Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
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80 in Großen-Auenstedt bei Halberstadt am 18. April 1774. Er vollendete seine theologischen Studien ziemlich schnell, sodaß er schon im Jahre 1800 in seiner Vaterstadt Pfarrer wurde. Damals schrieb er seine erste theologische Schrift: „Leitfaden zum Unterrichte der Katechumenen" 1800, der später theologische aber auch philosophische und mathematische folgten. Außer den selbständigen Schriften veröffentlichte er in verschiedenen Journalen Aufsätze über akustische Entdeckungen, Erklärung des Donners, gab ferner eine Anzahl Predigten heraus und beteiligte sich besonders an dein theologischen Schriftenwechsel, der sich an Harms' Auftreten wider die Vernunftreligion knüpfte. Maertens wurde 1811 Prediger der Kirche St. Martin zu Halberstadt, seit 1820 Superintendent der dortigen Diözese. Seine letzte mir vorliegende Schrift (Kon. Bibl., Berlin) trägt das Datum 1830. Er starb am 17. März 1832. Ihm die Autorschaft unseres Stückes zuzuschreiben, wurde Treitschke durch „beglaubigte Mitteilungen der Familie" veranlaßt. Es galt also zunächst diese Familie auszufinden. Ich wandte mich zunächst an den Vorsteher der Gleimschen Familienstiftung in Halberstadt und durch diesen an Herrn Oberpfarrer Koch daselbst, und erlangte von dem letzteren die notigen Nachweise über die Familie Maertens. K. A. Maertens verheiratete sich am 16. Jan. 1817 und erhielt in seiner Ehe bis 1826 sechs Kinder: drei Söhne und drei Töchter. Die Wittwe verheiratete sich am 22. Sept. 1833 mit dem Direktor Schmidt. Ich wandte mich an die Tochter aus dieser Ehe, deren Adresse mir zunächst angegeben wurde, lind sodann, da die genannte Dame begreiflicherweise nicht unterrichtet war, durch einen Hinweis der letzteren an eine Schwiegertochter von Maertens, deren verstorbener Mann Familiennachrichten gesammelt und Papiere aufbewahrt haben sollte. Durch deren Vermittelung erhielt ich dann endlich von Herrn Augenarzt Dr. Maertens in Braunschweig die gewünschte Auskunft. Der Genannte schreibt folgendes: „Im Nachlaß meines Vaters befindet sich ein gedrucktes Exemplar der Posse „Unser Verkehr", 8. Auflage — Berlin, Otto Janke lohne Jahreszahl), in welcher handschriftlich folgender Vermerk eingetragen ist: „Ihr Verfasser ist mein Onkel, der zu Halberstadt als erster Prediger der Martinigemeinde verstorbene Superintendent Karl Andreas Martens, was mir darum so genau bekannt ist, weil er meiner verstorbene» Mutter ein Exemplar geschenkt hat. aus dessen Titelblatt von seiner des Verfassers mir sehr wohl bekannten Hand die Worte standen: Seiner lieben Taite der Verfasser M. — Das Verbot meiner Mutter, de» Namen des Verfassers zu nennen, habe ich bis jetzt 50 Jahre lang gehalten und weiß außer mir und meinem Bruder Karl in Leipzig wahr„ scheinlich niemand mehr den Verfasser zu nennen. Jenes Exemplar ist leider verloren gegangen. Reinecke. Oschersleben 1868. Justizrat und Notar." Dieser Mitteilung fügt mein Korrespondent noch das Folgende hinzu: „Mein Vater, der Sohn jenes Superintendenten, hat mir ebenfalls stets seinen Vater als den Verfasser jener Posse bezeichnet, ebenso wie er Treitschke seiner Zeit zu der Notiz in seiner „Deutschen Geschichte" das Material in Gestalt der Familienüberlieferung und jener oben wiedergegebenen Notiz eines entfernteren Verwandten zur Verfügung stellte." Diesen gewiß sehr interessanten Bemerkungen läßt der Briefschreiber noch die Bemerkung folgen, daß Maertens' übrige schriftstellerische Tätigkeit ganz anderen Gebieten angehöre, daß sich irgendwelche Auszeichnungen des angeblichen Verfassers über diese Autorschaft nicht erhalten haben. Davon also wird man ausgehen müssen, wenn man zunächst statt der äußeren die innere Beglaubigung zu Prüfen unternimmt. Wie soll ein, seit mindestens 1800 in einem kleinen mitteldeutschen Dorfe amtierender Pfarrer mit dem sich als Autor gerierenden Studenten der Medizin zusammengekommen sein, der nie an demselben Orte weilte? Denn wer Maertens wirklich für den Autor hält, mußte doch sich und anderen dis Frage beantworten, wie das Manuskript von dem thüringischen Dorfe nach Breslau gekommen sein soll, zu dem, der das Stück als das seinige vorlas, sich den Freunden, dem Theaterdirektor und anderen gegenüber als Autor bezeichnet^ Denn an einen geheimnißvolleu Raub oder einen zufälligen Verlust des Manuskriptes wird man wohl nicht denken wollen. Wollte man auch annehmen, daß Maertens zufällig während der kurzen Zeit, da Sessa in Halle war, einen Besuch in der von seinem Amtsorte nicht allzu entfernten Universitätsstadt gemacht habe, wie soll der ältere Theologe mit dem um zwölf Jahre jüngeren Mediziner, der weder landsmännische noch berufliche Verbindungen mit ihm hatte, zusammengekommen sein? Welchen Grund sollte der Pfarrer, wenn er sich überhaupt seines Manuskriptes entäußern wollte, gehabt haben, um diesem ihm gänzlich unbekannten Breslauer Studenten seine Komödie anzuvertrauen und zu dessen Gunsten auf seine Autorrechte zu verzichten? Und wenn nun wirklich Sessa 1807 in den Besitz eines fremden Manuskriptes gekommen wäre, welcher vernünftige Grund kann dafür geltend gemacht werden, daß er dies sechs Jahre in seinem Pult behielt und erst 1813 an eine Aufführung dachte? Aber selbst, wenn mau diese Unglaublichkeiten glaublich machen könnte, wie soll ein Mann wie Maerteus, von dem durchaus keine poetische Beschäftigung bekannt ist, gerade darauf verfallen sein, ein Lustspiel zu schreiben? Vor allem, wie soll er bis zum Jahre 1807, denn das wäre die späteste Zeit, in der er sich seines Lustspiels entäußert hätte, in der Lage gewesen sein, jüdischen Dialekt, jüdische Sitten und Eigentümlichkeiten kennen zu lernen? An dem kleinen Orte, an dem er amtierte, lebten vermutlich gar keine oder sehr wenige Juden; von einem Pfarrerssohn, der schwerlich reich mit Glücksgütern gesegnet war, wird man kaum annehmen können, daß er auf weiteren Reisen fremde Sitten kennen gelernt habe. Die Autorschaft von Maertens, durch keine zeitgenössische Kunde uns überliefert, ist also durch den Bildungs- und Entwickelungsgang des Autors geradezu unmöglich gemacht, durch die Tatsache, daß das Stück in Breslau zuerst aufgeführt, vou intimen Freunden Sessas als sein Eigentum erklärt, durch übereinstimmende Zeugnisse der Zeitgenossen ihm zugewiesen, völlig zurückgewiesen. Und was ist nun über die „bezüglichen Familienuachrichten" zu sagen? Ich schicke voraus, daß ich an der subjektiven Wahrheit der Zeugenaussagen, an der Lust und Absicht der Beteiligten, die Wahrheit mitzuteilen, nicht den geringsten Zweifel zu hegen mich erkühne. Aber zum Beweise reichen sie nicht aus. Vorhanden ist nichts mehr, weder ein Manuskript, noch ein schriftliches Bekenntnis, noch jenes Exemplar, in das Maertens seinen Namen schrieb und das im Jahre 1868 noch existierte. Kann aber diese Inschrift, in der sich Maertens als Autor nannte, nicht recht wohl ein Scherz gewesen sein, mit dem Maertens eine Verwandte erheitern wollte? Kann aus diesem Scherz sich nicht die ganze Familientradition gebildet haben? Denn man bedenke: auf der einen Seite die ganz bestimmten Angaben vertrauter Freunde, die erste Aufführung