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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-27 · Heft 9 (27.2.1903) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
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Paroli zu biegen. Aber er habe doch die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollen, um hier vor der Oesfentlichkeit Einspruch zu erheben gegen die Untergrabung des Prinzipes der Simultanschule und die damit beabsichtigte Schaffung einer Klasse von Burgern minderen Rechtes. Er habe auch die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollen, um zu betonen, daß man in Nürnberg festhalten wolle an dem alten, in München vielleicht schon als etwas veraltet angesehenen Spruche: sustitin l'unüamentmu iSAnolum: daß die Gerechtigkeit die Grundseste des Staates sei und bleiben müsse." Ein Widerspruch gegen diese Ausführungen, welche von Bravorufen begleitet waren, erhob sich nicht. * Die jüdische Auswanderung nach Südafrika ist durch die Abneigung der jetzt in der Kapkolonie maßgebenden Personen gegen die polnischen Juden für Jahre hinaus zur Unmöglichkeit geworden. Es wird jetzt offen zugegeben, daß die Fassung des Auswanderungsgesetzes von 1903, durch welche die Einwanderer völlig der Willkür der Hafenbeamten preisgegeben werden, sich speziell gegen die Juden richtet, welche als Kleinhändler, Sweater und überhaupt als Undesirables bezeichnet werden. Namentlich ist die Bestimmung über die Zurückweisung von Analphabeten, wonach jeder Einlaß Begehrende nach Diktat in einer europäischen Sprache eigenhändig sein Nationale niederschreiben muß, umso geeigneter, 90".) aller jüdischen Emigranten am landen zu verhindern, als der Jargon in Südafrika nicht zu den europäischen Sprachen gezahlt wird. Bezeichnend für den bösen Willen der Landungsbehörden in Kapstadt ist, daß das frischgebackene Gesetz in Kraft gesetzt wurde, noch ehe es in England publiziert werden konnte. Die „Union Castle Company", welche durch das überhastete Jnkraftsetzen des Einwanderungsgesetzes nicht weniger als die Auswanderer sebst geschädigt wird, forderte die unbedingte Zulassung aller ihrer unterwegs nach Südafrika sich befindenden etwa 1200 Personen zählenden Passagiere. Der Protest der einflußreichen Schiffahrtsgesellschaft hat auch bewirkt, daß die 100 Juden, welche mit dem Dampfer „Jonic" vor Kapstadt angelangt sind, zur Landung zugelassen wurden, nachdem die dortige sür deren dauernde Beschäftigung sich verbürgt hat. Auch die 120 Passagiere des „Doune Castle" haben schließlich landen dürfen, nachdem die Juden von Kapstadt in beispiellos edler Bruderliebe für sie binnen weniger Stunden 6000 Pfund Sterling zusnmmengebracht haben. Was endlich die noch unterwegs nach Südafrika sich befindenden 1000 Juden anbelangt, so will der in London residierende Generalagent der Kapkolonie ihre unbedingte Zulassung bewirken. Der Kaiser über Sabel und Bibel. ^H aiser Wilhelm II. hat an den Staatssekretär a. D. Holtmann, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Orientgesellschaft, ein Schreiben über den jüngsten Vortrag des Professors Friedrich Delitzsch gerichtet, welches von höchster Bedeutung ist. Dieses Schreiben ist vervielfältigt worden. Den „Grenzboten" wurde die Veröffentlichung freigestellt, die in der letzterschienenen Nummer erfolgte. Das Schreiben beginnt mit einem Hinweis auf den Schluß des Vortrages, den Professor Delitzsch am 12. Januar 1903 in der Singakademie irr Anwesenheit des Kaisers hielt. Dieser Schluß lautete: „Laßt uns nicht blind festhalten an veralteten, wissenschaftlich überwundenen Dogmen, etwa gar aus Angst, es möchte hierdurch unser Gottesglanbe und wahrhafte Religiosität Schaden leiden! Bedenken wir, daß alles Irdische in lebendigem Fluß ist, Stillstehen gleichbedeutend mit Tod. Schauen wir hin auf die gewaltig pulsirende Kraft, mit welcher die deutsche Reformation große Nationen der Erde auf allen Gebieten menschlicher Arbeit, menschlichen Fortschritts erfüllt! Aber auch die Reformation ist nur eine Etappe auf dem Wege zu dem uns von Gott und in Gott gesteckten Ziele der Wahrheit. Ihm streben wir nach in Demut, aber mit allen Mitteln der freien Forschung der Wissenschaft, freudig uns bekennend zu der von hoher Warte mit Adlerblick geschauten und hochgemut aller Welt knndgegebenen Losung der Weiterbildung der Religion." Diese Ausführungen fanden bei der Orthodoxie lebhaften Widerspruch, zumal sie auf das Wort bezug nahmen, das der Kaiser in Görlitz gesprochen hatte. Das kaiserliche Handschreiben an Admiral Hollmann hat folgenden Wortlaut: «15. Februar 1903. Mein lieber Holtmann! Mein Telegramm au Sie wird Ihnen die Zweifel behoben haben, welche Sie bezüglich des Schlußpassns des Vortrages noch gehegt haben. Er ist vollkommen klar von den Zuhörern verstanden worden und mußte daher so bleiben. Es ist mir aber sehr lieb, daß durch Ihre Anfrage diese Materie des zweiten Vortrages nochmals angeschnitten ward, und ich ergreife gerne diese Gelegenheit, nach Durchlesen des Abzuges nochmals meine Stellung ganz klar zu Präzisieren. Während einer Abendgesellschaft bei uns hatte Professor Delitzsch Gelegenheit, mit Ihrer Majestät der Kaiserin und Geueralsuperintendent Drhander eingehend mehrere Stunden zu konferieren und zu debattieren, wobei ich mich zuhörend und passiv verhielt. Er verlieb dabei leider den Standpunkt des strengen Historikers und Assyriologeu und geriet in theologischreligiöse Schlüsse und Hypothesen hinein, welche doch recht nebelhaft oder gewagt waren. Als er aber auf das neue Testament kam, wurde es bald klar, daß er bezüglich der Person unseres Heilandes so ganz abweichende Anschauungen entwickelte, daß ich ihm darin nicht nur nicht folgen konnte, sondern einen meinem Standpunkte diametral entgegengesetzten konstatieren mußte. Er erkennt die Gottheit Christi nicht an, und daher soll als Rückschluß auf das alte Testament dieses keine Offenbarung auf denselben als Messias enthalten. Hier hört der Assyriologe und forschende Geschichtsschreiber auf und der Theologe mit allen seinen Licht- und Schattenseiten setzt ein. Aus diesem Gebiet kann ich nur dringend ihm raten, nur sehr vorsichtig Schritt vor Schritt zu gehen und jedenfalls seine Thesen nur in theologischen Schriften und irn Kreise seiner Kollegen zu ventilieren, uns Laien aber, und vor allem die Orientgesellschaft, damit zu verschonen; vor deren Forum gehört das alles nicht. Wir graben aus und lesen, was wir finden und geben das heraus zum Wohl der Wissenschaft und Geschichte, aber nicht um Religionshypothesen eines unter vielen Gelehrten begründen oder verfechten zu helfen. Es ist eben bei Delitzsch der Theologe mit dem Historiker aus und davon gegangen, und dient der Letztere nur noch als Folie für den Ersteren. Ich finde es schade, daß Delitzsch nicht bei seinem ursprünglichen Programm geblieben ist, welches er im vorigen Jahre entwickelte: Nämlich auf Grund der Funde unserer Gesellschaft nach wissenschaftlich erprobter Uebersetzung der Inschriften zu vergleichen, inwiefern dieselben eine Illustration zu der Chronik des Volkes Israel enthalten, das heißt Aufklärung über geschichtliche Ereignisse, Sitten und Gebräuche, Ueberlieferuugen, Politik, Gesetzgebung u. s. w. Mit anderen Worten, inwiefern die unleugbar mächtige und hochentwickelte babylonische Kultur in Wechselbeziehung zu den Israeliten stand, aus sie eiuwirken konnte, ja sogar ihnen einen Stempel aufdrücken mochte. Und dadurch eine gewisse Ehrenrettung — vom rein menschlichen Standpunkte aus — sür die im alten Testament gewiß recht kraß,

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