Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 94 (sequence 12)
- Language
- German
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94 Zuerst oder am meisten ansgebildet findet sie sich bei den Aegyptern. welche annahmen, daß die Seele der Frommen in reine (heilige), die der Schlechten in unreine Tiere fahre, (nach andern hatte bloß die Seele zu wandern, die keine Verzeihung'von Osiris zu erflehen vermochte), um nach 3000 Jahren wieder in einen Menschenleib znrückzukehren. Nach einer Darstellung bei Wilkinson (8uppl. Dl. 87) bewachten auf einem Schiffe zwei mit Keulen bewaffnete Affen ein Schwein, über welchem kba-miss, nach Seyffarth „Strafe des Wuchers" zu lesen ist. Eine Jdeeuasiozialion zwischen beiden ist auch aus der Talmndstelle Xeäarim 49b ersichtlich: Ein Sadduzäer sagte zu R. Jehuda: „Dein Gesicht gleicht entweder einem Wucherer oder einem Schweinezüchter," (Seltsam genug bezeichnet man noch jetzt in jüdischen Kreisen einen hartherzigen Ausbeuter mit dem Spottnamen: Chasir.) Dieser Glaube ging als tief wurzelnde Weltanschauung in die Philosophischen Shsteme des Pythagoras und selbst Platos über, der im Phadrus sogar 10 000 Jahre als die Zeit der Seelenzirkulation angibt. Ovid, Not, XV., 158 widmet ihr die Verse: Aloito erneut rniiinrv, sompsrgus Priors reiieta Lstio, uvvis rloniibus Imlnt-mt vivuntgue recspüv. Den ältesten Bericht darüber bringt Hsrollot II., 123. „Unter den als Männer Geborenen, sagt Plato ini Timäns, Kap. 44. gingen die Feiglinge und die während ihres Lebens Unrecht übten, der Wahrscheinlichkeit nach, bei ihrer zweiten Geburt in Frauen über . . . Zum Geschlechts der Vögel aber, welchen statt der Haare Federn wachsen, gestalteten sich Männer uni, zwar harmlosen, aber leichten Sinnes, welche wohl mit den Erscheinungen am Himmel sich beschäftigen, aber ans Geistesbeschränktheit meinen, die auf den Augenschein sich gründenden Schlüsse über dieselben seien die zuverlässigste». Ferner entstanden die vierfützigen und anderweitigen Tiere aus solchen, die um die Weisheit sich nicht kümmerten, noch, weil sie nicht fürder das im Haupte Umkreisende anwendeten, auf den Himmel ihr Augenmerk richteten, sondern der Leitung der in der Brust einheimischen Teile der Seele sich überließen . . . Dieser Umstand gestaltete diese Gattung zu einer vier- und vielfüßigen, indem der Gott den minder Verständigeil ein vielfacheres Untergestell unterschob, damit sie mehr zur Erde herabgezogen würden. Da aber die Unverständigsten unter ihnen, deren ganzer Körper der Erde zugewendet ist, der Füße nicht mehr bedürfen, erzeugten sie (die Götter) diese fußlos und auf dem Boden sich dahinwindend. Die vierte Gattung endlich, die der Wassertiere, entstand aus den allerunverständigsten und unwissendsten, welche die sie Umgestaltenden nicht einmal mehr eines reinen Atemzuges wert achteten, sondern, anstatt des Einziehens der reine» und seinen Luft zu dem Einatmen des schlammigen und schweren Wassers herabstießen . . . Dieses alles führte nun damals und noch jetzt, vermöge des Erlangens und Einbüßens des Unverstandes und Verstandes den wechselseitigen Uebergang der Tierarten ineinander herbei." Th. Gomperz erblickt in der Annahme, daß die verschiedenen Stufen des Tierreiches „nicht wie mit dem Beil auseinandergehackt sind", eine Vorahnung der Evolution. Das ist der Kern der platonischen Deszendenzlehre, daß die Wandlungen eine absteigende Linie der Entwickelung bilden, während die moderne Abstammungstheorie, da sie eine aufsteigende Reihenfolge annimmt, vielmehr eine Aszendenzlehre heißen könnte. (Gr. Denker 1.180, 11.482). Der Atavismus kann in diesem Sinne freilich nicht als Aszendenzlehre gelten. Daß sie nicht ohne Einfluß auf jüdische und christliche Vorstellungen geblieben, wird unter Hinweis auf Josephus (^ntignitutss 18. 2: Do bollu just. 2, 12» und die Evangelisten (Matthäus 14. 2; 16, 14; Joh. 9, 2) angenommen. Der christliche Gnostizismus und die jüdische Mystik sind davon durchtränkt. Jsak der Blinde, der „Vater der Kabbala", wie ihn Bachja u. a. nannten, dvgmatisierte die Seelenwanderung, und können sich die Kabbalisten von diesem Wahne, gegen den der Gaon Saadja (Lmun. o-stcotli. 6) entschieden aufgetreten, dem aber, wie wir sehen, eine wissenschaftlich verwertbare Idee iunewohnt, nicht lossagen. Wie man Pythagoras gegen den Vorwurf der Superstition durch die Annahme einer allegorisch moralisierenden Absicht in Schutz zu nehmen versuchte (Ambrosius, Rhodius, Whitelocke, Bulstrode, Olearius), so hat es auch unter andern Jakob Emden (Mitpachat 33) mit den kabbalistischen Wahnvorstellungen unternommen. Moltke und Bismarck sollen sich für die Lehre der Seelenwanderung sehr interessirt haben. Wie Sidney Whitman in seinem jüngst erschienenen Buche „Fürst von Bismarck" erzählt, soll dieser einmal den launigen Ausspruch getan haben: „Wenn ich die Gestalt wählen könnte, in der ich noch einmal leben möchte, so weiß ich nicht, ob ich nicht ganz gern eine Ameise sein würde. Sehen Sie, dieses kleine Insekt lebt in einem vollständig organisierten Staate. Jede Ameise muß arbeiten, ein nützliches Leben führen, jede Ameise ist fleißig. Da gibt es vollkommene Subordination, Diszipliir und Ordnung. Sie sind glücklich, denn sie arbeiten." Gabriele d'Annunzio hat das sublime avitische Empfinden in der exzentrischen Heldin seines Romans „Feuer" in poetischen Glanz getaucht: „Und sie selbst, mit den Füßen auf dem heißen Boden unter den weichen Himmelslüften, in der Farbe ihres Kleides dein rötlich-gelben Raubtier gleichend, fühlte, wie aus den Wurzeln ihrer Wesenheit ein seltsames Empfinden aufstieg, wie von ursprünglicher Tierlichkeit; fast die Illusion einer langsamen Metamorphose, in der sie eineil Teil ihres menschlichen Bewußtseins verlor und wieder zur Tochter der Natur wurde, eine naive und kurzlebige Kraft, ein wildes Leben." Es soll hier betont werden: Der beherrschende Gedankeninhalt und der gewaltige Gedankengang der Seelenwanderu'ng haben in dem Menschengeiste die Macht einer Zwangsgewohnheit angenommen, welche es uns erklärt, wie und warum die Entwicklungslehre, ob sie nun lamarckkistisch oder darwinistisch an- und aufgefaßt werde, einen solch außerordentlich günstig vorbereiteten, triebkräftigen Bodden in der menschlichen Weltanschauung und Erkenntnis finden konnte. Auch die Tiere besitzen die Vorzüge ihrer Fehler, aber nicht minder die Fehler ihrer Vorzüge. Der Vorteil einer konzentrierten, durch nichts so leicht abzulenkenden Aufmerksamkeit, welche direkt auf ein Ziel gerichtet ist und es mit prompter Sicherheit erreicht, hat beschränkte Einseitigkeiten nach zwei Richtungen im Gefolge, welche als menschliche Denkfehler zwar bekannt, aber gleichwohl als avitische Reste im Menschen, wie wir sehen werden, aufzusasfen sind. Sie heißen: Drns pro toto und Dost sioc (cum Iioe) oitzo proptor Iwe! Es ist die irrige Vorstellung vom Teile und dem Ganzen, vom Kausalnexus des Simultanen und Succesiven, welche einen zuweilen wenig charakterisierenden Teil für das ausgesprochene Ganze nimmt, das zufällige Nebeneinander, als von einander Bedingtes ansieht, eine Begleiterscheinung als Hauptäußerung betrachtet, im Nacheinander das Durcheinander, das Verhältnis von Ursache und Wirkung erblickt, im Vorangehenden und Nachfolgenden die Beziehung zwischen Grund und