Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-13 · Heft 7 (13.2.1903) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
Seite 78 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228535--59488-3296005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

78 durch besondere Geseke geordneten Kreise der Schulgemeinschaft natürlich zustehen. Vor allem aber soll der Berufserzieher gerade durch die klarere und tiefere wissenschaftliche Erfassung und die zweckbewußte und sichere Ausführung des Erziehungsgeschäftes dieses in seinen mannigfachsten Teilen fördern. Wer sich zum Wortführer der Lehrer in einem Nichtfachblatte berufen glaubt, muß aber auch Kenntnis besitzen von den neueren Bestrebungen zur Verbreitung der Wissenschaft der Kindererziehung unter den Gebildeten außerhalb der Schule, wie sie durch den „Allgemeinen deutschen Verein für Kinderforschung", den „Verein für Kinderpsychologie", durch die Zeitschriften „für Kinderforschung" und „Kinderfehler", schließlich auch zum Teil durch die Einrichtung der „Elternabende" allgestrebt werden. Er muß auch wissen, daß die zuerst von deutschen Philanthropen angestellteu Beobachtungen über das Kindesleben, die durch Preyers Werk „Die Seele des Kindes" (1881) von neuem auf experimenteller Grundlage ausgenommen wurden, jetzt nicht allein von nordamerikanischen und englischen, sondern auch von französischen und deutschen Forschern eifrig betrieben werden. Sollte es ein Lehrer, und gar ihr öffentlicher Wortführer etwa darauf ankommen lassen, daß ihn die Eltern, aus deren Unwissenheit er sich stützt, in seinem eigenen Fache aufklären? Auch die Lehrerprüfungen zieht der Herr Hauptlehrer irrig zur Unterstützung seiner Behauptungen an. Die Lehrerprüfungen haben eineil zweifachen Zweck. Aber derjenige, welchen Herr Hauptlehrer Katz betont, daß sie die fachliche Reife bezeugen sollen, ist der geringere, weil zweifelhafte. Der weitaus wichtigere Zweck der Prüfungen liegt darin, daß sie zu einem gründlichen Fachstudium ansporwen und allleiten. Herr Hauptlehrer Katz begeht, um ein kürzlich zitiertes Wort des geheimen Regierungsrats Professor Dr. Münch zu gebrauchen, den Fehler, „die Bescheinigung der Reife für wichtiger zu hatten, als die Reife selbst". Die Rücksicht auf die soziale Stellung der jüdischen Lehrer führt mich zu einer anderen Schlußfolgerung. Die gesellschaftliche Wertschätzung zieht nicht so sehr das Amt in Betracht wie den Beamteten, seine Persönlichkeit und seine Leistungen. Der Lehrer, welcher, in rückständigen Anschauungen befangen, die ihm anvertraute Jugend nicht tüchtig zu fördern imstande ist, hat keill Anrecht auf eine höhere gesellschaftliche Einschätzung; bei tüchtigen Leistungell wird ihm diese nicht versagt bleiben. Die soziale Bedeutung einer tüchtigen Fachbildung des jüdischen Lehrers reicht aber über die Grenzen seiner Heimatgemeinde hinaus. Dem Hauptlehrer einer kleineren Gemeinde ist es sicherlich nicht unbekannt, welch harten Kampf um seinen Fortbestand der junge Stand der jüdischen Lehrer m Deutschland gegen mehrere Fronten zu führen hat, und wie mächtig die gegnerischen Gewalten sind. In diesem Kampf wird eine tüchtige Fachbildung als schneidige Waffe dienen; darum dürfen wir sie uns auch nicht durch „Freunde" stumpf machen lassen. Auch ich möchte zum Frieden raten, aber zum friedlichen Wetteifer im wissenschaftlichen Zusammenarbeiten mit gleichstrebenden Vereinsgenossen; dann werden wir weniger Worte hören, aber tüchtigere Leistungen sehen. lieber den Verfasser der Posse: Unser Verkehr. Bon Professor Ludwig Geiger. Treitschkes „Deutscher Geschichte" Band III, Seit« 75n (Leipzig 1885) findet sich folgende Notiz: „Die Posse „Unser Verkehr", welche ums Jahr 1819 so viel Zorn unter den Juden erregte, trug den Autornamen K. B. Sessa. All Welt suchte zu erraten, wer sich hinter diesem Pseudonym verberge: man riet sogar aus Goethe und erzählte allgemein, das Haus Roth schild habe einen Preis aus die Entdeckung des Missetäters gesetz Dis Nachforschungen blieben vergeblich. Auf Grund wohl beglaubigte Mitteilungen kann ich jetzt den Namen des Verfassers angeben. E war der Superintendent Karl Andreas Mertens in Halberstadt." An dieser Mitteilung ist so gut wie alles falsch. Erstens: Die Posse erregte kein Aufsehen ums Jahr 1819, sondern hauptsächlich von 1813—1815, wo sie zuerst über die deutscher Bühnen ging; zweitens: sie trug nicht den Autornamen Sessa sondern sie kam zuerst ohne Namen des Autors auf dr Bühnen; drittens: Sessa ist kein Pseudonym, sondern de: Name eines Breslauer Arztes, über dessen Leben gleich ein gehender zu handeln ist; viertens: da dieser Name nicht nm in Breslau und Berlin und anderwärts bekannt war, so konnte man durchaus auf keinen anderen raten, und ich wüßte nicht, wer auf den unglaublich törichten Gedanken gekommen sein sollte, Goethe als Autor zu vermuten; fünftens: von einer allgemeinen Erzählung über derartige Versuche dec Hauses Rothschild ist nur in der Phantasie des Historikers di Rede. Schon aus diesen durchaus der Wahrheit nicht ent sprechenden Bemerkungen könnte man auf die Vermutun, kommen, daß auch die Angabe über den Verfasser eine falsch sei. Bevor indessen diese „beglaubigten Mitteilungeil" geprüs werden sollen, sei es gestattet, von der Komödie selbst und vor dem Mann zu reden, der bisher allgemein als Autor de Posse galt, lieber das Lustspielchen selbst kann man kurz sei» Nachdem es zuerst ohne Namen des Autors 1815 in Breslar erschien, wurde es häufig gedruckt und nachgedruckt, ist jetzt auch in der Reclam'schen Universalbibliothek zu finden. De Inhalt ist folgender: Ein junger Jude, Jacob Hirsch, wird von seinem Vate: mit falschem Gelds und schlauem Rate ansgeschickt, um eine! eigenen Handel zu beginnen. Er trägt sich mit großen Pläne» ist aufgeklärt und will ein recht bedeutender Mann werde» doch geht dies nicht so schnell, wie er sich einbildete. Zuers wird er voll seinen geistig und materiell höher stehender Glaubensgenossen verlacht, von den Reichen als Betteljud, behandelt, und erst, als sich die Nachricht verbreitet, er Hab das große Los gewonnen, wird er von allen Glaubensgenosse! mit Liebenswürdigkeiten überhäuft. Die Nachricht stellt sic: aber als falsch heraus, und sofort ziehen sich alle von ih» zurück und wenden sich dem wirklichen Gewinner zu. Ti meisten vorkommenden Juden sprechen im jüdischen Jargon die sogenannten Gebildeten im gespreizten Deutsch. Diese Posse wurde zuerst am 11. Februar 1813 auf den Breslauer Theater aufgeführt, h Der Autor nannte sich Samson Eidex; Devrient spielt, den Jacob Hirsch. Dabei soll kurz erwähnt sein, daß die! Judenrolle ein Paradestück für manche Schauspieler war, wi y Vergl. Schlesingers Geschichte deS Breslauer Theaters, Berli 1898, Band l, Seite 130. Alle früheren Notizen sind nach diese authentischen Angabe zu berichtigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.