Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 89 (sequence 7)
- Language
- German
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89 kenne, werde wissen, daß das traditionelle Judentum vor 50 Jahren ganz anders als heute abgesehen habe. Professor Blaschke bittet den Referenten zunächst um eine klare Definition, wen er zum traditionellen Judentum zähle, ob diejenigen, die die Tradition kennen und halten oder diejenigen, welche die Tradition vielleicht kennen, aber selbst nicht halten. Die letztere Kategorie rechne er (Redner) nicht dazu. Hier heiße es wissen und tun. nicht aber wissen und nicht tun. Der Ausschuß habe jedoch gar nicht die Auslosung dreier bisheriger Mitglieder und die Neuwahl von Mitgliedern, welche dem traditionellen Judentum angehören, beschlossen, sondern nur nach dem Protokoll den Vorstand ersucht, fünf Gemeindemitglieder außer den bisherigen zur Neuwahl vorzuschlagen. Herr Oppenheim versucht. das Verlangen des Ausschusses als ein berechtigtes und naturgemäßes darzulegen. Die jetzige Zusammensetzung der Kommission rühre aus der Zeit her, wo die andere Partei (se. die liberale) in der Majorität gewesen sei. Da es nicht ans der Welt zu schaffen sei. daß verschiedene Richtungen bestehen, so hätten die verschiedenen Richtungen auch das Recht, Sitz und Stimme zu verlangen. Wenn der Ausschuß in den anderen Kommissionen auf die Geltendmachung dieses Standpunktes keinen Wert gelegt hätte, um alle Weitläufigkeiten zu vermeiden, so sei doch gerade das Waisenhaus der Boden, auf dem wohl eine Vertretung des konservativen Judentums wünschenswert sei. Die Waisenkinder sollen zu guten Juden erzogen werden, deshalb müßten in den Vorstand Männer gewählt werden, welche diesem Standpunkt Rechnung tragen. Landgerichtsrat Löwe will nur qualifizierte Männer ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit in den Vorstand gewählt wissen. Die Mehrzahl der jetzigen Mitglieder, die sich durchaus bewährt hätten, rühre noch von der Zeit her, als das Waisenhaus von einem Privatverein geleitet worden sei. Die Vornahme von Wahlen für Verwaltungskommissionen nach gewissen Parteirichtungeu sei durchaus falsch, es werde hierdurch in die Gemeinde ein Schisma hineingetragen, wie es nicht wünschenswert fein könne. Prof. Vlaschke legt entschiedene Verwahrung dagegen ein, daß das von ihm geführte Protokoll beanstandet werde. Der Wunsch nach Neuwahl von drei traditionelljüdischen Mitgliedern sei in der Debatte wohl aufgetaucht, aber nicht zum Beschluß erhoben worden. Der Referent sei nicht in der Lage zn beweisen, daß die Zöglinge im zweiten Waisenhause nicht zu guten Juden erzogen worden seien. Er (Ncdner) sei der Meinung, daß ein liberaler Mann individuell erziehe und keinerlei Schwierigkeiten demjenigen machen werde, welcher vermöge seiner Erziehung auf dem traditionellen Standpunkt zu bleiben wünsche. Ob das von der anderen Seite geschehe, wisse er nicht und darnach forsche er nicht. Herr Eis «erbittet die Mitglieder, durch einen Besuch der Anstalt sich zu überzeugen. daß jeder Richtung dort Genüge getan werde. Geheimrat Blumenthal bestätigt zunächst die Richtigkeit des von Professor Blaschke geführten Protokolls. Es möge richtig sein, daß einige konservative Mitglieder die Tradition in ihrem Privatleben nicht halten. Darauf komme es nicht an, aber die Konservativen könnten verlangen, daß die Gemeindeinstitutionen streng jüdisch gehalten würden. Darum sollten die Verwaltungen gemischt sein und nicht nur radikale Elemente enthalten. Die Konservativen halten es nicht für ausreichend, daß den Waisenkindern nur eine rein ethische Kultur mit aus den Weg gegeben würde, und sie wollten diejenigen Prinzipien in die Gemeindeverwaltung hineinbringen, nach denen sie gewählt worden seien. Die neuzuwählenden konservativen Mitglieder sollten nicht als Ausseher in der Verwaltung gelten, sondern nur als Verteidiger der konservativen Prinzipien. Ein Tadel gegen die jetzige Verwaltung des zweiten Waisenhauses sei ihm nicht zu Ohren gekommen, während in anderen Berliner Waisenhäusern die Verpflegung keine rituelle sei und die Zöglinge zur Arbeit am Sabbath angehalten würden. Tie Konservativen seien, obwohl sie in der Majorität seien, bisher sehr bescheiden aufgetreten und müßten sich jetzt gefallen lassen, deswegen verhöhnt zu werden. Landgerichtsrat Löwe bestreitet, daß die Erziehung im Waisenhause nach den Grundsätzen der ethischen Kultur gehandhabt wird. Ein von Herrn Berlin gestellter Vertagnngsantrag wird gegen eine kleine Minorität abgelehnt. Sanitätsrat Dr. S t e rn bittet auch, von dem Beschluß des Ausschusses abzuseheu, und warnt ausdrücklich davor, die Wahl in Verwaltungskommissionen zum Spielball der Majorität zu machen, da in der gesamten Verwaltung hierdurch ein Stillstand eintreten müßte. Die jetzigen Mitglieder des Kuratoriums hätten vollauf ihre Schuldigkeit gethan. Die Ausschließung eines derselben würde mit einer persönlichen Ehrenkränkung gleichbedeutend sein. Aber auch aus sachlichen Gründen liege keine Veranlassung dazu vor. Ueber den im Waiserihause gehaltenen konservativen Gottesdienst herrsche allseitige volle Befriedigung und von keiner Seite sei bisher eine Anregung gekommen, Aenderungen im Waisenhause eintreten zu lassen. Eine Aenderung im Kuratorium sei auch unzweckmäßig, denn nur ein dauernder Konnex der Herren der Anstalt mit den Zöglingen biete eine Gewähr für das gedeihliche Wirken des Instituts. Geheimrat Blumenthal nimmt, obwohl nur noch drei Redner zur Debatte gemeldet sind, den Vertagungsantrag wieder auf, da er eine Vereinigung beider Parteien für möglich hält. Der Protest des Herrn Louis Sachs gegen die Vertagung bleibt wirkungslos, die Vertagung wird mit 11 konservativen gegen 6 liberale Stimmen angenommen. — Bei der Wahl zum Kuratorium des Reichenheim'schen Waisenhauses kommt Professor Blaschke auf die Blumenthal'sche Bemerkung betreffs eines anderen Berliner Waisenhauses zurück und fragt an, ob damit das Reichenheim'sche Waisenhaus gemeint sei. Geheimrat Blumenthal meldet sich nicht zum Wort. Professor Blaschke nimmt deshalb an, daß die Anspielung sich nicht auf das Reichenheim'sche Waisenhaus bezieht, steht davon ab, deshalb einen besonderen Antrag zu stellen, und konstatiert nunmehr, daß die Verpflegung in dem betreffenden Waisenhause eine rituelle ist. Hiermit schließt die öffentliche Sitzung. Die darauf folgende geheime Sitzung hat sich mit einem aus der heutigen öffentlichen Sitzung verlegten Antrag Baginskh zu befassen auf Einsetzung einer Kommission zum Entwurf eines Programmes für den Bau eines neuen Krankenhauses. Briefe aus Ungarn. i. 8. N. Budapest, Anfang Februar. riefe aus Ungarn, ausführliche Mitteilungen über jüdische Verhältnisse aus dem Lande der Magharen ^^9 bildeten einst eine fast ständige Rubrik in den Spalten dieser altehrwürdigen und hier zu Lande auch jetzt noch verbreiteten und gern gelesenen Zeitschrift. Männer wie Rabbiner- Le opold Low, der nachmalige ungarische Staatssekretär Eduard Horn, der Schriftsteller Simon Bacher und andere waren vor Jahren fleißige Korrespondenten dieses jüdischen Organs. Wein mit dem Wiedererwachen unseres freiheitlicheren Lebens zu Anfang der sechziger Jahre, noch mehr aber mit dem Jnslebentreten der Emanzipation und dem Beginn der nationalen Amalgamierung der ungarischen Juden flössen die Berichte über unsere Zustände in diesen Blättern immer spärlicher, obwohl dieselben sich gerade in den letzten vier Jahrzehnten überaus interessant gestalteten. Die Spaltung, welche nach dem im Jahre 1869 abgehaltenen und mit einem kläglichen Fiasko endenden jüdischen Kongreß im Schoße des ungarischen Judentums eintrat; die darauffolgenden jahrelangen Kämpfe zwischen den Orthodoxen und Neologen um die numerische Präponderanz im kultuellen und kulturellen Leben spielte sich dem Auslande gegenüber sozusagen vor verschlossenen Türen ab, da inzwischen auch die von beiden Parteien noch erhaltenen deutschsprachigen Zeitschriften „Der ungarische Israelit" und „Das traditionelle Judentum" eingingen. Was seitdem und auch heute noch bei uns in mehr ungebundener Zeiteinteilung als jüdisches Organ in deutscher Schrift und Sprache auf- und untertaucht, sind blos ephemere Erscheinungen, welche nur mageres und lückenhaftes Lesematerial bieten.