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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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67. Jahrgang. Nr. 6. D?? ^'brnar 1903 Weikage zur „Mtgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. Februar. In nur kurzer Sitzung erledigte die heutige gut besuchte Nepräsentanten-Vers ammlung ihre Tagesordnung. Aus den geschäftlichen Mitteilungen ist zu entnehmen, daß Kommerzienrat Fried län der die Wahl zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden der Versammlung angenommen hat. Alsdann gelangte die in der letzten Sitzung des vorigen Jahres vertagte Vorlage betr. das Stundenhonorar der an den Neligionsschulen tätigen Lehrkräfte zur nochmaligen Beratung. Der Referent Herr Isidor Sachs trat mit Wärme für die vom Ausschuß aufgestellte Gehaltsskala ein. Syndikus Lilienthal hält diesen Ausführungen entgegen, daß der Gemeindevorstand die eintretende Mehrbelastung von 26 000 Mark bei der jetzigen Finanzlage der Gemeinde nicht für unbedenklich erachte. Nachdem noch Professor Blaschke die Vorteile der Ausschußskala hervorgehoben und HerrLouis Sachs in genauer Berechnung dargelegt, daß die eintretende Mehrbelastung eine ganz minimaleist, wird die Ausschußskala mit großer Mehrheit angenommen. Die Gehaltsskala für die Lehrerinnen wird gemäß dem Anträge des Gemeindevorstandes angenommen. Beide Skalen sollen rückwirkende Kraft haben und zwar vom 1. Oktober 1902 in Geltung treten. — Eine recht lebhafte Diskussion schloß sich an den Etat des Krankenhauses pro 1903/04 an. Nachdem Herr Manheimer in wenigen Worten beantragt hatte, die im vorigen Etat gewährte Summe von 61480 Mark auch diesmal wieder zu bewilligen, erkundigt sich Professor Landau nach den Bauprojekten für das neue Krankenhaus. Er weist darauf hin. daß er bereits vor längerer Zeit die Ausführung eines Krankenhauses aus dem jetzigen Grundstücke als hygienisch unmöglich bezeichnet habe. Der Gemeinde- Vorstand habe nun an den Baurat Schneider 8500 Mark für die Aufstellung voll Projekten gezahlt, die bisher der Versammlung noch nicht zugegangen seien und in ein undurchdringliches Geheimnis gehüllt zu sein scheinen. Daraus sei zu entnehmen, daß die Forderungen des Vorstandes in den Plänen nicht erfüllt worden seien, daß der Gemeindevorstand noch in anderer Weise vorzugehen beabsichtige und ohne festes Programm ein Krankenhaus errichten wolle, um nach der Fertigstellung die Anzahl der unterzubringenden Stationen festzustellen. Das wolle weder die Repräsentantenversammlung noch diein die all Iioe eingesetzte Kommission gewählten ärztlichen Sachverständigen. Sie wollen, daß die offenkundigen unhaltbaren Zustände im Krankenhause nicht weiter verschleppt werden. Ein Institut wie das Krankenhaus, das nicht nur den notwendigen Zwecken der Krankenfürsorge dienen, sondern auch bestimmt sein sollte, den anderen religiösen Gemeinschaften zu zeigen, daß die Juden werktätig seien, das auch den Antisemitismus besser bekämpfen würde als alle Versammlungsreden, das zu beschleunigen, habe sich der frühere Gemeindevorstand gescheut, und der jetzige Vorstand scheine darin sortzusahren. Herr Julius Jacoby teilt mit, daß auf einem der vier gelieferten Pläne die Wünsche voll Professor Landau voll berücksichtigt seien, daß aber der Vorstand alle Pläne wegen der horrenden Kosten, mit denen die Gemeinde belastet würde, nicht zur Ausführung bringen könne. Die gesamten Pläne sollen sobald als möglich dem Repräsentanten- Kollegium zugehen, doch müsse der Vorstand mit Rücksicht auf die etwaige Neuerwerbung von Grundstücken sehr vorsichtig zu Werke gehen. Nachdem Professor Landau darauf hingewiesen, daß er nicht zu einer förmlichen Beratung, sondern nur zu einer privaten Besprechung mit dem Architekten, in derer selbstverständlich unvorbereitet gewesen sei, hinzugezogen und die jetzigen Zustände im Krankenhause mit scharfen Worten gegeißelt, bezeichnet Herr Jacoby es als unmöglich, den Wünschen Landaus auf dem jetzigen Grundstück entsprechen zu können, und gibt der etwas eigentümlichen Meinung Ausdruck, daß ein jüdisches Krankenhaus nicht alle Stationen — gemeint ist hier die gynäkologische und vor allem die geburtshilfliche Abteilung — zu enthalten brauche, die vielleicht wünschenswert, aber durchaus nicht notwendig seien. Der Vorstand sei bestrebt, nichts vorzulegen, was er nicht finanziell vertreten könne; der Vorstand wolle jedoch die Summen bewilligen, um das Krankenhaus auf die Höhe der anderen Krankenhäuser zu bringen. Auch der zweite ärztliche Sachverständige der bisher noch untätigen Kommission. Professor Bag ins ky, legt in kurzen, aber präzisen Worten dar, daß der Gemeindevorstand sich nun dem nicht entziehen könne, daß die Aerzte ihm klar machen, wie es richtig gemacht werden müsse. Es müsse zunächst ein festes Programm voll sachverständigen Männern unter Hinzuziehung des Vorstandes, der die finanzielle Seite zu vertreten habe, ausgearbeitet werden; erst dann könne man den Architekten mit dem Entwürfe betrauen, der vor der Ausführung noch einmal einer strengen ärztlich-hygienischen Prüfung zu unterwerfen sei. Er spricht den Wunsch aus, die Pläne so zeitig zur Prüfung zu erhalten, daß sie in aller Ruhe geprüft werden können. Nachdem noch Herr Jacoby erwidert, daß Raum vorgesehen sei, um etwaige Wünsche der Aerzte berücksichtigen zu können, wird die Debatte mit der Annahme des Voranschlages für den Etat des Krankenhauses geschlossen. Als letzten Punkt der öffentlichen Sitzung giebt Herr Isidor Sachs den Hauptr echnungsabschlnß der Gemeinde pro 1901/02. Es hat sich aus den Konten, die ordnungsmäßig befunden wurden, ein Minderverbrauch von 118 154.30 Mark ergeben, der auf erhöhte Einnahmen an Steuern und Zinsen zurückznführen ist. In verschiedenen Positionen hat ein Mehrverbrauch stattgefunden, und es sind für Bnreauzwecke 1320,80 Mark, für Synagogenstände 5335 Mark und für Grundstücke 4011,51 Mark nachzubewilligen. Den Einnahmen der Gemeinde stehen natürlich auch große Ausgaben gegenüber. Der Referent hebt ausdrücklich, um dem weitverbreiteten Irrtum zu begegnen, daß die Berliner Gemeinde trotz ihrer hohen Einnahmen nichts leiste, folgende Zahlen hervor: für gottesdienstliche Zwecke betragen die Kosten 254 000 Mark, für das Schulwesen und die Religionsschulen 182 000 Mark, für das Armenwesen 102000 Mark, für die Waisenpflege 109 000 Mark, für das Krankenhaus 64000 Mark. Die einzige Position, welche Ueberschuß gebracht hat, ist das Friedhofswesen, »veil die Gärtnerei von der Gemeinde in eigene Regie übernommen worden ist. Die wirtschaftliche Ungunst in Handel und Gewerbe ist so groß, daß sie auch erheblich auf die Steuereinnahmen gedrückt hat und die Verwaltung zur Sparsamkeit nötigt, um so mehr, als große Ausgaben, »vie die Synagoge in der Nykestraße, die Mädchenschule in der Kaiserstrabe, das neue Krankenhaus, bevorstehen. Der Referent bittet Persönlich noch, in absehbarer Zeit die dreijährige Etatsperiode in eine kürzere umzuwandeln. Die gewünschten Nachbewilligungen werden diskussionslos ausgesprochen. 8. Berlin, 2. Februar. Sein zehnjähriges Stiftungsfest feierte hellte der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". In imposanter Zahl hatten sich die offiziellen Vertretungen gleichstrebender Vereine, die vielen Freunde, hiesige und auswärtige Mitglieder und Delegierte im großen Saale der Philharmonie eingefunden. Nach einem Orgelvorspiel und einem sehr gehaltvollen, von Herrn Gustav Levinstein verfaßten und voll Frau Johanna Meyer gesprochenen Prolog begrüßte in kurzen und herzlichen Worten der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, die Erschienenen. In zündenden Worten, denen stürmischer, längdauernder Beifall folgte, gab alsdann Justizrat Dr. Fuchs den geschichtlichen Rückblick. — Im zweiten Teile des Festes folgten die Ansprachen der Delegierten. Für die Berliner Gemeinde überbrachte Vorsteher Martin Simon die Glückwünsche, der es als erhebend bezeichnete, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht zum geringsten durch die verdienstliche Tätigkeit des Centralvereins neues Leben gewonnen, und sein Bedauern aussprach, daß der Verein nicht bereits, »vie jüngst die Antisemitenpartei, ihr 25 jähriges Jubiläum habe feiern dürfen. Als Vertreter des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" sprach Abgeordneter Dr. Barth, der es von seinem

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