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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 72 (sequence 14)
Language
German
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72 „Auch Sie, mein Herr," spottete der Wirt, „wollen vor den Juden ausriicken? Bisher war ich in dem Glauben befangen, daß die Juden vor Ihnen ausrückten." „Ich kann sie nicht ausstehen," versetzte zähneknirschend der Zollbeamte. „Auch ich," donnerte der Provisor, „hasse, verabscheue diese Jndeubrut." „Na, besonders," stimmte endlich der Wirt ein, „liebe ich sie ja auch nicht, die jeden fetten Rissen für strspdw erklären." „Nur Zwiebel und Knoblauch," sagte hierauf der Geschichtslehrer, „essen sie leidenschaftlich gerne. Nach meiner Ansicht, die ich aus dem nächstjährigen Kongreß der Altertumsforscher in Bukarest vertreten werde, haben die Juden einst in ihrem Tempel zu Jerusalem die verschiedensten Opfer dargebracht. Betrat aber der Hohepriester das Allerheiligste, so hat er Zwiebel und Knoblauch als Opfer dargebracht." „Großartig, herrlich, gut gesagt," riefen begeistert wie ein Mann der Zollbeamte, der Provisor und der Wirt. „Man merkt gleich," sagte der Wirt, „den Unterschied zwischen uns und einem gelehrten Herrn. Wir hassen die Juden aus Gewohnheit, ohne jegliche Ursache, während die Gelehrten ihren Judenhaß zu begründen verstehen." Der Provisor wollte nicht zu den Ungebildeten zählen und bemerkte daher: „Der Judenhaß ist bei mir nicht blos Gewohnheit, nicht so eine Art Herzenssache, sondern er entspringt meinem Verstand, hat eine wissenschaftliche Basis." „Das," sagte der Zollbeamte, „kann ich auch von mir behaupten." „Dann," versetzte der Eeschichtslehrer, „sind wir dvch Gesinnungsgenossen, gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Stanisla Bvgdan." Auch die anderen nannten ihre Namen, und drei Paar Küsse schwebten in der Luft und bekundeten die Freude der sich gegenseitig gefundenen Freunde. Vor freudiger Erregung merkte der Geschichtslehrer gar nicht, daß von seinem Schnurrbart große Tropfen der genossenen Suppe auf seinen Rock herunterfielen, während der Zollbeamte wie ein Kind vor Uebermut in die Hände klatschte und der Provisor dem Kellner laut zurief : „Bier her!" „Nicht Bier," schrie der Eeschichtslehrer, „sondern Wein. Aus meine Rechnung drei Flaschen Wein. Die Juden weihen ihre Sabbate und Feste mit Wein ein. Nun wollen auch wir bei Wein uns verbinden, alle Juden und Jüdinnen auszurotten." „Meine Hochachtung," sagte der Zollbeamte, „ich bin bereit." „Auch ich," rief der Provisor, „will mittun, will die Juden, ihre alten Frauen und Kinder vernichten, ausrotten, töten, nur uicht die jüdischen Mädchen. Die jüdischen Jungfrauen sind ja lauter Schönheiten; ich schlage daher vor, diese zu chonen." Der Wein wurde aufgetragen, man küßte sich wieder, und nach jedem geleerten Glase jauchzte man einander zu. Der Herr von Fressendorf, der sich im Nebenzimmer vor einem jüdi scheu Gläubiger verborgen hielt, öffnete leise die Tür und winkte den Wirt heran. „Wer sind diese Zechbrüder?" fragte er. Der Wirt nannte ihm ihre Namen und die Ursache ihres ohlicheu G.'lages. „Also Gesinnungsgenossen," meinte Herr von Fressendorf, und er ging an den Tisch heran und sprach: „Meine Herren, gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: Meill Name ist von Fressendorf," und ohne ihre Antwort abzuwarten, bestellte er für die ganze Gesellschaft Sekt. „Hoch lebe Herr von Fressendors!" rief Stanisla Bvgdan; alle stimmten in den Ruf ein und stießen mit dem Gefeierten an. „Kürzlich," sagte dieser, „war ich in der Residenz und hatte Gelegenheit, den Geheimrat G. zu sprechen." „Ist dieser nicht mit dem Minister gleichen Namens verwandt?" „Ganz recht. Es befanden sich in unserer Gesellschaft noch einige andere hochgestellte Herren, und sie alle wunderten sich darüber, daß der Antisemitismus in der Provinz bislang keine Wurzeln gefaßt habe. Ich erklärte ihnen aber, daß dies ein Irrtum ihrerseits sei: wir sind," sagte ich, „alle Antisemiten, nur sind wir nicht organisiert." „Das stimmt," sagte der Geschichtslehrer, „und ich schlage daher vor, daß wir, so gering au Zahl wir auch hier sind, uns sofort zu einem Antisemitenbunde organisieren." „Auf das Gedeihen unseres Bundes," riefen alle und leerten ihre Gläser. (Forts, folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Sprechsaal Nummer 1. teilt Herr Landrabbiner Dr. Gronemann-Hannover mit, daß auf seine Veranlassung den jüdischen Soldaten dortiger Garnison auf Wunsch gestattet wird, alle vier Wochen das Gotteshaus zu besuchen. Diese Einrichtung besteht hier auf Veranlassung des Unterzeichneten seit 1893. Aber die harmlose Klausel „sowert die dienstlichen Verhältnisse es gestatten", die weder für Protestanten noch für Katholiken besteht, macht die ganze Einrichtung jüdischer Militärgottesdienste in Preußen illusorisch. Tag und Stunde desGottesdienstes werden dem Garnisonkommaudo angezeigt, dieses läßt aber die jüdischen Soldaten nicht wie die christlichen zur Andacht kommandieren, sondern gestattet ihnen das Hingehen. So kommt einer früh, der andere spät, der eine in einem Mantel, der andere ohne diesen, der eine im Helm, der andere in einer Mütze. Und da sind es ja namentlich die Herren Einjährigen, jene Hochgebildeten, vor denen Vater und Mutter Ehrfurcht haben, die sich herabwürdigen, wenn sie einmal an Jom Kippur eine Synagoge betreten. Der Rekrut bleibt auch oft zurück, um sich das Leben nicht noch bitterer zu machen. Bald ist ein notwendiger Marsch, bald die Vorbereitung zur Vorstellung, bald diese selbst, bald Wachtdienst, kurz die wenigsten von den hier augenblicklich 25 dienenden Soldaten betreten das Gotteshaus selbst an hohen Festen, wo sie von jedem Dienst frei bleiben sollen. Wo bleibt da die Aeußerung des Herrn Kriegsministers im Reichstage, daß den jüdischen Soldaten die weitgehendsten Beurlaubungen wegen religiöser Bedürfnisse gewährt werden? Wiederum gibt es leider so viele gottlose jüdische Jünglinge im Militär, daß sie lieber freiwillig Dienst tun als beten oder eine Predigt hören. Die „dienstlichen Verhältnisse" werden soweit ausgedehnt, daß hier einmal ein jüdischer Soldat, seines Zeichens ein Bäcker, am Vorabend des Jom Kippur in der Proviantbäckerei Sauer machen und am Jom Kippur selbst backen mußte. Alle Widersprüche des armen Bäckers waren vergeblich, nur zum Anbeißen in einer jüdischen Familie wurde er beurlaubt. Ja es ist schon vorgekommen. daß das Rundschreiben des Garnisonältesten in irgend einem Bataillonsbureau einfach über die Feiertage liegen geblieben ist. Alle Beschwerden bis zum Korpskommandeur in Danzig blieben erfolglos.? 82' 3- Sturman n. Osterode, im Januar. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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