Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 2. Schriftführer, Hugo Hopp. 1. Rendant. Emil Nosenthal, 2. Rendant, Josef Baschwitz. Max Schwarzwald, Beisitzer, Rechtsanwalt Richard Moses. Herrmann Hecht und Max Unger, Revisoren. — Berlin, 1. Februar. Einer der ältesten, durch seine idealen, hochedlen Zwecke allgemein bekanntenWohlthätigkeitsvereine „Scho m er laboker amischon abelim", Verein zur Unterstützung armer Leidtragender, erster Vorsitzender Herr Handelsrichter und Fabrikbesitzer I. Weinberg, feierte am Mittwoch, den 28. d. M., nachmittags 3'^ Uhr in der sehr gut besuchten alten Synagoge, Heidereuterstraße, sein Stiftungsfest. Nach dem Minga-Gebet und Vorlesung aus der Thorarolle bestieg Herr Rabbiner Dr. N osenzweig die Kanzel zur Festpredigt. Redner schilderte in wohldurchdachten, tiefempfundenen Worten die so überaus idealen Zwecke ganz besonders dieses Wohltätigkeitsvereins, welche die Gründer seinerzeit zu einem derartigen Verein zusammengeschart, und welcher so recht das wahre Judentum, die Werke der Liebe und Wohltätigkeit verkörpert, bis zum heutigen Tage. Ganz besonders hervorhebend, mit welcher Liebe, Freudigkeit und Ausdauer der jetzige gegenwärtige Vorstand unter seiner Leitung segensreich, wohltuend, Kummer und Elend mit größter Schonung stillend, wirkt und schafft. Mit Segensspruch sür Vorstand und Verein schloß die erhebende Feier. Vor und nach der Predigt wurden die bezüglichen Festgesänge von Herrn Oberkantor Rosenthal mit bekannter Virtuosität weihevoll und würdig zu Gehör gebracht. v. Tilsit, 7. Februar. Das R epräs en tanten ko l l egi u m der Synagogengemeinde hat der Stadtverordnetenversammlung ein Schreiben eingereicht, in welchen! darüber Beschwerde geführt wird, daß zum 350jährigen Jubiläum der Stadt Tilsit, zu dem die ganze Geistlichkeit nebst allen Honoratioren geladen waren, nicht auch der Rabbiner, Herr Dr. Ehrlich, eingeladen worden war. Der Herr Stadtverordnetenvorsteher beantwortete das Schreiben dahin, daß zu dem qn. Jubiläum offiziell keine Kirchenbehörden geladen waren; die betreffenden Vertreter waren nur persönlich geladen. Der Stadtverordnete Herr Justizrat Cohn Pflichtete der Auffassung des Herrn Stadtverordnetenvorstehers bei und teilte mit, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde, dem auch er angehöre, es abgelehnt habe, das Beschwerdeschreiben an die Stadtverordnetenversammlung abzusendeu. Man giebt also in Tilsit innerhalb der Vertretung der jüdischen Gemeinde (denn zu dieser gehört doch auch unzweifelhaft das Nepräsentanteukollegium) gleichsam als Satyrspiel und Epilog zum Stadtjubiläum. bei dem alle Geistlichen (nicht offiziell, also meinetwegen inoffiziell) feierlich geladen waren, nur der Rabbiner nicht, das Schauspiel eines Zerwürfnisses innerhalb der jüdischen Gemeinde über einen einfachen Ehrenpunkt. Sicher durfte auch Herr Justizrat Cohn, als Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, seinem Kollegen Rechtsanwalt Busch gegenüber, eben dem Stadtverordnetenvorsteher, nicht das Nepräsentantenkollegium direkt bloßstellen und so tun, als ob die Wahrung der beleidigten Ehre der jüdischen Gemeinde hier von den Repräsentanten als eine Art eigenmächtiger Sport — oder vielleicht gar als Karnevalsscherz — betrieben worden sei. Solche Vorgänge können eigenartige Konsequenzen haben, wie ja auch Herr Rechtsanwalt Busch in seiner Eigenschaft als Stadtverordnetenvorsteher sich flugs die von dem Vorsteher der Juden juristisch kvustruirte Formel zu eigen machte, daß die Repräsentanten keine Vertreter der Juden seien und daher zur Absendung des Schreibens nicht befugt waren. Der Stadtverordnetenvorsteher sügte allerdings hinzu, „der Stadtverordnetenversammlung könne „diesbezüglich" überhaupt kein Vorwurf gemacht werden, weil von ihr alle Bürger gleich behandelt wurden, „wie ja auch aus den beim Jubiläum gehaltenen Festreden hervorgehe." Schade nur, daß die Juden (mit Ausnahme der beiden jüdischen Stadtverordneten) diese schönen Reden nicht hören konnten. Soviel ist sicher, ein derartiges Uebergehen bei einer (offiziellen oder nicht offiziellen) persönlichen Einladung der weltlichen und geistlichen Spitzen der Stadt wäre wo anders kaum möglich, und dabei nennt sich Tilsit die „Stadt ohne Gleichen", zu deren Aufblühen allerdings die Vertreter des Grenzhandels, die Juden, ein gut Teil beigetragen haben, wie an dieser Stelle kürzlich aus der Schrift des Tilsiter kaiserlichen Bank- Vorstandes Felix Ortel nachgewiesen worden ist. Gerade die hier geschilderten Kausleute sind keine leeren Theoretiker, sondern sie wissen, daß unseres Hauptes Ehre unserer aller Ehre ist, aber daß in ihrem religiösen Oberhaupte auch die ganze Gemeinde mit getroffen wird. Einigkeit nach außen tut gerade heute dringend not, wenn wir nicht zum Gespött lauernder Feinde werden wollen. Mindestens hatte der Vorstand der Gemeinde die Pflicht, im Interesse des Ansehens des Judentums, wenn er nicht zustimmen konnte, die Repräsentanten vorher zu belehren, sie aber nicht einer öffentlichen Bloßstellung preiszugeben. Tlrrs Westpreutzen, im Februar. Am 25. v. M. fand die Versammlung der Westpreußischen Rabbiner zu Marienwerder in Hetzners Hotel statt. Erschienen waren: Guttmann-Culm, Eppenstein-Briefen, Pick-Straßburg, Silberstein-Elbing, Rosenthal- Pr. Stargard. Freudenthal-Danzig, Weyl-Konitz. Außerdem nahm als Gast teil Herr Rechtsanwalt Behrend-Danzig in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Verbandes der Westpreußischen Synagogengemeinden. Die andern Kollegen waren teils amtlich, teils durch Unwohlsein am Erscheinen behindert. Gegen 11 Uhr eröffnete, da der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Rosenberg-Thorn, durch eine Funktion behindert war, dessen Stellvertreter, Rabbiner Dr. Guttmann-Culm die Sitzung unter Begrüßung der Kollegen und des anwesenden Vertreters des Gemeiudeverbaudes. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende noch des vor einigen Monaten dahingeschiedenen Kollegen, Rabbiners Dr. Baer-Graudenz s. A., zu dessen Ehren sich die Versammelten erheben. Als erster Punkt der Beratungen wurde ein Antrag des Vorstandes des Gemeindeverbandes behandelt, der einige Aenderungen in dem bisher üblichen Modus der Schulrevisionen bezweckte. Dieselben wurden eingehend durch Herrn Rechtsanwalt Behrend begründet, der dabei auch in sehr dankenswerter Weise sein Programm in bezug auf die kulturelle Hebung der kleineren Gemeinde entwickelte. Im Verlauf der Debatte ergab sich die Uebereinstimmung aller Kollegen in bezug darauf, im großen und ganzen die bisherige Weise der Revisionen beizubehalten. Es wurde wohl betont, daß manche Mängel derselben noch anhaften, aber gegenüber einem anderweitigen Vorschläge des Gemeindeverbandes wurde als dringende Notwendigkeit hervorgehoben, an den jährlich mindestens einmal stattfindenden Revisionen festzuhalten und sie möglichst ausschließlich den Rabbinern auch fernerhin zu überlassen, um gerade in enger seelsorgerischer Fühlung mit den kleinen Gemeinden, die dies auch lebhaft wünschen, zu bleiben. Allerdings wurde anderseits auch anerkannt, daß der Nabbinerverband in bezug ans Ausgestaltung und Geltendmachung der Revision gegenüber den Gemeinden nur von einem Zusammenhang mit dem Gemeindeverband profitieren könne. Es wurde nun ein dahingehender, von Freudenthal - Danzig und Eppenstein-Briefen gemeinsam entworfener Vermittelungsantrag angenommen, in dem auch ausgesprochen ist, daß es wünschenswert sei, wenn von Zeit zu Zeit sich dem revidierenden Rabbiner auch einer der Verbandsvorsteher anschließt, um die Verhältnisse in den kleinen Gemeinden näher kennen zu lernen. — Im Anschluß an diesen Verhandlungsakt wurden auch einige in bezug auf Einteilung der Revisionsbezirke notwendig gewordene Aenderungen erledigt. — Den zweiten Punkt der Beratungen bildete das Thema der einheitlichen Regelung des Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten. Die Debatte hierüber gab den Kollegen Gelegenheit, die verschiedenen anzuwendenden Methoden zu erörtern, wodurch sich dieser Punkt der Verhandlungen zu einem sehr interessanten und lehrreichen gestaltete. Auf den Antrag von Eppenstein wird beschlossen, eine aus dem Vorstand unter Kooptierung von Freudenthal und Silberstein bestehende Kommission zu ernennen, die sich mit den andern Provinzialrabbinerverbänden ins Einvernehmen setzen soll behuss Austausch der Erfahrungen und Einführung eines allen Anforderungen entsprechenden Lehrbuches. In Erledigung des dritten Punktes der Tagesordnung erstattete Kollege Freudenthal Bericht über das Ergebnis seiner Teilnahme an den im Dezember v. I. stattgefundenen Beratungen des engeren Ausschusses sür die Pensions- und Reliktenkasse speziell die Geltendmachung der in einer früheren Versammlung vorgeschlagenen Aenderungen einiger Paragraphen des Statuts. — Es folgte nun ein Referat von No se n Lha l-Pr.-Sjargard über sein demnächst mit Unterstützung der Zunz-Stistnng erscheinendes Werk: „Die QuellenscheiL)ung der Mischna." Es gelang dem Referenten, trotz der knapp bemessenen Zeit eine übersichtliche Darstellung der Grund-* züge seiner Theorien zu geben, wofür ihm die Versammlung lebhaften Dank zollte. — Verschiedene Kollegen brachten noch einige Fragen der halacht scheu Praxis zur Sprache. — Während einer Panse in den Verhandlungen erschienen der Vorstand und noch zwei Herren von der Gemeindevertretung zu Marienwerder zur Begrüßung der Versammlung. Ein von ersterem gütigst angebotener Imbiß ver-