Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 7. Berlin» 13. Februar 1903 Zeitung -es Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.S M. Nedacteirrr Gustav Karpeles. Begründet von Uabbiner V* Ludwig PHMppson-Sonn Verlags-Expedition: iöerlin, Jerrrsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. AnssNtt. Leitartikel: Ein weißer Nabe. — Die Woche. — Die Hundertjahrfeier der Gesellschaft „Humanität" in Kassel. — Rabbiner und Lehrer. Von Seminarlehrer M. Golde-Berlin. — lieber den Verfasser der Posse: Unser Verkehr. Von Professor Ludwig Geiger. — Die Juden in Marokko. Von M. Friedeberg. II. — AeuiUetori: Pharaos Erben. Von I. L. Pere tz. Aus dem Hebräischen übertragen von ALbert Katz. II. Der Oerneirrdebote. - Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Tilsit, Aus Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Magdeburg, Ruhrort, Frankfurt a. M., Metz, Wien. — Bon Nah und Zyern. Gin weißer Nabe. Berlin, 10. Februar. as Judentum ist und bleibt nun einmal der Prügelknabe der Weltgeschichte. Assimiliert sich der Jude, wie im Westen, so wirft man ihm Würdelosigkeit und mangelnde Rassenbeharrlichkeit vor. Klebt er am Alten, wie im Osten, so wird er zum Typus eigensinniger Rückständigkeit und kleinlicher Rassenrancune gestempelt. Ist er nationaler Chauvinist, wie in Ungarn und Holland, so wird ihm politisches Sklaventum und knechtische Unterwürfigkeit angedichtet; bekennt er sich zu radikal-fortschrittlichen Ideen oder gar zum Sozia, lismus — Lassalle, Marx, Singer — so ist der Jude vaterlandslos, international, kosmopolitisch. Werden in Assyrien und Babylonien Ausgrabungen unter sympathischer Anteilnahme der Juden veranstaltet, so wirft Delitzsch den Juden vor, ihr angemaßtes Kultureigentum sei babylonischen Ursprungs, nichts Originales, sondern Anempfnndenes. Nachgebildetes, Zurechtkonstruiertes. Erteilt Delitzsch Ohrfeigen rechts, so verabreicht Harnack sie links; alles noch nicht genug, sagt der Deutsch-Engländer Chamberlain: Ohrfeigen vorn und hinten. Delitzsch wird von Chamberlain in der jüngsten Auflage seines „Werkes" aufs empfindlichste angelassen, weil er dem Semitentum in Koners und dem Judentum in spoeio doch noch großen Einfluß auf die Genesis unseres Kultursystems einräume. Das Christentum verdanke dem Judentum nichts, es sei denn Schlechtes, Angefaultes, Verbrauchtes und Ueberwundenes. Jesus sei gar kein Jude gewesen, und wenn selbst, desto schlimmer. Und so liegen sich die „Wissenschaftler" — zu denen wir Herrn Chamberlain allerdings nicht rechnen — hüben und drüben in den Haaren, weil sie sich darüber nicht einigen können, welche Prügelart, welches Prügelquantum und welche Prügelform die richtige sei. Auch über die Stelle, an welcher der ewige Prügelknabe der Weltgeschichte seine Ration entgegenzunehmen habe, herrscht Gott sei Dank alles andere denn Einstimmigkeit. Nur über einen Kardinalpunkt haben sich alle feindlichen Brüder geeinigt, und zwar: daß geprügelt werde. Jninitten dieses konfusen Interregnums eines wissenschaftlichen Faustrechts ertönt eine Stimme der Versöhnung und des Friedens. Fernher, etwas entlegen, noch wenig beachtet; aber die Stimme klingt sonor, sie hat Kraft und Eigenart. Die Stimme Kurt Breysigs, des Professors der Geschichte an der Berliner Universität, klingt nicht unterirdisch wie die Chamberlains, nicht überweltlich wie die Harnacks und nicht hinterweltlich wie die Delitzsch', sondern nur menschlich, diesseitig, greifbar. In seiner großzügigen Kulturgeschichte der Neuzeit (Vergleichende Entwickelungsgeschichte der führenden Völker Europas und ihres sozialen und geistigen Lebens, Berlin, G. Bondi 1900/1901), kommt Breysig, ein an Nietzsche orientierter Kulturphilosoph, natürlich auch auf den jüdischen Kern des Christentums zu sprechen. Angesichts des betäubenden Stimmgewirrs unserer Tage halten wir es für angemessen, auch Breysigs Stimme an dieser Stelle zu Gehör zu bringen, uud erteilen ihm das Wort (Baud II, Seite 678 ff.) „Das Christentum ist aus dem Geiste des jüdischen Volkes heraus geboren, ist sein Erzeugnis, seine größte Leistung. Jesus ist so ganz erfüllt gewesen von den letzten und tiefsten Gedanken seines Volkes, das; er uns Nachgeborenen erscheint wie der fleischgewordene Genius des Judentums. Alles, aber auch alles, was den Christenglauben hinaushebt über die anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs, so vor allem andern die unerhörte Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen Einen Gottes. Beides war Jahrtausende alter Besitz der jüdischen Nationalreligion, und Jesus hat all ihm nichts geändert, hat nichts dazu getan, noch etwas davon entfremdet. Nicht Griechen, nicht Römer, nicht Germanen haben je den Gedanken eines einzigen höchsten und doch persönlichen Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern der Weltgeschichte es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demütigen, wie dieser grüblerische Hirten- und Bauernstamm schon in seinem frühen Mittelalter getan hat. Neben den großen Besitztümern des Christentums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigentümliche Gedanke eines zur Erde niedersinkenden Gottesreiches und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittlers zwischen dem Gott nnd den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charakterzug der äußeren Form von der alten auf die neue Religion über. Weder Griechen noch Römer Noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur