Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-20 · Heft 8 (20.2.1903) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 92 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228536--59511-3296029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

92 Zeichnungen machen. Antokolsky war ein interessanter Arbeiter. Er gehörte zu jenen hervorragenden russischen Männern der 60 er bis 70 er Jahre, die außer einer hohen Begabung noch andere wertvolle Eigenschaften besaßen: die Arbeitsamkeit und eine seltene Energie. Und in der Kunst war damals eine noch nie dagewesene Ernte. Die Genossen Antokolskys: Njepin, Siemiradsky, Sawizky und noch viele andere, waren hochbegabte Männer, die die Kunst so beharrlich und so innig liebten, daß sie ihre ganze Zeit, alle ihre Gedanken derselben widmeten. Die Ateliers dieser damals noch jungen, aber schon tüchtigen Künstler waren voll von Arbeiten. Alle Wände waren mit wunderschönen Etüden geschmückt, und mit talentvollen Skizzen und Kompositionen angefüllt. Bei diesen Männern blieb die erstaunliche Arbeitsfähigkeit für das ganze Leben. Das Jahr 1883 brachte ich im Pariser Atelier Antokolskys zu. Ich war Zeuge seiner erstaunlichen Energie und seiner Unermüdlichkeit. Das Sprüchwort sagt: mens sans in corpore srmo, aber dies ist bei Antokolsky nicht anwendbar. Mager, dem Anscheine nach leidend, kränkelte Antokolsky oft, aber in der Arbeit war er außergewöhnlich stark, rüstig und ausdauernd. Während des Sommers, in den heißen Tagen, arbeitete er unaufhörlich, ans den Füßen stehend. Er ließ sich von jeder Arbeit Hinreißen, wie der Jüngling sich vom ersten Werke Hinreißen läßt. Es geschah, daß er mit leuchtenden Augen und mit dem auf den Lippen vertrockneten Ton 10 bis 12 Stunden von der Arbeit nicht fortging. „Mark Matwejewitsch," Pflegte ich ihm zu sagen, „es ist schon spät, es ist sieben Uhr vorbei, es ist Zeit nach Hause zu Mittag zu gehen, denn die Ihrigen erwarten Sie." „Ich gehe ja schon," antwortete er fröhlich, wirft den Kittel von sich und eilt zum Waschtisch, um seine Hände vom Ton zu reinigen, aber sein Kopf ist zur Statue gewendet, er blickt sie an — und in einem Moment steht er wieder vor derselben. Nur mit Mühe reiße ich ihn von der Arbeit fort. Rüstig, munter, keine Müdigkeit spürend, gehen wir zu Fuß nach Hause. „Ach, ich habe mich verspätet," sagte er mit einer schuldbewußten Stimme, „ich habe gearbeitet, aber dafür scheint es mir, daß ich mein Mittagessen redlich verdient habe. Nicht wahr Jlja (Elias), ich habe gnt gearbeitet," wendete er sich lächelnd an mich. Das Leben im Atelier war für Antokolsky das wirkliche und für ihn ein angenehmes Leben. „Hier ruhe ich mit Leib und Seele aus," sagte er mir oft. „Ich arbeite unter Begleitung des Hammers des Marmorarbeiters. Der gleiche, gute Ton des Schlages klingt mir angenehm. Es gibt eine Poesie in dieser Arbeit, in diesen Tönen!" „Ach, wie gern möchte ich so rasch als möglich ins Atelier zur Arbeit znrückkehren," sagte er jedesmal, wenn er nach Petersburg kam. „Ich halte mich da zu lange auf und tue nichts, und deshalb langweile ich mich." Antokolsky liebte, mit allen über seine Arbeit sich zu beraten. Er hörte gern alle Meinungen, sei es von einem Künstler oder von einem seiner einfachen Arbeiter. „Man muß alle aushören und niemanden hören," pflegte er oft zu sagen. Die Marmvrarbeiter, die mit ihm in Berührung kamen, liebten ihn sehr wegen seines zarten Benehmens und seiner unendlichen Güte. Er verkehrte mit ihnen wie mit Kameraden, beriet sich mit ihnen und schätzte ihre Mühe und Arbeit. (Zwanzig Jahre hindurch lebte bei ihm der Marmorarbeiter Fvssaty, und nicht lange vor Antokolskys Tode mußte er nach Italien zurückkehren.) Selbst ein ausgezeichneter Techniker, und sich zu seineil eigenen Arbeiten streng verhaltend, war Antokolsky sehr nachsichtig gegen diejenigen, bei denen die Technik schwach war, wenn sie nur Talent und einen Funken Gottes besaßen. Besonders freute ihn jede Individualität und Originalität, wenn diese bei jungen Künstlern sich offenbarte. „Siehe, wie unrichtig, wie unkundig, aber zu gleicher Zeit wie talentvoll! Mit welcher Liebe sind einige Details geschaffen," sagte er mir, indem er mir die Arbeiten eines Anfängers zeigte. „Deshalb liebe ich das Altertum. Siehe, welche Innigkeit, welche Liebe diese kleinen Dinger aus Elfenbein enthalten. Welche Ausarbeitung überall," Pflegte er oft zu sagen, wenn er seine Sammlung von okjets ck'art zeigte. Das wertvollste beim Menschen und Künstler ist seine Seele, diese Gottesgnade ist überall — im Genre, ii« der Erzählung und in der Geschichte. Diese Liebe zur Arbeit rührte stets Antokolsky. Ich erinnere mich, als er einst aus Moskau zurückkehrte, erzählte er mir, welche Kameraden-Künstler er dort gesehen habe. „Und weißt Du, in Moskau sind die Künstler — wackere Kerle („Molodzy"): alle arbeiten rüstig und zwar große und gute Dinge; wer mich aber ganz besonders überraschte und in Erstaunen setzte, das war — Surikow. Denke Dir eine niedrige Dachstube, und dort wird ein sehr großes, sadenlanges Bild gemalt. Der Rand des Bildes reicht bis znr Zimmerdecke. Weder ein Lisch, noch ein Stuhl. Hier befindet sich auch die Familie. Armut, Kälte, und das Bild einfach." . . . Dabei machte er mit der Hand eine Geste, die Fingerspitzen an die Lippen legend: „Dies heißt Kunst." Dieses Bild ist jetzt auch in der Tat eins der schönsten Zierden der Tretjakowschen Galerie. Antokolsky glaubte an das hohe Ideal der Kunst. In seinen Ansichten über die Bedeutung der Kunst war er fest und unerschütterlich. „Wo der Zweifel beginnt — dort hört die Liebe ans," schrieb er mir aus Paris, „und wo die Liebe aufhört, dort gibt es auch keine Kunst." Die Franzosen sagen: wer nicht zuviel liebt, der liebt nicht genügend. Dies kann man gänzlich auf die Kunst anwenden. „Für die Künstler bestehen zwei Welten", sagte er mir, „die irdische mit allein ihrem Toben, und die künstlerische, ans der derselbe die Kraft der Begeisterung, die Freude und den Genuß selbst unter den schlechtesten Umständen schöpft." Antokolskys Talent war ein Helles, ein unauslöschliches. Manchmal krank in, Bette liegend, hörte er nicht auf, an seine Arbeit zu denken und zu schaffen. Eine Woche vor seinem Tode sagte er mir: „Wenn ich nur schnell wieder gesund werde, Du wirst sehen, was ich noch leisten werde. Wie ungelegen bin ich erkrankt. Und es ist schrecklich, daran zu denken, daß dort im Atelier viel unbeendigte Arbeit sich befindet." Er konnte nicht daran glauben und denken, daß seine Krankheit stärker als sein inneres Feuer, älter als sein junger, frischer Geist sei. Mein Herz preßte sich vor Weh zusammen. Ich war nahe daran aufzuschluchzen, als ich zwei Wochen später Antokolskys Atelier betrat. Es schien mir, als ob er dasselbe für einen Moment verlassen hätte. Das Atelier, voll von Arbeiten, wartet seiner. Nur mit Mühe kann man sich durch die Arbeiten durchdrängen: so voll ist dasselbe, als ob die Arbeit ihn hinausgedrängt hätte, und er dort keinen Platz mehr fände! Die Abschätzung der Lebensarbeit Antokolskys ist schon geschehen. Es ist Sache der Geschichte, seine Nolle in der Kunst zu bestimmen. Die Richtung in der Kunst wird sich ändern. Es werden verschiedene Epochen vorübergehen; aber seine aufrichtige Seele, die sich in seinen Schöpfungen widcrspiegelte, seine feurige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.