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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-13 · Heft 7 (13.2.1903) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
Seite 83 (sequence 13)
Language
German
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83 „Zahn um Zahn" ist ein Gesetz, das in der Geschichte der Völker stets zur Geltung kommt. Vor mehr als zwei Jahrtausenden haben die jüdischen Hebammen gesündigt, nun sollen sie dafür büßen." „Und was war das Vergehen der jüdischen Hebammen?" fragte die Gesellschaft gespannt. „Das will ich Ihnen jetzt erzählen; hören Sie nur aufmerksam zu. Vor kurzem fand man in Aegypten einen alten Grabstein, dessen Inschrift nichts angenehmes für die Inden enthält. Die Familie Rothschild wollte 100 000 Francs für den Stein geben, um ihn zu vernichten." „Pfui, Pfui!" riefen die Zuhörer entrüstet aus. „Allein unter den Forschern, die den Grabstein entdeckt haben, befand sich auch ein Gesinnungsgenosse, ein lieber, guter Freund von mir, wie heißt er nur? Na, ich kann auf seinen Namen augenblicklich nicht kommen. Doch zur Sache: „Vor langer, langer Zeit — lautet die Inschrift - „herrschte in Aegypten ein weiser und liebevoller König, der so gutherzig war, wie Titus Vespasianns." „Sie »leinen wohl den Pharao," unterbrach ihn der Zollbeamte, „der, wie ein Jude mir erzählte, den Joseph zum Vizekönig über Aegypten eingesetzt hatte." „Nein, nein," sagte der Geschichtslehrer, „ein König, der einem Juden ein solches Amt anvertraut, ist weder klug noch gutherzig." „Aber der Jude erzählte mir doch, daß Joseph die Aegypter sieben Jahre vor Hunger bewahrt hätte." „Das sagen wohl die Juden, die nicht blos Wechsel und Banknoten fälschen, sondern auch die Weltgeschichte auf den Kopf stellen. Diese ihre Behauptung ist natürlich grundfalsch, erlogen. Die Inschrift eines anderen Grabsteins erzählt uns, daß ivohl zuerst sieben fette Jahre in Aegypten waren. Auf Anraten seiner Weisen haben Pharao während dieser Zeit für die von den Zeichendeutern angekündigten sieben mageren Jahre viel Getreide aufgespeichert. Allein der Jude Joseph, dem unvorsichtigerweise die Getreidespeicher anvertraut wurden, habe im Geheimen das ganze Getreide verkauft, auf Schiffe verladen und über das Salzmeer nach Kanaan an seine Sippe geschickt und den Erlös unterschlagen. Denn, meine Herren, können Sie sich denken, ein Jude würde königliche Schatzkammern verwalten und sich nicht daran bereichern? — Sie sind ja geborene Spitzbuben." „Aber die Hebammen, die Hebammen," — inahnte der Provisor. „Die kommen gleich heran, nur müssen wir uns noch ein Weilchen bei unserem Pharao aufhalten. Dieser brave und gute König hatte beobachtet, daß die Inden jeder produktiven Arbeit, Ackerbau und Kunst, aus dem Wege gingen und bestrebt waren, wie Blutegel das Hab und Gut seiner Untertanen auszusaugen. Da befahl er, sie aus dem Lande zu vertreiben und in der Provinz Gosen eiuzusperren, in der Hoffnung, daß dort, wo einer nur auf den anderen angewiesen sein würde, sie sich endlich dem Ackerbau widmen würden. — Doch diese Verordnung hatte keinen Erfolg. Die Juden bestachen die Grenzbeamten und waren nach wie vor im ganzen Lande zu sehen. Nun befahl Pharao, die Städte Pitom und Ramses von ihnen bauen zu lassen, und um sie an körperliche Arbeit zu gewöhnen, befahl er, daß sie die Ziegel selbst an ertigen sollen, weder Stroh noch Häcksel ihnen zu verabfolgen,! und setzte Aufseher ein, um jeden faulen Juden zu bestrafen. Indessen noch bevor das Fundament zu diesen Städter: gelegt war, mußte die Arbeit eingestellt werden. Durch ihre Unreinlichkeit hatten sie über das ganze Land den Aussatz verbreitet, von dem auch bald der brave Pharao selbst heimgesucht wurde." „Ich hörte doch" — warf hier der Provisor ein - „daß Pharao, um sich von dieser Plage zu befreien, irr dem Blute von jungen Judenkindern badete." „Das stimmt" — antwortete der Geschichtslehrer — „allein dies rachedürstende, hartnäckige Volk trägt nach Jahrtausenden noch dem Pharao diese Kleinigkeit nach." — „Und ich meine sagte der Zollbeamte, daß Pharao wohl das Recht hatte, sich in dem Blute der Judenkinder zu baden. Nur ein so revolutionäres Volk wie die Juden sieht darin ein Verbrechen. Wie stark war die Bevölkerung in Aegypten?"! „Zehn Millionen, sechsmal hunderttausend sechstausend hundert und fünfzig," antwortete der Geschichtslehrer, ohne erst uachzndenken. „Sehr gut. Nun frage ich Sie, ob nicht das Leben des Volkes von dem Leben des Königs abhängig sei?" „Ohne Zweifel." „Nun versuchen wir das Leben des gesamten ägyptischen Volkes in die eine und das Blut der hingeschlachteten Kinder in die andere Wagschale zu tun, so würde doch jene diese überwiegen." „Sehr treffend" - sagte von Fressendorf — „das Exempel stimmt. Pharao war schuldlos, und wer in seiner Tat ein Verbrechen sieht, der befindet sich in einem Irrtum. Was Hütte er auch anderes tun sollen? Sollte er vielleicht gar in dem Blute seiner Landeskiuder baden? War es nicht genug, daß diese ihr Blut für ihr Vaterland vergossen hatten? Daß sie ihre Kinder freiwillig für das Schlachtfeld Hingaben?" Die Begeisterung bemächtigte sich auch des Provisors, indem er hinzufügte: „Gaben denn die Juden den hunderttausendsten Teil von dem Blute zurück, das sie den Bewohnern des Landes ausgesogen hatten?" „Ich stimme Ihnen," sagte der Geschichtslehrer, „in allein bei; doch ist der Hauptrechtfertigungsgrund für die Handlungsweise Pharaos darin zu suchen, das; die Juden, welche seine Erkrankung verursachten, die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hatten, ihr Leben für seine Genesung hinzugeben." „Großartig," rief die Gesellschaft, „das ist auch der triftigste Grund." Der Geschichtsschreiber fuhr indessen fort: „Als Pharao wieder hergestellt war, berief er die Großen der Krone, um zu beraten, wie diese Landplage zu bekämpfen fei." „Warum hat Pharao nicht den Befehl gegeben, die aussätzigen Juden einfach aus dem Lande zn vertreiben?" fragte entrüstet der Zollbeamte. „Ich sagte ja schon früher," erwiderte der Geschichtslehrer, „daß Pharao ein gutherziger König war; er wollte gar nicht die Inden aus dem Lande jagen, sondern vielmehr sie alle von ihrem Aussatz heilen; ja, er ging so weit, daß er zu dieser beratenden Versammlung auch den Oberrabbiner von Gosen eingeladeu hatte, um auch seine Ansichten darüber zu hören." „Und einen solchen Monarchen," rief von Fressendorf empört, „wagen die Juden als Kindermörder zu bezeichnen! Diese undankbare Brut!"

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