Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228537--59526-3296051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 Den Parteien aber, die für unsere Rechte eintreten, müssen wir mit aller Entschiedenheit und Opferfreudigkeit zur Seite stehen, und zwar ergeht die Mahnung nicht nur an die Reichen und Großen, sondern an alle, die in der Lage sind, ihr Scherflein für diesen guten Zweck darzubringen, nicht nur au unsere Glaubensgenossen in den Städten, die ohnedies schon so viel belastet sind, sondern ebensowohl an die vielen mittleren und kleinen Gemeinden im Deutschen Reich, denen die Entwickelung des Antisemitismus ja erfahrungsgemäß viel gefährlicher ist als den anderen. Das Beispiel der Partei, die sich mit ihre» Forderungen an die ärmsten Volkskreise wendet und dennoch die größten Opfer empfängt, sollte in der Tat aufmunternd wirken für alle, die nun einmal durch ihre Lebensstellung gezwungen sind, in der stählenden Atmosphäre der Opposition statt in der lauen Luft der Gnade zu atmen. Der materielle Jnteressenkampf, der weite Kreise des Volkes gegen die Gefahren, die den idealen Gütern drohen, abgestumpft hat. darf uns nicht in der Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Rechte beirren oder gar hindern. Wie für das gesamte deutsche Bürgertum, so erwächst deshalb auch für uns — ja für uns noch viel mehr — die unabweisliche Pflicht, bei den kommenden Wahlen unsere volle Opferfreudigkeit zu bewähren. Es steht viel auf dem Spiel, und große Fragen werden ans die Tagesordnung gelangen. Pfarrer Naumann hat als die Hauptpunkte, um die sich der Kampf bei den kommenden Wahlen drehen wird, die beiden Worte als Parole bezeichnet: „Brot und Freiheit!" Mehr braucht nicht gesagt zu werden. Wir kämpfen für unser Brot und wir treten für die Freiheit und das gleiche Recht für alle ein, wenn wir mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln die Wahl liberaler Männer durchsetzen, die jedem Versuch, das Rad unserer politischen Entwickelung nach rückwärts zu drehen, mit der vollen Kraft ihres Einflusses sich entgegensetzen werden und die so allein auch unser gutes Recht vertreten. Wird ja den Liberalen im Lande, wie wir oben erwähnt haben, vom Negierungstisch selbst zugerufen: Sorgt dafür, daß Ihr Vertreter im Parlament habt; und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Regierung eine größere liberale Partei weniger Verlegenheiten bereiten würde, als die gegenwärtige Konstellation der politischen Verhältnisse, in der sie auf die Konservativen wie auf die Agrarier, ja sogar zn Zeiten auf das Häuflein Antisemiten Rücksicht nehmen muß. Und die Gefahr, daß dieses kleine Häuflein sich vermehrt und mit seinem Streben auf Beschränkung unserer Rechte innerhalb der Parteien der Rechten Unterstützung finden dürfte, ist, wie wir schon oben ausgeführt, durchaus nicht allsgeschlossen, seit die Agrarier den Antisemiten ihre wirksame Förderung angedeihen lassen. Tun wir also unsere Pflicht, jeder an seinem Platze lind jedermach seinem Können, alle aber in dem vollen Bewußtsein, indem wir für unsre Sache kämpfen, zugleich auch für die Sache des Rechts und der Freiheit selbst einzutreten. Wer seiner Pflicht vergißt, verliert sein Recht. Wir aber können unser Recht nicht nur nicht verlieren, sondern wir müssen es erst zu erlangen trachten. Daraus allein erwächst schon die Ueberzengung, ivie dringend notwendig es ist, für die kommenden Wahlen unsere Pflicht in vollem Umfange zu thun. Als Sprößlinge eines Stamnies, der so lange geknechtet und bedrückt wurde, den man um seines Glaubens willen überall blutig verfolgte, müssen wir zu denen halten, welche für Glaubens- und Gewissensfreiheit einstehen, keinem religiösen Bekenntnis ein Vorrecht einräumen und daher auch keinem ein Unrecht geschehen lassen; kurz da, wo man Kastenunterschiede, Pfaffenherrschaft und Unterdrückung einzelner Volksklassen anstrebt, da wo man die Wahrheit verschleiern, das Licht der Aufklärung verdunkeln, die Freiheit beschränken und die Gewissen unterjochen will, da ist unser Platz nicht, nicht der Platz des Juden. Als Bekenner einer Religion, welche schon im grauen Altertum die reinsten Lehren über persönliche Freiheit predigte, die ungehinderte Verwertung der Menschenkräfte verbreitete und jede Knechtschaft der Völker verdammte, gehören wir immer und überall auf die Seite derer, welche die Gerechtigkeit befestigen, die Freiheit des Einzelnen schätzen, die Entfaltung der menschlichen Anlagen erleichtern und jede Spur von Knechtschaft aus dem öffentlichen Leben entfernen wollen. Dort wird man unser mutiges und entschiedenes Eintreten für die Sache der Freiheit und des Rechts und unsere Opferfreudigkeit wohl zu würdigen wissen, denn dort kennt und billigt man das Wort Ludwig Börnes, der einmal den Gegnern der Juden zugerufen: „Denn, haßt oder liebt die Juden, drückt sie nieder oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes oder verfolgt sie: das alles sei Eurer Willkür überlassen. Aber eins sage ich Euch: Seht zu, wie weit Ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, so lange die Freiheit nicht sein soll für Alle!" Are Woche. Berlin, 25. Februar. m Reichstag fand am 18. d. M. ein sehr lebhaftes Rededuell zwischen Herrn Stöcker und den Sozialdemokraten statt, bei dem ersterer recht schlecht abgeschnitten hat. Vorher ging eine Rede des Zentrumsabgeordneten Schwartze- Lippstadt, die von neuem den Beweis lieferte, daß das Zentrum die Bahnen Windthorsts und Liebers zu verlassen entschlossen ist. Herr Schwache sagte u. a.: „Wie könne» Männer wie Herr Hoch und Herr Wurm hier so austreten? Man braucht kein Antisemit zu sein, aber man muß doch sagen, wie kommen gerade die Abgeordneten Wurm und Hoch dazu, 2'/, Millionen Wähler zu vertreten? Wieviel jüdische Wähler stehen denn hinter Ihnen? Bei Ihnen <zu den Sozialdemokraten) vertreten alles die Juden." Die Frage, wie viele jüdische Wähler hinter den sozialdemokratischen Abgeordneten stehen, ist zum mindesten naiv. Wahrscheinlich stehen sehr wenige jüdische Wähler hinter diesen Männern; aber sie sind ja auch nicht Abgeordnete der Juden, sondern des Teiles des deutschen Volkes, dessen Ansichten sie vertreten. Das alles ist schon hundertmal gesagt — aber, wie man sieht — noch immer nicht beherzigt worden. Auch entspricht eS durchaus nicht den Tatsachen, daß in der Sozialdemokratie alles die Juden machen. Weder die Obstruktionsszenen im Reichstage, noch die großen Reden haben Juden gehalten. Oder hält Herr Schwartze Bebel, Reißhaus, Vollmar, Heine u. s. w. auch für Juden? Der Redekampf zwischen Herrn Stöcker und den von ihm angegriffenen Sozialdemokraten geht uns insofern an, als Stöcker behauptete, „die öffentlichen Angriffe gegen ihn wegen des Meineides hätten erst angefangen, seitdem er den Mut