittlichem und geistigem Gebiet des Volkes vollziehen. Wie z. B. der Akt der Gesetzgebung am Sinai nur symbolisch als von Gott inspiriert angesehen werden kann, als Moses zu einer Auffrischung vielleicht altbekannter Gesetzesparagraphen (möglicherweise dem Kodex Hammurabis entstammend) greifen mußte, um das in seiner Zusammensetzung lockere und wenig widerstandsfähige Gefüge seines Volkes zusammenzufassen und zu binden. Hier kann der Historiker aus Sinn oder Wortlaut vielleicht einen Zusammenhang mit den Gesetzen Hammurabis, des Freundes Abrahams, konstruieren, der logisch vielleicht richtig wäre; das würde aber niemals der Tatsache Eintrag tun, daß Gott Moses dazu angeregt und insofern sich dem Volke Israel geosfenbart hat. Daher ist es meine Auffassung, daß unser guter Professor hinsürder lieber die Religion als solche bei seinen Vorträgen in unserer Gesellschaft anzuführen und zu behandeln vermeidet, dagegen was die Religion, Sitten rc. der Babylonier rc. in Beziehung zum Alten Testament bringt, ruhig schildern möge. Für mich ergibt sich daraus die nachstehende Schlußfolgerung: a) Ich glaube an Einen, Einigen Gott. v) Wir Menschen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zumal für unsere Kinder. tZ Diese Form ist bisher das Alte Testament in seiner jetzigen Ueberlieferung gewesen. Diese Form wird unter der Forschung und den Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern; das schadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht, schadet nichts. Der Kern und Inhalt bleibt immer derselbe, Gott und sein Wirken! Nie war Religion ein Ergebnis der Wissenschaft, sondern ein Ausfluß des Herzells und Seins des Menschen aus seinem Verkehr mit Gott. Mit herzlichsten: Dank und vielen Grüßen stets Ihr treuer Freund gez.: Wilhelm 1. U. 1>. 8. Sie können von diesen Zeilen den ausgiebigsten Gebrauch machen; wer will, kann sie lesen. Das Handschreiben des Kaisers ist ein Aktenstück von besonderer Bedeutung. Das wohlwollende Interesse, welches ' der Kaiser den Vorträgen des Herrn Professor Delitzsch ent- I gegengebracht, verlieh diesen eine Popularität, den sie sonst nie-