Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- Seite 74 (sequence 4)
- Language
- German
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74 gemacht wie die Juden, deren gesamte geistige Tätigkeit sich von je auf diesen einen Punkt konzentriert hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs: kein Europäervolk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält wie die Juden, und keines anderen Volkes Sittenlehre war so ganz auf dem Grundsatz der Nächstenliebe aufgebaut wie diese. Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stück am meisten gesteigert und anfgehöht, was er vorfand. Aber wieviel ist nicht damit schon gesagt, daß dieser Verkünder aller Selbstenläuszeruug und Hülfsbereitschaft eine Sittenlehre vorfand, die er nur zu potenzieren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen. — — Das historische Ergebnis all solcher Betrachtungen bleibt: daß das Christentum in all seinen charakteristischen Eigenschaften, in seinem unbedingten Ein-Gottesglauben, in seinen altruistischen Konsequenzen und in seinen gewalttätig-egoistischen Inkonsequenzen den Stempel jüdischen Geistes trägt. Es war das schicksalsreiche Geschenk des Orients an den Westen, und nacheinander haben es sich die Griechen, die bis dahin so wenig fremde Kulturgüter angenommen hatten, die Römer und schließlich auch die Germanen zu eigen gemacht." Es wäre töricht, diesen Sätzen noch etwas hinzuzufügen. Sie sprechen für sich selbst und sind für uns um so bedeutungsvoller, als sie von einem völlig vorurteilslosen und objektiv denkenden Forscher herrühren, der in seiner Wissenschaft sich hohen Ansehens erfreut, und als sie in einer Zeit ausgesprochen werden, in der man ans der Geschichte des Christentums nur zu gern das Judentum ganz ausschalten möchte, indem man die Sumerier-Akkadier als die Urheber der „monotheistischen" Babelkultur und Christus selbst als einen Arier zu bezeichnen versucht. Me Woche. Berlin, 10. Februar. ie eine Einleitung zu der großen „landwirtschaftlichen Woche", in der es ja doch an den üblichen Ausfällen gegen „Juden und Judengeuossen" nicht fehlen durfte, klang die Rede, die der Führer des Bundes der Landwirte in der voriger: Woche irr: Abgeordnetenhause gehalten hat, und in der er u. a. sagte: „Was die Behandlung der Arbeiter anbetrisst. so hat Herr Dr. Crüger uns wieder irgend einen tragischen Fall vorgeführt, wo angeblich ein Großgrundbesitzer etwas Unerhörtes gesagt hat. Meine Herren, den Sport wollen wir doch unterlassen. Was würden Sie sagen, wenn wir Ihnen die Fälle vorreiten wollten, die zu Dutzenden in den Zeitungen stehen, wo irgend ein jüdischer Geschäftsmann die armen Mädchen in seinem Geschäft oder zu Hause vorgeuonnnen und die größten Schweinereien mit ihnen getrieben hat, und wir wollten das der ganzen Bevölkerung in der Stadt in die Schuhe schieben' Wenn einer einmal eine Dummheit oder Roheit begangen hat, dann den ganzen Stand dafür verantwortlich zu machen, ist nach meiner Meinung eine ganz unwürdige Beweisführung. (Sehr richtig! rechts.)" Herr v. Wangenbein: hat Recht, daß es eine „unwürdige Beweisführung" ist. wenn man die Schandtat eines Einzelnen einer ganzen Gemeinschaft zur Last legt. Aber in demselben Augenblicke, wo der konservative Abgeordnete dies ausspricht, befolgt er selbst diese verwerfliche Methode. Denn durch die Hervorhebung von Verbrechen jüdischer Geschäftsleute will er allerdings nicht „die ganze Bevölkerung in der Stadt" dafür verantwortlich machen, wohl aber Haß gegen die Juden erregen. Zahlreiche derartige Fälle könnten aus den Kreisen, in denen kein Jude Lebt, ja sogar aus rein antisemitischen hier genannt werden. Also etwas mehr Vorsicht! Nirgends ist die von Herrn von Wangenheim verurteilte Methode des Verallgemeinernd so verbreitet, wie in der antisemitischen Presse, so oft es sich um Angriffe gegen das Judentum handelt. Es ist ein richtiger antisemitischer Sport. Wenn also Herr v. Wangenhein: meinte: „Den Sport wollen wir doch unterlassen", so können wir ihm nur raten, diese Mahnung zunächst an seine Gesinnungsgenossen zu richten. Anläßlich des Todes Rudolfs v. Delbrück, der sich stets als Gegner jeder antisemitischen Richtung bekannt hat, macht der Herausgeber des literarischen Nachlasses von Eduard Lasker. Geheimer Legationsrat Cahn, in der „Nation" folgende interessante Mitteilungen: „In dem Lasker'schen Briefwechsel aus dem Kriegsjahre 1870/71 befanden sich Briese des Staatsministers v. Delbrück, zu deren Veröffentlichung es der Ermächtigung des Schreibers bedurfte. Herr v. Delbrück, den ich zu diesem Zweck besuchte, gab mit der größten Bereitwilligkeit seine Genehmigung; natürlich kam dabei die Rede auf Laskers Wesen und Wirken. Meine bezügliche Aufzeichnung vom 16. Februar dürfte vielleicht von Interesse sein: „Es war mir stets eine besondere Freude," sagte Delbrück, „mit Lasker zusammenzukommen. Eine Parlamentarische Debatte ohne Laster schien eine ganze Zeit lang gar nicht denkbar. Bei Divergenzen Zwischen Bismarck und Lasker — und sie traten häufig hervor, nw man am wenigsten darauf gefaßt war, und im ersten Augenblick ganz ratlos dastand — rechnete ich es mir stets als ein besonderes Verdienst an, wenn meine Vermittelung von Erfolg gekrönt war; den Vorwurf, den man Lasker machte, daß er rechthaberisch sei und stets alles besser Wissel: wollte, habe ich bei solchen Anlässen nie begründet gefunden; in Wirklichkeit aber war sein Besserwissen gar nicht erstaunlich, da er stets eifriger und gründlicher als die meisten der an den Debatten Beteiligten die Vorakten studiert hatte! Als nach Ausbruch des französisch-deutschen Krieges — Ende Juli 1870 — der Präsident der Preußischen Bank jammerte, 'daß er ohne einen tüchtigen Juristen, der ihm mit gleicher Verantwortlichkeit beigesellt wäre, sein schweres Amt nicht verwalten könnte, hatte Bismarck sofort all Lasker gedacht; dieser aber hatte die Stellung, die der eines Ministerialdirektors gleich gekommen wäre, abgelehnt. Auch im Jahre 1873/74 dachte Bismarck allen Ernstes an eine für Lasker zu schaffende höhere Stellung in: Reichsdieuste; Bismarck hielt mich für zu sehr überlastet und dachte daran, die Justizsacheu vom Bundeskanzleramt zu trennen, — was auch ja bald geschehen ist — aber Lasker lehnte auch hier a b." Ist es wirklich ein Zufall, daß die beiden traurigsten Affären der letzten Jahre, die Könitz er und die Dreyfus- Affäre, zu gleicher Zeit wieder aufleben? Die Antisemiten werden sicher „Nein" sagen und eine große Verschwörung der > Alliance und ihrer Anhänger verkünden. Wir aber und mit , uns alle Freunde der Humanität und der Wahrheit können über diesen Zufall nur aufrichtige Genugtuung hegen, wenn er in beiden Fällen zur Erhaltung der Wahrheit führen sollte. Was zunächst die Kouitzer Affäre anbelangt, so soll es, wie die sonst zuverlässige „Danziger Zeitung" meldet, einem dortigen Arzt gelungen sein, wichtiges neues Material zu der Winterschen Mordsache von einem Zeugen zu ermitteln, der bisher nicht vernommen worden ist. Die Mitteilungen führen zum Teil auf ganz neue Spuren. Am Donnerstag wurde bereits die