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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-20 · Heft 8 (20.2.1903) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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87 Me Woche. Berlin, 18. Februar. n den Parlamenten werden jetzt Wahlreden gehalten. Am 12. eröfsnete unser alter Gönner, Herr Stöcker, das Turnier im Reichstage mit einer Rede, die durch verschiedene Ausfälle gegen die Juden verziert war. Er sprach von dem „gehässigen Juden, der Deutschland nicht leiden mag", und man meinte, eine Stimme aus der Vorzeit der Tonhalle — seligen Angedenkens — zu vernehmen. Am anderen Tag sprach Herr Ahlwardt, der ehemalige Rektor a. D., der aus seinem bisherigen Wahlkreise Arnswalde-Friedeberg von seinen eigenen Parteigenossen verdrängt worden ist, und dem man großmütig überlassen hat, den Deutschkonservativen den allerdings sehr stark antisemitisch durchsetzten hinterpommerschen Wahlkreis Neu-Stettin^abzuuehmen; er fühlte sich gedrungen, aus seiner bisherigen Jahr und Tag lang geübten bescheidenen Zurückhaltung endlich einmal wieder herauszutreten und dem Hause sein Wahlprogramm zu verkündigen. Aber die antisemitische Note trat in seinen Ausführungen in fast auffälliger Weise zurück. Erst der Abgeordnete Werner kam wieder darauf zurück, indem er eine kleine Konitzer Debatte anzurege» versuchte. Er meinte, daß in der Konitzer Mordsache im Vorverfahren „schwere Fehler" gemacht seien. Die Strafen gegen den Redakteur und den Verleger der „Staatsbürger-Zeitung" seien „viel zu hoch" gewesen. Der Staatsanwalt habe die parteipolitische Stellung der Angeklagten mit hineingezogen und ihm (Redner) sogar den Vorwurf der Feigheit gemacht, denn er habe gesagt, daß der Abgeordnete Werner im Abgeordnetenhause unter dem Schutze der Immunität gesprochen habe und sich hüten werde, anderswo seine Bemerkungen in dieser Angelegenheit zu wiederholen. Der Staatsanwalt Kanzow habe während der Verhandlungen ausgeführt,man solle nicht von vornherein annehmen, daßJuden bei dem Morde ihre Hand im Spiele haben könnten. Wie es sich herausstellt, war der Justizminister nicht der Ansicht des Herrn Werner, denn er lehnte es entschieden ab, zu den Aenßerungcn über den Konitzer Prozeß Stellung zu nehmen, da er nicht in der Lage sei, die erwähnten Tatsachen zu kontrollieren und ihm daher die Möglichkeit fehle, sie irgend einer Kritik zu unterziehen. Der antisemitische Versuch, eine Debatte über diese Frage zu provozieren, war also gründlich mißlungen. r „Antisemitischer Unfug", so bezeichnet die „Kreuzzeitung" den Artikel eines Antisemitenblattes gegen die Bibel, den wir in der vorletzten Wochenschau zitiert haben. Sie sagt dann weiter: „Wie unverantwortlich ist es, die Herzen biederer, im wesentlichen bibelgläubiger Landleute durch solche Artikel zu verwirren und zu beunruhigen! Und wie wird durch derartige Artikel die Tatsache bestätigt. daß zwischen der christlich-konservativen und der antisemitischen Partei eine tiefere Kluft besteht, als mancher zugeben will. Es bleibt dabei: „Ihr habt einen anderen Geist." Man würde über dieses Geständnis erfreut sein, müßte man sich nicht immer wieder fragen, wer hat diesen antisemitischen Unfug großgezogen, wer hat ihn wohlwollend Protegiert oder zum mindesten stillvergnügt geduldet? Die Antwort mag sich jeder selbst geben. Die Geister, die die konservative Partei seit dem Tivoliprogramm großgezogen, wird sie so leicht nicht wieder los werden, und die Herren Böckel, Mosch, Förster, Krösell u. s. w. bleiben trotz aller gelegentlichen Versuche, sie abzuschütteln. an den Nockschößen der bibelgläubigen Konservativen doch hängen. Ein hübsches Thema für antisemitische Volks- und Wahlversammlungen bietet sich gerade jetzt anläßlich der Einführung der neuen rumänischen Anleihe au der Berliner Börse. Die Diskontogesellschaft und das Haus Bleichröder haben das Werk zustande gebracht, und ein von Juden redigiertes Börsenblatt spricht seine Genugtuung darüber aus, daß damit „diese Angelegenheit zu dem befriedigenden Abschluß gebracht sei, welchen ihr jeder vorurteilsfrei Denkende unschwer prognostizieren konnte, zumal, da die maßgebenden Faktoren vielleicht unter dem Eindruck der Erörterungen gestanden haben, welche bekanntlich seit Jahr und Tag in einem Teil der Tagespresse über angebliche konfessionelle Bedrückungen Rumäniens beliebt worden sind." Da sieht man so recht die Macht des jüdischen Kapitals und der Judenpresse im Dienste des internationalen Judentums; nicht wahr, Herr Stöcker? - 4 In Rußland herrscht nach wie vor der Zickzackkurs. Neuerdings wird der „Düna-Zeitung" in Riga berichtet: „Petersburg, 8. Januar. Aus zuverlässiger Quelle kann ich Ihnen mitteilen, daß im Ministerium des Innern die Frage angeregt ist, Riga einzuschließen in den Rayon des unbeschränkten Wohnrechts sür Hebräer. In betreff dieser Angelegenheit haben bereits die entsprechenden schriftlichen Relationen stattgefunden." Diese Nachricht ist insofern von großem Interesse, als Riga eine der bedeutendsten Industriestädte Rußlands ist. Wie uns noch Privatim mitgeteilt wird, soll es sich nicht allein um Riga handeln, sondern noch um viele andere Städte in den Ostseeprovinzen. * Die achtzehnte Generalversammlung der jüdischen Gemeinden inAmerik «(Union of^msrwkm Hebron (longreMtions), d. h. nur der freisinnigen, fand diesmal in St. Louis am 20. v. M. statt. Das Hauptinteresse der Verhandlungen konzentrierte sich um den Fonds, der zu Ehren Jsaac M. Wises zur Erhaltung des Hebrew Union Lollege gesammelt werden und 500 000 Dollars betragen soll. Davon sind bis jetzt 150 000 Dollars gezeichnet. Einige Newyorker Mäcene haben ebenfalls 100 000 Dollars zugesagt, wenn die Summe von 400 000 Dollars anderweitig gezeichnet wird. Auf der Konferenz selbst wurden 80 000 Dollars gezeichnet, sodaß im ganzen nur noch 170 000 Dollars fehlen, die ohne Zweifel durch die Opfer- Willigkeit der Gemeinden in nicht zu ferner Zeit aufgebracht werden. Es ist notwendig, daß man solche Ziffern immer und immer vorführt, um unseren Glaubensgenossen in Deutschland zu zeigen, in welch hochherziger Weise die Wissenschaft des Judentums in Amerika gefördert wird. Von großem Interesse war auch die Verhandlung über den Bericht des Komitees zur Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden, die sich hauptsächlich mit der Einwanderungsfrage beschäftigte. Da diese Frage eine der wichtigsten ist, soll eine Konferenz aller jüdischen Organisationen Amerikas einberufen werden, die sich mit der Lösung dieses schwierigen Problems zu befassen haben wird. Schließlich wurde noch eine Frage besprochen, die auch bei uns in Deutschland auf der Tagesordnung steht, nämlich die der

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