Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 9. Allgemeine Berlin» 27. Februar 1993 eitung-esAu-enIbuins. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis. Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. Z M. Nedacteirr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Voirn. Verlags-Expedition: Berlin, Äerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8>v., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten, l Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. > Injllttt. Leitartikel: Die nächsten Wahlen. — Die Woche. — Ter Kaiser über Babel und Bibel. — Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung und die jüdischen Aerzte. Von Tr. rned. Joseph Lewy. — Atavismus. Von Dr. B. Plaezek in Brünn. I. — Feuilleton: An der Haltestelle, (sine Skizze von B. Leiser. — Sprechsaat. Der Gemeindedote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Aus der Provinz Posen, Chemnitz, Hamburg, Alzey, Nürnberg, Karlsruhe, Stuttgart, Wien, Odessa. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Nie nächsten Mahlen. B erl i n, 25. Februar. A«n wenigen Monaten wird das deutsche Volk wieder einmal an die Wahlurne treten. Lebten wir in normalen politischen Verhältnissen, stände die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung aller Konfessionen nicht bloß auf dein Papier, sondern wäre sie zur vollen Wahrheit geworden, so bedürfte diese Tatsache nicht einmal der Erwähnung in einem Blatte, welches ausschließlich den Interessen des Judentums gewidmet ist, geschweige denn einer besonderen Besprechung. Aber es wird wohl niemand den Mut haben zu behaupten, daß unsere politischen Verhältnisse normale seien in einer Zeit, wo der Versuch, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden nach Möglichkeit zu beschränken, bei verschiedenen großen Parteien auf wirksame Unterstützung rechnen darf. Denn es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß in dieser Frage die Ansichten der Konservativen, der Agrarier und eines Teils des Zentrums mit denen der Antisemiten striktester Observanz übereinstimmen. Für uns ist es darum auch ganz gleichgültig, ob sich diese Parteien unter einander bekämpfen oder nicht, denn allen drei Richtungen ist der Begriff der Rechtsgleichheit ein Punkt außerhalb ihres Programms. In bezug auf die Behandlung der Juden ist kein wesentlicher Unterschied zwischen Herrn Dr. Kropatschek auf der konservativen Seite und Herrn Dr. Diedrtch-Hahn vorn Bund der Landwirte, svwie Herrn Dr. Heim vom bayrischen Zentrum und den Antisemiten Bindewald oder Liebermann von Sonnenberg. Gerade darnm haben wir Juden die heilige Pflicht, den Parteien unsere bolle Unterstützung zuzuwenden, die seit Beginn der antisemitischen Bewegung gegen jede Beschränkung unserer staatsbürgerlichen Rechte mit Mannesmut eingetreten sind. Diese Verpflichtung wächst in dem Augenblick, wo große politische Frageil wieder auf dem Spiel stehen. Man täusche sich doch darüber nicht, daß der Antisemitismus abgenommen habe. Ein Blick auf die Wahlstatistik kann uns eines besseren belehren. Bei den Reichstagswahlen von 1887, an denen die Antisemiten zum erstenmal als solche teilnahmen, sielen im ganzen 11500 Stimmen auf ihre Kandidaten; bei den nächstfolgenden Wahlen 1890 wurden für sie 40 000 Stimmen abgegeben, 1898 erhielten sie bereit über 263 000 und 1898 gar 284 450 Stimmen. Die Zahl der antisemitischen Wähler ist also immer gestiegen, und es erscheint uns unwahr» scheinlich, daß sie bei den nächsten Wahleil sich verringern wird. Wer die Vorgänge in diesem Lager aufmerksam verfolgt, der darf auch dem Gegner nicht die Anerkennung versagen, daß sie für ihre Sache ungleich mehr Eifer und Arbeitskraft an den Tag legen, wie alle anderen Parteien. In einigen Wahlkreisen, wie in Friedberg und Pyritz-Saatzig, haben die Antisemiten nun bereits seit einem Jahre mehrere hnndert Wahlversammlungen abgehalten. Und was ist von gegnerischer Seite geschehen? Es ist deshalb dringend notwendig, daß wir, soviel an uns liegt, bei den nächsten Wahlen unsere volle Pflicht tun. Wir haben kein Recht, Wahlmüdigkeit borzuschützen, die Ulan dem deutschen Volk im allgemeinen jetzt vorwirft, denn wir haben unsere vitalsten Interessen zu verteidigen. Täten wir nicht alles, was in unseren Kräften steht, um Vertreter der liberalen Ideen in den nächsten Reichstag zu senden, so hätten wir kein Recht mehr, uns über Zurücksetzung oder Schmälerung unserer Rechte zu beklagen. Für uns gilt genau dasselbe, was der Handelsminister kürzlich im Parlament den Vertretern der Industrie zngerufen : „Was schreit ihr? Sorgt selbst dafür, daß ihrVertreter iin Parlament habt, daß sich Leute finden, die füreuch dasselbe leisten, wie die Herren auf dieser Seite (nach rechts zeigend) es tun!" Es ist dringend notwendig, all diese bis zum Ueberdruß wiederholten Wahrheiten jetzt noch einmal Vvrzuführen, um allen, die es angeht, so eindringlich wie möglich die Mahnung ans Herz zu legen, daß sie anläßlich verkommenden Wahleil die rechte Opferfrendigkeit betätigen. Wahlen kosten Geld und für die liberaleil Parteien mehr als sür alle anderen; denn für sie arbeitet niemand als sie selbst, gegensie aber alle anderen. Es kann dabei garnicht in Frage kommen, für welche der freisinnigen Richtungen man sich entscheidet. Es gibt sür uns keinen Kampf nach zwei Fronten, denn überall, wo man entschieden für die Volksrechte und gegen jede Beschränkung eintritt, stößt man aus denselben Feind. Für uns tritt sowohl die Freisinnige Volkspartei wie die Freisinnige Vereinigung und ein Teil der Nationalliberalen ein. Es kann sich für uns nur um die allgemeine Feststellung handeln, das; der Feind auf der rechten Seite steht, und daß die genannten drei Parteien wohl getrennt marschieren, diesen Feind aber, so oft er die Verfassung anzutasten geneigt sein sollte, vereint zu schlagen bereit sind.