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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-13 · Heft 7 (13.2.1903) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
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Ich stehe unter dem starken Eindruck dieser erhebenden, ethisch und geistig bewegten Feier, unter - em Eindruck des Berichteten über die Erfolge dieser Gesellschaft in 00 Jahren. Wenn ich nach dem Vortrage des Herrn Vorsitzenden ie Zahlen der letzten Jahre mit hundert multipliziere, so bekomme h nach Tausenden zählende Scharen, die ihre sittliche und ihre wirtchastliche Existenz den Zielen, den Arbeiten und den Unterstützungen ieser Gesellschaft in diesem Zeitraum verdankt haben. Das ist wirklich ne große Sache, die nicht bloß Sie berührt, nicht bloß diese Gesellschaft, auch nicht bloß Ihre Stammes- und Religionsi meinschaft, eine Sache, die weit über diese Grenze hinaus reicht und ie anzuerkennen auch meine Aufgabe und meine gern^geübte Pflicht t. Aber ich stehe auch unter dem Eindruck der Bedeutung dermalen Ziele, welche in dieser Gesellschaft bis aus den heutigen Tag mübt wurden. Sie ist entstanden in einer Zeit, welche die Grundigen für eine ganz neue Weltentwickelung gelegt hat. Diese Grundagen sind bis auf den heutigen Tag in uns wirksam, zweifellosen ielen Beziehungen auch nach unerwünschten Seiten hin. Doch würde nsere ganze heutige Lebensauffassung, das Verhältnis der Menschen u einander, auch das Verhältnis der Völker zu einander undenkbar oin ohne jene Grundlagen und Ziele, die im Anfang des vorigen .ahrhunderts auf uns überkommen sind. Diese Ziele und Ideale gesiegt zu haben, ist ein anderes Verdienst der feiernden Gesellschaft, ielleicht in einem engeren Kreise, als man allgemein annimmt, aber nmerhin reiht sich Arbeit an Arbeit, idealer Sinn an idealen Sinn, s war auch mir in besonderem Maße erfreulich, daß man die Ideale siegt auf dem Boden des Gotteswortes, unter göttlicher Auffassung es Menschenberufes. Auch Has auszusprechen als Mensch ist mir in iesem Kreise und bei dieser Feier Bedürfnis, und so möge denn die Gesellschaft „Humanität" weiter blühen und gedeihen. Sie möge nach er wirtschaftlichen, nach der sozialen, wie der ethischen Seite ihrer ufgabe erfolgreich wirken in ihr zweites Jahrhundert hinein. An eitern und Geleiteten, an Mitgliedern und Mitarbeitern möge sie achsen und blühen alle Zeit. Das wünsche ich von Herzen." (Lebaster Beifall.) Es dürfte wohl ein äußerst seltener Fall sein, daß ein siberpräsident und Staatsminister in einer jüdischen Verunmlung das Wort ergriffen. Mit einer kurzen Gedächtnis- Zier für die verstorbenen Mitglieder der Humanitätsgesellschaft nd einem Gesang des Männerquartetts schloß die ihres Anasses würdige, erhebende Veranstaltung. An die ernste Feier chloß sich am Abend von 6 Uhr ab in den Räumen des Zentralhotels ein glänzend verlaufenes frohes Fest. I,. H. Rabbiner und Lehrer. Von Seminarlehrer M. Golde-Berlin. der Ueberschrift: Rabbiner und Lehrers hat Herr Hauptlehrer Katz aus Gnesen die Frage der B? fähigung der Rabbiner zum Amte der Schulinspektion owie des Verhältnisses der Lehrer zur pädagogischen Wiffenchaft in diesem Blatt zuerst erörtert. Wir halten es nicht für lötig, zur ersten der beiden Fragen Stellung zu nehmen; aenn wir haben das Vertrauen zu dem gesunden Gefühle unserer jüdischen Gemeinden, der Herren Rabbiner und der ehrer selbst, daß sie mit Gerechtigkeit verfahren und jedem nas Seine geben werden. Um so mehr müssen wir Einspruch erheben gegen die Geringschätzung, welche der Herr Hauptlehrer der Pädagogischachlichen Ausbildung bezeugt. Die hierauf bezüglichen Aeußerungen dürfen nur als persönliche Auffassung angesehen werden. Schon die rege Beteiligung der Lehrer an den in Univerfitätsorten für sie eingerichteten wissenschaftlichen Ferienkursen und ihr stürmisches Verlangen in der.Presse und in Vereinen nach Erweiterung der allgemeiuen wie der fachlichen Ausbildung beweisen, daß die übrige Lehrerschaft den entgegengesetzten Standpunkt vertritt. Ein pädagogisch geschulter Lehrer weiß, daß der Hauptlehrer einer Schule noch nicht einmal einen Stundenplan zusammenstellen sollte, ohne psychologische und didaktische Erwägungen anzustellen, und daß ohne solche der Erfolg des Unterrichts von vornherein in Frage gestellt sein kann. Sein geschärftes pädagogisches Gewissen lehrt ihn auch, daß er die einem jeden Fache eigentümlichen Bildungswerte seinen Schülern nur dann mit einiger Sicherheit zuführen kann, wenn er mit gründlichem Fachwissen eine reiche und klare Kenntnis ihrer wissenschaftlichen Methodik verbindet. Diese aber läßt sich nur durch eindringendes Studium der modernen Fachliteratur und durch die beständige Prüfung ihrer Forderungen in seinem eigenen, durch besondere Verhältnisse bedingten praktischen Unterrichtsverfahren erlangen. Endlich ist ihm klar, daß die richtige Behandlung und Beurteilung der Kinder in der Schule nur aus der Kenntnis der psychologischen Wissenschaft erwachsen kann. Die unterrichtliche wie auch die sittlich erziehliche Förderung des Kindes wird unter normalen Verhältnissen um so sicherer und vollkommener gelingen, je gründlicher seine Kenntnisse jener immer reicher sich entfaltenden Wissenschaft sind. Die Bestimmung dieser Zeilen verbietet es, auf Einzelheiten weiter einzugehen. Wer sich auf frühere Personen und Zeiten beruft, da auch schon Erziehung empfangen und vermittelt wurde, noch ehe die moderne pädagogische Wissenschaft überhaupt bestand, der beweist Mangel an historischem Denken. Jede Zeit arbeitet mit denjenigen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen, denn sie hat auch nur für ihre und nicht für eine spätere Zeitperiode zu wirken. Wer aber mit Berufung auf «ine frühere, anscheinend bequemere Zeit die ihm dargebotenen Mittel gering achtet und vernachlässigt, der muß in seinen Erfolgen notwendig hinter seiner Zeit Zurückbleiben. Tatsächlich zeigen sich denn auch dem Lehrer, welchem sein Schülermaterial aus verschiedenen größeren und kleinern Orten zuströmt, bisweilen ganz erschreckend große Unterschiede an Bildungsfähigkeit und Schulung des Geistes und des Wollens, Unterschiede, welche in manchen Fällen nicht in angeborenen Anlagen, sondern lediglich , der verschiedenen Vorschulung ihren Grund haben. —°Auch auf den Talmud, welcher dem Lehrerstande die höchste Stellung in der Stadt einräumt, sollte man sich nicht berufen, um den Wert der Fachbildung herabzusetzen. Rabbi Akiba, den Herr Hauptlehrer Katz für sich iu Anspruch nimmt, sagt: „Willst du dich aufhäugen, so wähle einen hohen Baum." und nach der Auffassung Naschis sollen diese Worte so viel heißen als: „Lerne stets bei einem tüchtigen Lehrer." Das Anerkenntnis der Tüchtigkeit aber vermag nur die eigene Zeit zu erteilen und nicht eine frühere. Auch der Hinweis auf die Eltern, die ihre Kinder ja auch ohne pädagogische Vorbildung richtig erziehen, ist unhaltbar, daß die Erziehung in der Schule, so sehr sie auch der Unterstützung und der Ergänzung durch die des Hauses bedarf, doch weit über diese hinausgehen muß. Sie soll sie einmal durch die größere Anzahl von Erziehungszwecken übertreffen, welche sich in dem engeren). Kreise der Familie nicht verwirklichen lassen, dagegen dem größeren,

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