Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 91 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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91 gehaltvolle Sendschreiben nicht zu kennen, womit damals Leopold Löw als kühner Streiter für seinen Glauben diesen Männern entgegentrat und die liebevolle Zudringlichkeit abwehrte. Diese traurigen Erscheinungen von heute entbehren jedoch auch einer gewissen Komik nicht, wenn man sieht, wie sich unser ultrakatholisches Sprachorgan mit dem protestantischen Blatt wegen der paar bald hier, bald dort erhaschten Seelen in den Haaren liegen und in ihrem Streit um die jüdischen Abtrünnigen ihre Alleinseligmachung unter gegenseitigen Schmähungen in die Welt hinausposannen. Eine Gedächtnisfeier für Antokolsky. Von Leon A. Trachtenberg. in 22. v. M. fand im Saale der Kaiserlichen Gesellschaft zur Beförderung der Kunst in Petersburg zu Ehren des großen Bildhauers Mark Antokolsky eine Gedächtnisfeier statt. Der große Saal war mit Bildern des verewigten Künstlers Grizenkv geschmückt. Die Feier begann mit dem Chor „Die Trauer" von Professor Lewandowskh, von Dilettanten unter der Leitung von M. I. Schneider gesungen. Die traurigen, erhabenen Töne, voll von Weh und Kummer, erschienen als die ersten Ausdrücke jener Stimmung, mit welcher das auserwäblte Publikum, aus Vertretern der Aristokratie, der Kunst, Literatur und Wissenschaft bestehend, zur Feier gekommen war. Einige warme und herzliche Worte widmete nunmehr der Vizepräsident der Kaiserlichen Akademie der Künste, Graf I. I. Tolstoy, dem teuren Andenken Antokolskys. Er sprach nicht nur als Vertreter jener Stiftung, deren Mitglied Antokolsky bis zu seinem Tode war, sondern auch als „Freund, der ihn von ganzer Seele liebte", über jene wertvollen Eigenschaften der Seele, mit denen Antokolsky begabt war. In dieser erlauchten Versammlung sah er die tief bedeutungsvolle Anerkennung der Verdienste Antokolskys und den Ausdruck des Tributs der Achtung für die russische Kunst, der der Bildhauer diente. „Möge", schloß Graf Tolstoy, „die Ehrung seines Gedächtnisses als ein Sporn für die jungen Kräfte dienen, mögen die Jünger, auch mit anderen Tendenzen, das ihnen von Gott verliehene Talent achten, ebenso wie er das Talent seiner Vorgänger achtete und schätzte, wiewohl er sich stets bestrebte, selbständig zu bleiben und in seine Schöpfungen seine Ansichten und seine Ideale hineinzutragen." Den Grafen Tolstoy löste auf der Estrade der greise Kunstkritiker W. W. Stasow ab, der intime und warme Freund des Verewigten. In einer herzlichen Rede teilte er dem Auditorium seine Erinnerungen an den Entschlafenen mit, die Einzelnheiten seiner ersten Begegnung mit Antokolsky, die Mißerfolge, Qualen und Entbehrungen, die der große Künstler durchmachte, die Beziehungen einiger seiner Kollegen und Mäcene zu ihm; die Details seiner ersten Fortschritte und das schnelle Wachsen seines Ruhmes, seine inneren Eigenschaften, seinen tiefen Verstand und seine seltenen künstlerischen Talente, Gedanken auszudrücken. In einem vorgelesenen Briefe erklärte der große Meister des Wortes, I. Turgenjew, die Auslegung der Gedanken Antokolskys als merkwürdig sowohl durch die Macht des Gedankens, als durch die Tiefe der Ueberzeugung. Der gefeierte Kritiker schließt seine Erinnerungen mit der Ueberzeugung, daß die Zeit kommen wird, wo die veröffentlichten Briefe Antokolskys als ein reiches Material zur Wertschätzung des Künstlers als eines tiefen Denkers und Schriftstellers dienen werden. Eine im höchsten Grade interessante Seite aus dem Leben des Verewigten beleuchtete sein alter Freund S. I. Mamonlow. Auszüge aus Briefen und Erinnerungen über Antokolsky, die vorgelesen wurden, eröffneten dem Publikum jene Welt von Ideen, Ansichten, Ueberzeugnngen, in deren Mitte Antokolsky in den Jahren seiner besten Schöpfungen lebte. Es ist schwer zu entscheiden, wo in Antokolsky der Bildhauer aufhört und wo der Philosoph beginnt. Als Jude besaß er einen feinen, gefühlvollen Sinn, der durch die Jahrhunderte der Ausdauer und der Geduld ausgearbeitet wurde, und seine Seele suchte stets eine Antwort auf jene Fragen, die sich in seinem Kopfe drängten. Durch den Meißel bestrebt sich der Bildhauer, dasjenige zu bilden, was ihn drückt und peinigt, er findet keine Befriedigung, Und in seinen Werken bestrebt er sich, jenen Gleichklang des Guten wiederzugeben, der alle Menschen dem Glück näher bringen wird. Man muß alle lieben, leben und arbeiten für alle. Alle Menschen sind Brüder — es soll keine Unterdrückten geben. So antwortet der Jude Antokolsky, der mit Liebe an der Statue „Christus" arbeitete, auf all das boshafte Zischen der feindseligen Presse. Dieses Vermächtnis läßt er in seinen genialen Schöpfungen zurück. . . . Mil lebhaften Beifallskundgebungen begrüßt das Publikum den hochbegabten Schüler Antokolskys, I. I. Günsburg. Er nimmt das Interesse des Publikums in einer anderen Frage in Anspruch: „wie Antokolsky arbeitete und wie zu arbeiten er lehrte". Wir bringen diese Rede etwas ausführlicher. „Im Juni des Jahres 1870, als ich nach Petersburg kam, beendete schon damals Mark Antokolsky die Statue Iwans des Grausamen. Ich sah, wie er daran arbeitete. Mit jedem Tage schritt die Arbeit erstaunlich rasch vorwärts. Alles ging so erfolgreich vor sich, es schien, als ob er eine fertige, schon gemeißelte Statue kopiere. Eine Skizze sah ich damals nicht, im allgemeinen liebte Antokolsky keine Skizzen, und wenn er dieselben anfertigte, so waren sie größtenteils kleine unbedeutende Entwürfe, nach welchen es schwer wäre, über die zukünftige Arbeit ein Urteil zu fällen. Alles erschuf er im Geiste, im Geiste auch wurde dasselbe vollendet; und früher schon, ehe er an die Ausführung der ersonnenen Arbeit ging, waren ihm bereits im voraus alle Einzelheiten und deren Ausarbeitung bekannt. Sehr oft erzählte mir Antokolsky von seinen zukünftigen Arbeiten, und mich überraschte, daß er es sich bis in die kleinsten Details überdacht hatte, wie es sich anszuführen seien. Es kam vor, daß er ein Sujet zu einer Arbeit in Gedanken Jahrzehnte lang trug. Deshalb eilte Antokolsky nicht, wenn er eine neue Arbeit begonnen, fest überzeugt ging er an sein Ziel, fast nichts ändernd, und nur in zwei Füllen erinnere ich mich, hat er die Arbeit nicht zu Ende gebracht, (die Statuen Eva und Ophelia); gewöhnlich aber beendigte er alles, was er erdachte. Gleichzeitig mehrere Arbeiten zusammen unternahm er nicht. Außerdem liebte Antokolsky nicht, für seine Arbeiten Etüden nach der Natur anzufertigen; aber bevor er sich aus Werk machte, betrachtete er alles genau, studierte alle Quellen und Materialien, die für die Arbeit nötig waren. Fortwährend wendete er sich au W. W. Stasow um Auskunft, und sehr oft mußte ich sür ihn in der öffentlichen Bibliothek