Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie in der ärztlichen Diagnose das post Iioe orZo propter doc verhängnisvoll werden kann, in der Aufeinanderfolge von Tatsachen und Erscheinungen schon eine Kausalität erblicken zu wollen, so zeigt es sich auch im Geschicke von Gesamtheiten verderblich, wenn deren Lenker sich von einer solchen traurigen Verirrung leiten läßt, in die Auffassung und Berechnung des Nacheinander einen ursächlichen Zusammenhang bringen zu sollen. Voreingenommenheit für und gegen etwas, Zuneigung und Abneigung halten sich bloß an die Vorzüge oder Fehler, wenn sie sich von einem Objekte Gesamtvorstellnngen, Begriffe, Urteile und Schlüsse bilden. „Die Liebe deckt alle Fehler zu" und „der Haß ist blind" für das Gute in dem Gehaßten. Beide sehen nicht, was sie nicht sehen wollen und beachten es nicht bei der Beurteilung und Behandlung. Ein Parteimann darf alles sein, sogar ein Verbrecher, tut nichts! Er ist einmal von der Partei. Umgekehrt wird der Gegner behandelt. Ueberall?ars pro toto. So ist es von den größten staatlichen, nationalen, religiösen und sozialen Parteien bis hinab zu den Fraktionell und Fraktiönchen, deren Um und Aus ein Sonderinteresse gegenüber dem Gesamtinteresse oder allgemeinen Wohl bildet. All das zusammenfassend, können wir wohl sagen: das Universelle in Auffassung und Behandlung, das ist das reinhumane und das Partikularistische ist das Animalische. Der Egoismus, diese Wurzel aller Uebel, ist das Ums pro toto in die Gesinnungs- und Handlungsweise übertragen und kennzeichnet das Tier. Dieses kennt keine andern Rücksichten als die durch Selbsterhaltung oder Arterhaltung gebotenen. Der krasse Egoismus tritt selbst in dem ethisch-sozialen Instinkte (Herdentiere und Tierstaaten) hervor. Der Altruismus ist das wahrhaft Humane, das nicht nur individuelle Selbstverleugnung allem gegenüber, was sui honoris ist, hervorbringt, sondern gegen alles Lebewesen, sogar gegen leblose Dinge als Ausfluß des Rechtes fordert. Domestizierte Tiere nehmen ähnliche Gewohnheiten durch Nachahmung von den Menschen an und wo Aeußerungen von Aufopferung und sorgender Teilnahme für Andersartige auch bei freilebenden Tieren als seltene Ausnahmen Vorkommen, sind darin nur ausgelöste Lust- und Unlustempfindungen zu erblicken, welche Vorstellung auch die Sentimentalität davon haben mag. Der verwerfliche und verderbliche menschliche Egoismus (es gibt ja auch einen gesunden berechtigten) in seinem entsetzlichen Walten kann als animalisch gelten, wenn uns auch bei der Betrachtung der zivilisatorischen Nachwirkung schonungslos wütender menschlicher Kampfesleidenschaften die Ahnung beschleicht, daß das Hervorbrechen des Brutalen im Menschen die Berechtigung der Notwendigkeit haben kann. Die gegenwärtige Fruchtbarkeit in der literarischen Erzeugung von Logiken gemahnt etwas zu eindringlich an die Ableitung der „Logik" von „Logos" „Wort", auch im Sinue von Wortspielerei und -Klauberei. Wie ruft nur Hamlet sarkastisch aus? Worte, Worte, Worte!" um leeres Gerede zu bezeichnen. Klein-Vovidl, der Kapellmeister von Prag. Von Rudolf Kars. Septembertage des Jahres 1754 waren Freudentage für die Stadt Prag. Am 24. dieses Monats kam nämlich Maria Theresia mit ihrem Gemahl und einem großen Gefolge daselbst an und verweilte dort längere Zeit. Die Stadt feierte die Gegenwart des Kaiserpaares in brillanter Weise; Feste folgten auf Feste, und der Jubel war unbeschreiblich. Maria Theresia besichtigte aber auch eingehend alle Sehenswürdigkeiten und äußerte unter anderem auch den Wunsch, das Ghetto und insbesondere die altehrwürdige Synagoge desselben, die Altneuschul, zu besichtigen. Das Prager Ghetto war ja auch unbestritten dazumal eine Sehenswürdigkeit, eine kleine Welt sür sich und überreich an Denkmälern und Sagen. Sein Ursprung verliert sich weit zurück in (der Zeit. Lange vor den Tagen des Königs Herodes, so erzählt; die fromme Sage im Ghetto, lebten in Palästina drei tugendhafte Männer ans dem Geschlechts Davids, denen Gott durch ein Traum gesicht die Zukunft offenbarte. Um nun ihren Nachkommen den Anblick der Gräuel zu ersparen, deren Schauplatz Juda werden sollte, griffen sie zum Pilgerstabe und verließen gemeinschaftlich das gelobte Land. Das Bild des achtarmigen Leuchters im Tempel zu Jerusalem schwebte ihnen mit brennenden Lichtern voraus. Während der langen Wanderschaft aber hörten sie nicht auf, den Herrn zu Preisen und streng gottesfürchtig zu leben. So kamen sie iinmeitz weiter nach Westen. Da ließ es sich ein Knabe der Karawane einfallen, eines Freitagabends, als schon der erste Stern am Himmel glänzte und die Männer bereits das llocko ckoüi anstimmten zur Verherrlichung des Sabbateingauges, ein Bäumchen im Walde zu brechen, um sich einen Stock daraus zu schneiden. Augenblicklich verlöschten die Lichter des Leuchters Schrecken und Verwirrung kam unter die Pilger, sie verirrten und trennten sich. So geschah es, daß ein Trupp bis nach Toledo, ein anderer nach Worms geriet, und ein dritter sich am rechten Ufer der , Moldau niederließ. Diese bauten bald eine Synagoge, und das soll die „Altneuschul" sein. Dieses erste Gotteshaus der Juden in Prag blieb stets eure Stätte der Wunder und gab in den ersten Zeiten den Ansiedlern regelmäßig Kunde von den Schicksalen des Mutterlandes. Und als Titus am S. Ab seine Legionen zum Sturme gegen die Stadt Davids führte, und die Säulen des salomonischen Tempels zusammenbrachen, da begannen auch, wie die Sage weiter meldet, die Säulen der Altneuschul zu zittern, die Türen der Bundeslade flogen mit einem Klageton auf, und von selbst entrollte sich die heilige Thora, bis die Stelle sichtbar ward, welche das Kapitel vom Fluch enthält, und tiefe Finsternis erfüllte plötzlich den Tempel. Da entstand großes Jammern und Weinen unter der Gemeinde, unter Wehklagen flohen sie entsetzt ins Freie, wo der Himmel in heiterer Bläue glänzte. Schaudernd erkannten sie die Bedeutung des Zeichens; sie fasteten und zerrissen ihre Gewänder. Erst nach sieben Tagen verschwand die geheimnisvolle Finsternis aus der Synagoge, allein die Wände blieben schwarz wie oie ver-