Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 8. Allgemeine Berlin» 20. Februar 1903 eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHMppson-Vonn. Verlags-CrpeLition: Gerün, Jerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8vv., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Leitartikel: Die Wahrheit über Rumänien. — Die Woche. - Aus der Berliner Gemeinde. — Briefe aus Ungarn. I. — Eine Gedächtnisfeier für Antokolskh. Von Leon A. Trachrenberg. — Atavismus. Von Dr. B. Placzek in Brünn. I. — Feuilleton: Klein-Dovidl, der Kapellmeister von Prag. Von Rudolf Kars. — Literarische Mitteilungen. Der Geweindebote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Treptow a. R., Lissa, Pfalzburg, Wien, St. Petersburg. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Noiizen- Die Wahrheit über Rumänien. Berlin, 18. Februar. erade zur rechten Zeit, nämlich in dem Augenblick, wo das klassische Land der Bojaren sich anschickt, den deutschen Markt mit einer neuen und großen Anleihe;u beglücken, gelangt eine Schrift in die Oeffentlichkeit, die die Wahrheit über die rumänische Mißwirtschaft in objektiver und unverblümter Weise gerade heraussagt und deshalb allen, welche die Wahrheit wirklich hören wollen, willkommen -ein muß. Ein begabter österreichischer Publizist, Dr. Hugo Ganz, )at im vorigen Sommer Rumänien bereist und seine Eindrücke n diesem Lande nun in einem Buche gesammelt, das die allgemeine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch nehmen wird. Wir erfahren aus seinen „Reiseskizzen aus Rumänien", Berlin, 1903, H. S. Hermann) endlich einmal Authentisches aber die letzten Ziele der rumänischen Politik — und das ist n diesem Moment, wte gesagt, von besonderer Bedeutung, gür alle, die es angeht, mag sein Gespräch mit einem hervorragenden rumänischen Finanzinann von hohem Wert sein. Wr uns ist natürlich das unvermeidliche Kapitel über die audenfrage von ausschlaggebendem Interesse. Der Autor schmeichelt den rumänischen Juden durchaus nicht. Er verhehlt auch nicht ihre Fehler und Sünden. Gerade darum aber erscheint sein Urteil über die rumänische Politik doppelt beachtenswert. Seine Ausführungen bedürfen keines Kommentars, sie sind eindringlicher als alle Reden und Roten. Wir geben ihm nunmehr selbst das Wort. „Ich will hier nicht mit den Beweisen für die von den 'umänischen Offiziösen geleugnete Aushungernngs- und Auscottungspolitik gegen die Juden aufwarten. Wer sich für diese Frage interessiert, findet die Beweise in den Broschüren China ans der Balkanhalbinsel", „Die Judensrage in Rumänien" und anderes in Hülle und Fülle. Hier nur so 'iel, daß alle die Anklagen gegen die infernalische Politik der rumänischen Regierungen auf Wahrheit beruhen, daß zwar das rumänische Volk im großen und ganzen von Antisemitismus frei ist und systematisch erst dazu erzogen werden muß, sich an dem Boykott gegen jüdische Kaufleute und Handwerker zu beteiligen — ich habe die offizielle Broschüre selbst in der Hand gehabt, in welcher der Baner über die Schändlichkeit der Juden belehrt wird — daß aber die regierende Klasse kein Erbarmen kennt und rücksichtslos an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung arbeitet. Auch in dieser Klasse ist von eigentlichem konfessionellen oder nationalen Hasse nichts zu verspüren. Die Judenverfolgung ist eine rein wirtschaftlichpolitische. Man muß bedenken, daß die regierende Klasse in Rumänien bei der völligen Apathie der Bauernschaft im ganzeil aus sechzig- bis achtzigtausend Familien besteht, daß diese sich in alle besseren Positionen teilen und dabei sich ihrer landesüblichen Laster, der Faulheit, Bestechlichkeit und Unsolidität sehr wohl bewußt sind. Solange Europa die rumänischen Finanzen immer wieder nachsüllt, denken die glücklich Soutenierten auch gar nicht daran, sich das Leben saurer werden zu lassen. Nun drängt da eine jüdische Bevölkerung von gleichfalls fünfzig- bis sechzigtausend Familien an die Pforte der behaglichen Existenz. Der Jude ist nüchtern, fleißig und auch an Redlichkeit der übrigen Balkanbevölkerung weit überlegen. Diese unbequeme Konkurrenz muß also abgehalten werden. Die Verweigerung der politischen Rechte allein genügt dazu nicht, das wäre nur ein Ausschub, denn eine wirtschaftlich kräftige Klasse erzwingt sich immer auch den Zugang zu den Politischen Rechten. Die Juden müssen ganz ausgerottet werden. Erst dann ist diese Mischung von Armeniern. Griechen, Kutzowlachen, Zigeunern und Rumänen, aus welchen sich die regierende Klasse zusammensetzt, davor sicher, von überlegenen Konkurrenten aus ihren Positionen hinausgeworfen zu werden. Rechtsgefühl darf man bei diesem Balkankehricht nicht suchen, auch Wahrheitsliebe nicht. Rumänien ist ein Staat, in dem das verworfenste Element der Bevölkerung das Heft in den Händen hat, ein Element, das vor gar keinem Verbrechen zurüüscheut. Gelegentlich, namentlich wenn sich wieder ein Bedürfnis nach europäischen Anleihen herausftellt und man die Finanziers, unter denen es doch viele Juden giebt, ein wenig beschwichtigen will, werden Toleranzkomödien aufgesührt, oder die im Lande lebenden Juden gezwungen, gegen wahrheitsgetreue Schilderungen ihrer Lage in der ausländischen Presse zu protestieren. Im Lande aber bleibt alles beim alten und ein Metier nach dem andern wird als Monopol für die Vollbürger in Anspruch genommen, so daß den Juden wirklich nichts übrig bleibt, als zu verhungern. Diese Abschlachtung