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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-20 · Heft 8 (20.2.1903) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 96 (sequence 14)
Language
German
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Z6 kohlten Cederbalken im Tempel Jerusalems. Seit dieser Zeit soll unter den Prager Juden der Fluch gebräuchlich sein: „Werd' berschwarzt!" Der angekündigte hohe Besuch hatte null die größte Erregung im Ghetto hervorgebracht. Man wußte nicht, wie man der erhabenen Landesfürstin irgend eine seltene Ueberraschung bereiten sollte. Ja wenn der „hohe Rabbi" Bezalel Löw. der gelehrte Talmudist, Kabbalist, Physiker und Astronom, noch gelebt hätte, der in den Tagen Kaiser Rudolfs II. bei einem ähnlichen Besuche mit Hilfe der in seinen Diensten stehenden Zauberkräfte Gvldpaläste, Trinmphpforten und dergleichen auf den Ghettoplätzen hervorgerufen haben soll, — aber diese schönen Zeiten waren längst vorüber. Es war ail einem Freitagabend, in den düstern, fast unterirdischen Räumen der Altneuschul brannten Hunderte Kerzen zu Ehren des einziehenden Sabbats. Die Synagoge war voll Andächtiger in festlicher Kleidung, die dem für heute angekündigten Besuche der Kaiserin mit einem gewissen Bangen entgegensahen. Fanfarentöne, Glockengeläuts und Hurrarufe des zahllosen Volkes kündigten endlich das Herannahen der Majestät an. Der Oberrabbiner mit dem Primator und der gesamte Vorstand erwarteten die Ankommenden an der Pforte des Tempels und geleiteten die Kaiserin, welche in Begleitung des Grafen Kaunitz erschienen war, zu den Ehrensitzen. Der Gottesdienst begann. Klein-Dovidl war der wegen seiner Gesangsleistungen bewunderte und vielgerühmte Chasan der Altneuschul. Er war ein Natursänger; ohne eine Note lesen zu können, improvisierte er die bizarrsten Melodien, die er in Begleitung eines dreiköpfigen Chores mit Stimmengewalt vorzutragen verstand Seine Glaubensgenossen sahen in ihm den vollendeten Kunst- Heros und hatten auch für heute Abend große Hoffnungen auf ihn gesetzt. Sie sollten sich nicht getäuscht haben. Klein- Dovidl begann das Iwollo ckocki — unbekümmert um das, was hinter ihiil geschah, wählte er in seinem reichen Melodienschatz und sang mit solcher Inbrunst, mit solch volltönender Stimme, bald klagend und von tiefstem Seelenschmerz ergriffen, bald jubelnd von der Begeisterung eines glaubensseligen Gemütes, bald schmelzend und bald wieder die Himmelspforten stürmend, daß Kaiserin Maria Theresia überwältigt von Rührung die Tränen nicht zurückhalten konnte, die aus ihren Augen hervorquollen. Die Macht des Gesanges hatte trotz seiner Regellosigkeit und seiner ungeordneten Dissonanzen einen tiefen Eindruck auf ihr weiches Herz gemacht, der noch vermehrt wurde durch die Schauer der altertümlichen Räume. Zufrieden mit dem empfangenen Eindruck verließ die Kaiserin das Bethaus und sagte zu Kaunitz: „Wir werden den Mann belohnen, der uns eine fv schöne Stund' bereitet hat. Er soll sich lang d'ran erinnern, daß er dem Gefühl seiner Kaiserin wohlgetan!" Und als nach einiger Zeit Kaunitz die Kaiserin an das Versprechen, Klein-Dovidl belohnen zn wollen, erinnerte, sagte die Monarchin: „Das ist seine Sach', mein lieber Kaunitz, mir die Vorschläg' zu erstatten, wie ein derlei Mensch am besten prämiiert wird." Kaunitz schrieb nun nach Prag an den Oberstbnrggrafen, ihm rücksichtlich des Klein-Dovidl Vorschläge zn erstatten, die Sache jedoch geheim zu halten, weil Ihre Majestät genanntem Juden eine Ueberraschung bereiten wolle, zugleich solle sich die gesamte Judenschast durch die Allerhöchste Distinktion geehrt fühlen. Der Oberstburggraf erließ ein Reskript an den Gemeindevorstand, ihm die Frage zu beantworten, welches die höchste Auszeichnung sei, so einem Juden fürlieb wäre, und daß zugleich die gesamte Judenschast sich dadurch geschmeichelt fühle. Darauf antwortete der Vorstand, es sei die höchste Auszeichnung für einen Juden in Ihrer Majestät Erblanden wenn er Oberrabbi sei. Und die Kaiserin verfügte daraus allsogleich: „So wollen wir denn den Klein-Dovidl zum Oberrabbi Unseres Königreiches Böhmen machen." Klein-Dovidl war seines Geschäfts em armer Hausierer, der auf den Gassen und Plätzen Prags herumwanderte, um alte Kleider und Sachen einzukaufen; zugleich war er ein ganz unwissender Mensch, der außer seineu Stimmmitteln nur wenig besaß, wodurch er in den Augen anderer Beachtung gefunden hätte. Man kann sich nun das Entsetzen ausmalen, welches das Allerhöchste Reskript im Prager Ghetto hervorrief, wodurch dieser Klein-Dovidl zum Oberrabbiner ernannt wurde. Aber die eingeschttchterten und angsterfüllten Juden wagten keinen Widerspruch, nur Klein-Dovidl bewies, daß er ebensoviel Mut als Stimme besaß. Er begab sich zum Oberstburggrafen und bat ihn, das Dekret zurückweisen zu dürfen. „Gnade, Gnade," schrie er, „ich werd zum Gespött' unter meinem Volk! Es kann, es darf nicht sein! Es wär' ein Unglück für mich." Nun zog der Oberstburggraf neue Erkundigungen ein und belehrte sodann die Kaiserin über ihren Irrtum. Als diese den richtigen Sachverhalt erfuhr, sagte sie: „Wir wollten den Juden nicht kränken, auch niemandem ein Aergernis geben, weil Wir aber dessen Belohnung zugesagt, so ernennen Wir den Klein-Dovidl zum Kapellmeister und befehlen, daß ihm nnd der ganzen Judenschast das kundgetan werde." So blieb es auch. Klein-Dovidl blieb Ghetto-Kapellmeister von Prag und Chasan der Alt-Neuschul. Noch lange erscholl sein Gesang in diesem Gotteshause und widerhallte von den Wänden desselben, die im Laufe der Zeiten und Geschicke so schwarz geworden sind, wie die Nacht der Verbannung, welche über den zerstreuten Kindern Israels schwebte. Es ist eine heilige Schwärze, keine Menschenhand vermag sie zu entfernen, die Hand verdorrt, die tempelschänderisch an ihr zu kratzen wagt. Dereinst aber, am Tage der Erlösung wird sie von selbst weichen, nnd die Wände des geweihten Hauses werden plötzlich diamantfarbig erstrahlen wie die Tore des Himmels. Sv lautet die Sage im Ghetto zu Prag. Literarische Mitteilungen. -- Der j ü d isch - li t erari s ch e Abre i ß kal en der, den Rabbiner Dr. Heppner in Koschmin seit einigen Jahren herausgibt, hat sich bereits in jüdischen Kreisen so eingebürgert, daß es wohl nur eines Hinweises auf das Erscheinen des neuen Kalenders für 1903—5663/64 an dieser Stelle bedarf. Die Vorzüge dieses Kalenders fallen sofort ins Auge, wenn man ihn näher betrachtet. Er enthält zunächst in deutlicher, gut lesbarer Schrift beide Daten, die religiösen und bürgerlichen. Dann kommen die Feste, die Gedenktage, die guten wie die traurigen — ein vorzügliches Hilfsmittel für den Unterricht in der jüdischen Geschichte und Literatur — schließlich sehr hübsche Zitate, Bemerkungen, Erklärungen und Hinweise, aus denen man viel lernen kann. Es wäre zu wünschen, daß dieser Kalender ein rechter Hausfreund in der jüdischen Familie würde. Er könnte dort den großen Erinnerungen unserer Geschichte wertvolle Dienste leisten. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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