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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 71 (sequence 13)
Language
German
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71 mächtigen Zauber eines oder mehrerer von diesen weiblichen und kindlichen Gesichtern mit den großen, tief dunkeln, sanft glühenden Augensternen, den echter: Abkömmlingen jener, von welchen der weise Sänger des Hohenliedes sagt, daß sie seien wie die Teiche zu Hesbon am Tor Bathrabbim." Pharaos Erben. Bon I. L. Peretz. Aus dem Hebräischen übertragen von Albert Katz. I. n B., eitler kleinen Stadt in Rumänien, hatten sich an einem Tage drei Begebenheiten ereignet. Der Provisor in der Apotheke des Ortes, ein hübscher, schlanker junger Mann mit veilchenblauen Augen und blondem Haar, war in einem von Juden bewohnten Hause von der Treppe des ersten Stockes heruntergefallen. Ueber die Ursache dieses Falles waren die Ansichten geteilt. Einige meinten, er fiel herunter, weil die Treppe steil und die Stufen voneinander wesentlich entfernt waren, außerdem soll es in der Nacht und auf dem Flur stockfinster gewesen sein. Andere wieder waren so kühn zu behaupten, das; der junge Mann an diesem Abend stark betrunken gewesen wäre, und wieder andere munkelten, er wäre gar nicht von selbst heruntergefallen, sondern irgend ein Vater eines hübschen Judenmädchens, das in diesem Hause wohnte, hätte diesen Don Juan aus gewissen Gründen die Treppe heruntergeworfen. Die zweite Begebenheit war noch schlimmer. Der Geschichtslehrer an einer Elementarschule wollte bei einem jüdischen Kaufmann Heringe auf Kredit kaufen, und dieser war so unhöflich gewesen, ihm den Kredit zu verweigern. Auch darüber, warum der jüdische Kaufmann einem so berühmten Manne eine Mandel Heringe nicht ohne Barzahlung verabfolgen wollte, stritt man eifrig im Städtchen. Die eitlen meinten, der Kaufmann hätte es sich zum Prinzip gemacht, nur gegen bar zu verkaufen. Andere wieder wollten wissen, daß alle Kaufleute einen Ring geschlossen hätten, dem Geschichtslehrer nichts zu borgen, da er niemals an das Bezahlen seiner Schulden gedacht hätte; und wieder andere behaupteten, der Geschichtslehrer hätte seine Heringseinkäufe bei einein Manufakturisten machen wollen, und dieser konnte naturgemäß seinem Wunsche nicht Nachkommen. Die dritte Begebenheit steht den zwei ersten nicht nach. In dem Hause eines hohen Staatsbeamten ging es gar lustig einher. Schon seit einigen Tagen war dort allabendlich eine aitserlesene Gesellschaft von Männern versammelt, um bei Allbruch der Dunkelheit dem Kartenspiel zu huldigen. Einer der Mitspielenden, ein Zollbeamter, hatte aber fürchterliches Pech: er verlor unausgesetzt. Er wollte seinen Verlust wieder einholei; und setzte immer frisches Geld ein, bis er nichts mehr hatte. Er wandte sich an seine Spielgenossen mit der Bitte, ihm eine Summe Geldes zu leihen, doch diese lehnten sein Ersuchen mit der Motivierung ab, daß das Geldverleihen während des Spiels dem Verleiher nur Unglück brächte. Da verfiel er auf eine Idee: „Wohnt nicht hier im Hause irgend ein Jude?" „Jawohl," erwiderte der Herr des Hauses. „Dann laß ihn doch schnell kommen." Der Jude wurde durch einen Diener herangeholt. „Borg mir etwas Geld," redete der Zollbeamte in befehlerischem Tone den Juden an. „Gnädiger Herr," antwortete kleinlaut der Jude „wie sollt' ich Euch Geld leihen, wenn ich keins habe." „Du lügst; alle Juden haben Geld!" „Ich bin aber ein armer Melammed."') „Du sollst mir Geld leihen, sage ich!" „Aber gnädiger Herr —" „Wenn Du mir nicht sofort ein Darlehn giebst, dann —" Die nicht zu Ende ausgesprochene Drohung hatte eine entgegengesetzte Wirkung. Mit einem Mut, den der Jude selbst sich nicht zugetraut hatte, erwiderte er mit fester lauter Stimme: „Selbst wenn ich Geld hätte, würde ich Euch, gnädiger Herr, nichts leihen. Wenn Eure hier anwesenden Freunde, die mit Euch zechen und spielen, Euch nichts borgen wollen, wie sollte ich, wo ich Euch gar nicht kenne, dazu kommen?" Und bevor der Zollbeamte noch ein Wort erwidern konnte, hatte der Jude das Zimmer verlassen. Die mutige Antwort des Lehrers bildete am nächsten Tage das Stadtgespräch. Man lobte seinen Mut, und man war nicht wenig über diesen „Schlemihl" erstaunt. An diesem Tage trafen zur Mittagszeit in einen; Restaurant der Zollbeamte, der Geschichtslehrer und der Provisor zusammen. Alle drei waren mißgestimmt. Die lange spitze Nase des Geschichtslehrers berührte fast den Teller, dessen flüssiger Inhalt einen dichten Dampf verbreitete und in die Nasenlöcher des Essenden drang. Der Zollbeamte hantierte mit Messer und Gabel beim Zerschneiden des Bratens so kräftig, daß der Teller schrille Töne ausstieb, während der Provisor, der schon lange aus das Aufträgen des Essens wartete, vor Wut darüber Brotkrümel in kleine Kügelchen verwandelte und sie auf den; Tisch umherwarf. Ein Makler, selbstverständlich ein Jude, öffnete leise die Thür, durch die zuerst sein Bart, dann die Nase und dann die schwarzen, stechenden Augen sichtbar wurden, und fragte: „Ist vielleicht der Herr von Fressendorf zugegen?" „Nein," antwortete der Wirt. Der Makler zog sein Haupt zurück und schloß die Thür hinter sich. „Der Herr von Fressendorf," sagte darauf der Wirt, „ist wohl hier zugegen, aber er bat mich, ihn zu verleugne«;, er befindet sich in den; nebenan liegenden Zimmer." „Was?" rief der Lehrer mit haßerfüllte»; Blick, „ein Christ versteckt sich vor einen; Juden?" „Nicht der Christ vor dem Inden", antwortete lachend der Wirt, „sondern der Schuldner versteckt sich vor demjGlüubiger." „Das ist mir ganz egal," sagt der Lehrer, „ich erkläre Ihnen, sollte von heute ab ein Jude sich noch einmal hier zeige«;, so werde ich Ihr Lokal meiden!" „Auch ich," sekundierte der Zollbeamte; man ist ja nirgends vor ihnen sicher." h Jüdischer Lehrer.

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