Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
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86 auf trockenem Wege ist zwar die größte Nichtswürdigkeit, die sich denken läßt: voir dieser Klasse ist aber anderes gar nicht zu erwarten, und jede Hoffnung auf eine Aenderung ist als gänzlich illusorisch abzuweisen. Die Berliner Kongreßmächte könnten zwar den Schein einer Aenderung erzwinge»' aber man würde ein paar Krawalle gegen die Juden inszenieren und dann sich hinter der sog. öffentlichen Meinung gegen jede Reform verschanzen. In Rumänien schießt man zwar auf die hungernden Bauern, wenn sie einmal unbequem werden, aber wenn es sich um die Juden handelt, genügt jeder Haufen bezahlter Schreier, um den Negierenden den Vorwand zu liefern, weiter zu verweigern, was sie gar nicht zugestehen wollen. So wird der Jude, ganz wie der Bauer, weiter Militärdienste leisten und Steuern zahlen, aber ganz wie der Bauer von allen Rechten, nicht wie dieser nur faktisch, sondern auch rechtlich ausgeschlossen sein. Er dars außerhalb der Städte keinen Grundbesitz erwerben, in keiner Landgemeinde wohnen, in Bälde auch kein Handwerk mehr treiben, sobald es einem Rumänen beliebt, ihn zu verdrängen. Das alles nicht, weil er Jude ist, bewahre, in Rumänien gilt jede Religion als gleichberechtigt; sondern weil er, obgleich im Lande geboren, obgleich er dem Lande unter der Waffe gedient hat und keinem anderen Staat angehört hat, „Fremder" ist. Das Staatsbürgerrecht kann er aber nicht erlangen, denn die regierende Klasse hält eifersüchtig daran fest, daß jedes einzelne Gesuch um Naturalisation vor die Kammer gebracht und dort durch Ballotage angenommen oder verworfen werde. Ein Gesetz, das genau die Bedingungen vorschreibt, die zu erfüllen sind vor der dann aber so ipgo erfolgenden Aufnahme in den Staatsbürgerverband, gibt es nicht, weil ein solches Gesetz gar nicht auszudenken wäre, das nicht mit einem Schlage wenigstens vielen Tausenden der unbequemen Juden die Staatsbürgerrechte verschaffen würde. Nur derjenige ist imstande, die Naturalisation zu erlangen, der persönlich die Mehrheit der Kammermitglieder auf seine Seite zu bringen versteht, und seit 25 Jahren sind nicht mehr als einige hundert Naturalisationen erfolgt. Wenn trotzdem die Berliner Kongreßmächte sich diese freche Verhöhnung ihrer Bestimmungen gefallen lassen und gegen den kaltblütigen Massenmord nicht Einspruch erheben, so liegt das daran, daß man dem Könige keine Unannehmlichkeiten machen will. Den Juden ist nicht zu Helsen, wird nicht geholfen werden. Sie müssen elend zu Grunde gehen, soweit es ihnen nicht gelingt, auszuwandern und in einem anderen Lande ihr Fortkommen zu finden. Mau sollte nun denken, diese Auswanderung wäre doch eine leichte Sache. Ein Mensch, der gar nichts zu verlieren hat, ist leicht von der Scholle wegzubringen. So leicht geht es aber dennoch nicht. Zunächst möchte die Regierung die Juden zwar ausrotten, aber sie möchte nicht, daß diese dabei allzu laut schreien. Sie sollen stumm verenden. Auswandern darf also nur jener, der einen ordnungsmäßigen Auswandererpaß — hinaus, aber nicht mehr zurück — besitzt. Diesen Paß vermag sich der ärmste Jude überhaupt nicht zu verschaffen. Selbst wenn er ihn aber hätte, wäre ihm noch sehr wenig geholfen, denn wohin er sich wendet, droht ihm überall die Abschiebung, wie das ja begreiflich ist, da kein Land Sehnsucht nach einer Vermehrung seiner proletarischen Bevölkerung hat. Es gibt nur eine Rettung für ihn, die sehnsüchtig erhoffte, wie das große Los begrüßte — Schiffskarte. Ist es einem Verwandten von ihm gelungen, draußen in Amerika als Schneider- Schuster, Anstreicher oder Tagelöhner so viel zu erübrigen, daß er die Schiffskarte für ihn aufbringen und ihm senden kann, so ist er gerettet. Er packt sein schmales Bündel und schließt sich einer jener Gruppen an, die allwöchentlich gemeinsam das Land verlassen. Strapazen, Hunger, Mühsal werden nicht geachtet, nur hinaus, nur fort von dem „Wulech" (Wallachen), wie er seinen Verfolger nennt; er ist dann der Glückliche; die Zurückbleiben müssen, sind die Bedauernswerten. Allwöchentlich verlassen Trupps von 200—400 Menschen das Land. In zwei Jahren sind bereits 40 000 hinüber nach Amerika, und noch versiegt die Flut nicht. Schon herrscht in Bukarest empfindlicher Arbeitermangel, es ist kein Schneidergeselle mehr aufzutreiben, die Wohnungen stehen leer, Häuser kommen unter den Hammer, Hypotheken werden wertlos. Aber die Stauung ist unmöglich. Und es sind natürlich die Tüchtigsten, die zuerst den Wauderstab ergreifen. Die „Jewish Colonisation Association", welche die Auswanderung organisiert, ninunt niemanden, der sich an den Kosten nicht mit der Summe von mindestens 150 Franks beteiligen kann, nicht aus Hartherzigkeit, sondern mit Rücksicht auf die amerikanischen Einwanderungsgesetze. In den Monaten Mai und Juni sind von den Auswanderern 100 000 Franks an die Zentrale nach Paris gesandt worden; allwöchentlich fließen weitere 20 000 Franks ab. Das alles wird aus dem ohnehin geldarmen Lande gezogen, von dem wirtschaftlich noch nicht ganz verelendeten Teile der jüdischen Bevölkerung. Nach einigen Jahren werden nur noch die Allerärmstcn und die paarGroß- Pächter im Lande geblieben sein, eine hübsche Bescherung für ein Land, das selber rettungslos dem Bankrott entgegengeht und .ihn durch solche Politik beschleunigt. Bernard Lazare hat in feinem vehementen „Aurore"- Artikel über Rumänien den Juden den Rat gegeben, politisch revolutionäre Propaganda zu machen und sich mit den Bauern gegen die gemeinsamen Bedrücker zu verbünden. Die Judenschaft des Landes ist doch zu ortskundig, den heroischen Rat des Pariser Makkabäers zu befolgen. Der rumänische Bauer ist Politisch absolut indifferent. Drückendere Steuern können ihn zur Revolte bringen, der Hunger zu tobsüchtiger Verzweiflung treiben; für eine politische Idee läßt er sich nicht in Bewegung setzen. Ja, wer ihm versprechen könnte, daß er das Herrenland erhalte, wenn er marschieren, oder wer irgendwie seinen grenzenlosen Aberglauben ausnützen würde, könnte ihn zu sinnlosen Gewalttaten verleiten. Eine Politische Organisation aber, eine schlagkräftige Partei mit ihm zu schaffen, ist so unmöglich, daß die bloße Erwähnung des Planes schon den Verständigen ein Lächeln entlockt. Man könnte ebensogut gedrückten Knechten raten, sich mit den gleichfalls gedrückten Ochsen gegen ihren Herrn zu verbünden. Auf diesem Weg« ist das Heil nicht zu finden. Am ehesten ist eine Besserung noch davon zu erwarten, daß die regierende und besitzende Klasse merkt, welche Verheerungen der reißende Strom der Auswanderung an ihrem eigenen Leibe anrichtet, und dann das Los der noch Zurückgebliebenen erleichtert. Bis dahin muß man zu retten suchen, was zu retten ist und, so grausam es klingen mag, einen großen Teil der Erlösungsarbeit dem Würgeengel des Hungertyphus überlassen.