Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 Das ungarisch-jüdische politische, soziale und wissenschaftliche Leben in seiner Entwickelung und Ausgestaltung spiegelt sich treu und lebendig nur in den in magyarischer Sprache erscheinenden vier jüdischen Zeitschriften sowie in den Editionen der seit neun Jahren bestehenden ungarischen israelitischen Literaturgesellschaft wieder'). Der heftige Bruderzwist im Hause des ungarischen Israel, den die Brandfackel der Zwietracht durch fanatisterende Schlagworte schon unter den Kongreßwählern entfacht hatte, und der Jahrzehnte hindurch fortwütete, scheint gegenwärtig nach einer gewissen inneren Konsolidation in beiden Lagern einer ruhigen und wenn auch nicht ganz versöhnlichen, so doch zumindest friedlichen Stimmung Platz gemacht zu haben. Hüben und drüben hat man so manche Erfahrung gemacht, welche die bisherige Kampfesweise als Outrierung erscheinen lassen, die nur zur Schwächung der Gesamtheit führen kann. Viele dereinst so begeisterten Verfechter der Reformen wurden nach und nach der Gefahr inne, welche die künstlich erzeugte Reform für das Judentum in sich birgt, denn im Lager der Neuerer machte sich gar zu bald ein geradezu verblüffender religiöser Nihilismus breit, der gewisse Kreise zu'gänzlicher Entjudung, andere sogar zum Uebertritt führte. Aber auch die sogenannte! Orthodoxenpartei scheint sich inzwischen schon eines anderen besonnen zu haben, denn zur Zeit ruht ihr Streitschwert in der Scheide, und was sie einst so bekämpfte: weltliche Bildung und die von ihren gegnerischen Brüdern so heiß angestrebte nationale Verschmelzung, findet nunmehr auch schon in ihrem Bannkreis. Eingang. So sehen wir jetzt auf der einen Seite Advokaten, Aerzte und Professoren in Verzückung geraten, wenn ihre Kinder oder Enkel die Manischtane in der alten Kantilene hersagen, oder der Kantor im Chortempel zwischen den Orgeltöneu Poluisch-chasonische Einlagen zum besten gibt, während man auf der anderen Seite in altorthodoxen Bethäusern einer ungarischen Drösche oder einer — einst so verpönten — wohlgesetzten Predigt andächtig lauscht. Welche Wandlung, wenn aus fortschrittlichem Lager der stete Notschrei „die Religion in Gefahr" ertönt, und aus den Jeschibas Rabbiner hervorgehen, die mit moderner Bildung ausgestattet sind und eher den verketzerten Predigern der sechziger Jahre als den bildungsfeindlichen Nebbes gleichen. Angesichts solcher Verschiebung und Gestaltung der Verhältnisse darf man vielleicht doch nicht die Hoffnung aufgeben, daß sich unsere beiden einst so schroff und unversöhnlich gegenüberstehenden Extreme denn doch einmal in irgend einem gemeinschaftlichen Berührungspunkt zusammenfinden werden, auf dem eine Verständigung und Zusammenwirken zum Heile des ungarischen Judentums erzielt werden könnte. Bis dahin wird freilich noch viel Wasser die Donau hinabfließen, oder, um mich eines zeitgemäßeren Spruches zu bedienen: bis dahin wird noch viel Taufwasser auf die Ueberläuser aus unserem Religionslager verschwendet werden, denn gerade in der letzten Zeit mehren sich bei uns die Austritte aus dem Judentum in höchst bedenklicher Weise. Männer in hervorragender Stellung, die als Juden zu Ansehen und Stellung gelangt, sowie Leute, die sich durch die Taufe ein gutes Einkommen ergattern wollen, werden fahnenflüchtig, von denen gar nicht zu sprechen, die durch die Macht der Liebe >> Von allen diesen literarischen Erscheinungen soll einmal mit Erlaubnis der verehelichen Redaktion in einem besonderen Bericht die Rede sein. ins kaudiuische Joch des Renegatentums gezwungen werden. Und was dieser traurigen Erscheinung noch den Charakter einer Herausforderung an das Judentum, einer beabsichtigten Kränkung unseres religiösen Gefühls gibt: man begnügt sich nicht mit der heimlichen Flucht aus dem Elternhause, der traditionellen Pietät, nein, man will die Fahnenflucht noch durch psychologisches Raisonnieren und Spintisieren literarisch verherrlichen oder hängt in marktschreierischer Weise den Eklat seines Uebertrittes höchst eigenhändig an die große Zeitungsglocke. Für was sonst könnte man es denn halten, wenn ein als Jude zum Hofrat gewordener Dichter und im Doppelreiche wohlbekannter Schriftsteller (Ludwig Doczi) in der Weihuachtsuummer eines hervorragenden Budapester Blattes ein Dramolet erscheinen läßt, das unverkennbar die Tendenz verfolgt, seine Apostasie zu beschönigen, und worin er in ostentativer Weise einen fanatischen, ihn verfolgenden Rabbiner einem von Toleranz überfließenden Pater gegenüberstellt. dem er sich nach heftigem inneren Kampfe kurz entschlossen in die Arme wirft. Daß aus der Salbaderei seines Paters Seelensängerei herausriecht, übersieht der inzwischen auch zum Baron gewordene Neophit, der sich gewaltig irrt, wenn er glaubt, durch diese dramatische Apologie bei seinen einstigen Glaubensgenossen Entschuldigung oder gar Sympathie für seine Abtrünnigkeit zu erwecken. Ein anderer seinem Beispiele folgender Literat, Redakteur eines im Dienste der reformierten Kirche stehenden Tageblattes ging noch weiter und richtete nach seiner konfessionellen Häutung an die Juden sogar eine dreiste Aufforderung, sich zu bekehren und den protestantischen Glauben als den alleinseligmachenden anzunehmen, freilich (mit einer Logik, die nur glaubens- und gedankenschwachen Renegaten eiuleuchten dürfte. In dieser seiner eifrigen Missionsarbeit läßt sich unser „I'miluL priäem SmiluL", wie er sich in seiner Zeitungsepistel an die Juden mit einer gewissen Selbstgefälligkeit nennt, von seinem Täufer, dem Ofner evangelisch-reformierten Seelsorger, assistiereil, der in demselben obenerwähnten lutherischen Leiborgan einen pietistisch-salbungsvollen Bekehrungsaufruf an die ungarische Judenschaft ergehen läßt. Was dieser gute Mann von uns Juden will, ist uns nicht neu, die Botschaft kennen wir ja von jeher, doch fehlt uns noch immer der Glaube an die Wahrheit der Verheißungen. Sie ist nur ein neuer Beweis dafür, daß man sich im Lager der christlichen Liebe und Duldsamkeit damit nicht begnügt, wenn der Jude die höchste Bildungsstufe erklimmt, seine altjüdischen Allüren ganz abstreift, national in der vaterländischen Kultur aufgeht, edel und gut ist; man soll selbst den Namen Jude nicht führen, wenn man schon verlernt hat, so ganz und gar Jude zu sein. Der Vorgang dieses bekehrungssüchtigen Neophiten mit seinem seligmachenden Vorkämpfer erinnert vollständig bis auf das i-Tüpfelchen an den Bekehrungsversuch, den vor 60 Jahren der ebenfalls plötzlich zum Protestanten gewordene Moriz Bloch — später Moriz Ballagi — in einer an den Pester jüdischen Gemeiudevorstand gerichteten Epistel machte, worin er seine einstigen Wohltäter in einer etwas kühnen Sprache zur Apostasie aufforderte, und worin ihm der damalige Prediger der evangelischen Gemeinde zu Pest Handlangerdienste leistete '). Unsere zeitgenössischen Bekehrungsapostel scheinen aber das geist- und , h Siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums" VHI (1844) Nr. 44! unter Leop. Löw, Gesammelte Schriften IV, 331.