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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-13 · Heft 7 (13.2.1903) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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Staatsanwaltschaft in Könitz telegraphisch benachrichtigt, und -chon abends war Staatsanwalt Schweigger-Konitz persönlich an Ort und Stelle, um ans erster Quelle die Mitteilungen entgegenzunehmen. Wir geben diese Meldung wieder, müssen aber der „Danziger Zeitung" die Verantwortung dafür überlassen. Schon wiederholt hieß es, man habe in der Konitzer Mordsache neue Spuren entdeckt, ohne daß es bisher gelungen ist, die Täter zu ermitteln. 4> Bedeutsamer ist jedenfalls das, was über die Wiederröffnung der Dreyfus-Campagne aus Paris berichtet wird: schon bei der Untersuchung gegen die Schwindlerfamilie Humbert var vorübergehend davon die Rede. Aber die öffentliche Meinung ümmerte sich nicht darum. Nun tritt aber ein viel ernsterer Mann mit der Ankündigung, daß er demnächst neue wichtige Enthüllungen über den Dreyfns-Prozeß machen werde, aus den Plan. Jean Jaurös, der neugewählte sozialistische Vizepräsident der Kammer, will anläßlich der bevorstehenden Debatte über ie Wahl des nationalistischen Abgeordneten Syveton auf den Dreyfus-Prozeß zu Rennes zurückkommen. Die Stimme Jaurös >ört man in Frankreich. Man weiß, daß er nicht aus inem hohlen Fasse spricht. Man kennt ihn als einen Rann, der genau überlegt, was er zu sagen hat, und man iveifelt nicht daran, daß der Hieb, zu dem er jetzt gegen die Nationalisten ausholt, kein Lufthieb sein wird. Ueber den Znhalt dessen, was er vorzubringen gedenkt, sind auch schon >estimmte Andeutungen in die Oeffentlichkeit gedrungen. Es handelt sich um die berühmten „geheimen Schriftstücke", um ie angeblichen Briefe des deutschen Kaisers, die selbstverständich gefälscht waren und trotzdem in Rennes eine hervorragende Rolle hinter den Kulissen gespielt haben sollen. Ja man will >gar wissen, daß den Richtern Briefe des Kapitäns n den Kaiser gezeigt worden seien. In diese dunklen Voränge will Janrös jetzt hineinleuchten. Vermutlich ist er n der Lage, allen Zweifel darüber zu zerstreuen, daß die Briefe, ebenso wie einst den Richtern des ersten Prozesses, uich den Richtern von Rennes im geheimen vorgewiesen worden sind und daß sie auch diese bei der Urteilsällung beeinflußt haben. Und auch über die politisch noch richtigere Frage, wer die Fälscher und die Urheber der Fälschung gewesen sind, wird Jauros jetzt voraussichtlich Aus- »nft geben können. Es bereitet sich also noch ein letztes Lreyfus-Gefecht vor, das hoffentlich mit einer Aufhellung der noch vorhandenen Geheimnisse und somit mit einem vollen Ziege der Wahrheit endigen wird. Es scheint fast, als sollte Rumänien nun doch an sein yeißersehntes Ziel gelangen. Und zwar — das ist das Traunge an der Sache — zum Teil mit Hülfe von Juden! Die Diskontogesellschaft und die Bankfirma S. Bleichröder haben der Zulassungsstelle der Berliner Börse gemeinsam den Prospekt einer S prozentigen Rumänischen Anleihe von 185 Millionen Francs eingereicht, die zur Einlösung der 5 prozentigen Schatzbonds von 1899 dienen sollen. Daß in der rumänischen Kammer die Umwandlung der Schatzbonds als ein großer Erfolg hingestellt wurde, zeigt nur, wie sehr Rumänien selber seine Ansprüche hat herunterschrauben müssen. Das hat gewiß auch Peter Carp in seinem Innern schmerzlich empfunden, wenngleich er das Ministerium Sturdza in der Kammer rückhaltlos zu der Finanzoperation beglückwünschte. Die Anerkennung, die Herr Carp dem Erfolge des gegenwärtigen „liberalen" Kabinets zu teil werden ließ, wurde von einem Anhänger Sturdzas mit der Versicherung erwidert, daß sich der frühere Ministerpräsident damit als berufenen Nachfolger Sturdzas erwiesen Hütte, wenn dieser wieder einmal von einerkonservativen Negierung abgelöst werden sollte. Gilt Carp aber dem gegenwärtigen Kabinet dermaßen als Patriot und Autorität, so ist es angebracht, daran zu erinnern, daß nach seiner Ueberzeugung Rumänien gar zu abhängig von den Zufälligkeiten seiner Ernten ist, und sich deshalb die Pflege der Industrie mehr angelegen sein lassen müßte, hierin aber solange behindert ist, als es sich nicht dazu entschließt, den Inden, auf die Rumänien hierbei angewiesen ist, die von ihnen mit Recht beanspruchte Behandlung zu teil werden zu lassen. Zunächst ist, wie wir hören, die Zulassungsstelle zu der Entscheidung gelangt, daß es sich nicht empfehle, von der Vorlegung des letzten Etats des rumänischen Staates abzusehen, ehe die Genehmigung zur Zulassung der Anleihe erteilt wird. Die rechtliche Stellung der Juden in Rußland hat im verflossenen Jahre 1902 leider eine weitere nicht unwesentliche Verschlechterung erfahren. Drei neue Gesetze, welche, wie alle in diesem materialistischen Zeitalter von den Antisemiten gegen Juden unternommenen Schritte, dazu bestimmt sind, diesen den Kampf nms Dasein zu erschweren, werden die fortschreitende Proletarisierung der russischen Juden um eine weitere Etappe befördern. Zunächst ist es den russischen Antisemiten gelungen, einen alten Lieblingswunsch zu verwirklichen und den Juden den Zutritt zu den reichlich fließenden Petrolemnguellen von Baku zu versperren. Die ungesetzlichen Judenausweisungen, durch welche in Rußland alljährlich tausende von jüdischen Existenzen vernichtet werden, nahmen in dem verflossenen Jahre ihren ungehinderten Fortgang, und das Fest zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten wurde in Hunderten von jüdischen Familien aus Akmolinsk in Südsibirien und dem transkaspischen Gebiete nach Art der Väter mit dem Wanderstab in der Hand gefeiert. Auch im eigentlichen Ansiedelungsrayon, speziell in den Gouvernements Kiew, Jekaterinvslaw und Taurien, sonne längs der Grenzlinie des europäischen Rußlands fanden zahllose Ausweisungen statt, die nur im Gouvernement Jekaterinvslaw vom neuen Minister des Innern, Herrn Plehwe, bis auf weiteres inhibiert wurden. Bezeichnend für die Auffassung der Behörden sind die Ausweisungen in der Mandschurei, wo Rußland von rechtswegen garnichts zu sagen hatte und die nach wiederholter offizieller Versicherung ihrem rechtmäßigen Besitzer „möglichst" bald zurückgegeben werden soll. Trotzdem wurden, kurz bevor mit dieser Zurückgabe begonnen werden konnte, die Juden noch rasch aus der chinesischen Provinz ansgewiesen. Das Jahr 1902 hat den russischen Antisemiten die längst vergeblich gesuchte Handhabe gebracht, das verhaßte Gesetz vom Jahre 1865 illusorisch zu machen und den jüdischen Handwerkern die garantierte Freizügigkeit ernstlich zu erschweren. In diesem Jahre wurden nämlich in Rußland die Zünfte aufgehoben und jedem gestattet, auch ohne im Besitze eines Meisterbriefes zu sein, sein erlerntes Handwerk auszuüben. So überflüssig aber die mittelalterliche Institution der Zünfte im 20. Jahrhundert auch ist, für den jüdischen Handwerker in Rußland war sie von großem Wert, da nur die Zünfte durch

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