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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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70 Me Juden in Marokko. Von M. Friedeberg. I. WM ller Augen sind heute auf jenes Land gerichtet, in dein ein erbitterter Kampf zwischen Sultan und Prätenow denten tobt. Da neigt sich unser Interesse unwillkürlich auch den unglücklichen Glaubensbrüdern zu, die in diesem Kampf sicher nur zu verlieren haben, gleichviel wer sonst gewinnt. Von den Reisenden, die Marokko schilderten, hat Gerhard Rohlfs schon vor Jahren über die Lage der Juden in diesem Lande ausführlich berichtet. Er erzählt u. a., das; ihm, als er in den sechziger Jahren dort zum Schein zum Mohammedauismus übertrat, um seine wissenschaftlichen Forschungen im Innern des Landes anstellen zu können, selbst auf den Straßen von Fez sehr oft Pöbelrotten gegenübertraten, die ihn aufforderten „zu bezeugen". Er mußte dann ein kurzes mohammedanisches Glaubensbekenntnis (Allah ist Allah rc.) aussagen. Hieraus und auch aus seinen Mitteilungen und aus denen neuerer Reisenden geht hervor, daß der religiöse Fanatismus in Marokko gleicherweise unter der Asche gegen Juden wie Christen lodert. — vielleicht sogar gegen letztere noch mehr als gegen die Juden, die sich, wie wir sehen werden, unentbehrlich in vielen Beziehungen gemacht haben und sogar zu Rohlfs Zeiten schon im Heere des Sultans, durch besondere Abzeichen kenntlich, dienten. — Der religiöse Fanatismus gegen alle Nicht-Mohammedaner zeigt sich in vielen Aeußerlichkeiten. Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem Juden oder Christen, so wird vorher „Verzeihung" gebeten, „Haschak", weil diese für unrein gelten. Dagegen ist das schon zu Rohlfs Zeiten, also vor 40 Jahren, eine in Abnahme kommende leere Formel gewesen. Doch ist die offizielle marokkanische Religion lange nicht so intolerant, als es nach dem gelegentlichen ^Auftreten des Pöbels erscheint, der dort von fanatischen Priestern auch jetzt wieder aufgehetzt wird. Nach der Meinung der Marokkaner gibt es 104 heilige Schriften, von denen auf Adam 10, Seth 50, Enoch 30, auf Abraham 10, aus Moses 1, auf David 1, auf Jesus 1 und auf Mohammed 1 kommen. Allerdings sind bis auf die vier letzten Schriften alle anderen verloren gegangen. Die .Circumcision wird (nach Rohlfs) an den marokkanischen Bekennern des Islams erst im siebenten oder achten Lebensjahr vorgenommen. Wenn auch aus ihrem Kultus von vielen, rein mechanischen zeremoniellen Bewegungen berichtet wird, so teilt.doch Rohlfs andererseits auch wirkliche Gebete mit, so zum Beispiel folgende Stelle: „Das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die Fasten führen uns vor die Tore seines Palastes und das Almosen schafft uns Einlaß." Der Segen, den der Scherif erteilt, wird, die Hand nach oben offen haltend, gegeben. Verhältnismäßige Toleranz herrscht in der marokkanischen „Hölle". Sie hat sieben Stockwerke, in denen auch ein Aufenthalt für die Christen, für die Juden, für Sabäer, Ungläubige überhaupt vorhanden ist. Sehr hübsch finde ich es, daß in das unterste Stockwerk alle Heuchler kommen. Ludwig Pietsch, der die deutsche Gesandtschaftsreise nach Fez im Frühjahr 1877 offiziell begleitete, spricht über die soziale Stellung der Juden in Marokko, entsprechend seinen scheinbar flüchtigen Reiseeindrücken, an verschiedenen Stellen seines Buches auch verschieden, aber meist mit großer Sympathie für die Unterdrückten. Die Juden werden „jluicki" genannt. „Sie habe» das Elend des auserwählten Volkes hier in seine ganzen Bitterkeit zu erdulden. Nicht nur daß ihre Wohnungen in die „Mellha" eingepfercht sind, daß sie gedrückt, gequält nnd, sobald die Gewalthaber den Schwamm gehörig vollgesogen glauben, willkürlich ansgepretzt werden, — auch die Pein kleinlichster Demütigungen müssen sie täglich und stündlich über sich ergehen lassen. Außerhalb der Mellha dars kein Jude anders als mit nackten Füßen erscheinen. Scheu und gebückt schleichen sie durch die Gassen der Maurenstadt, angstvoll jedes Zeichen, den Schein des stolzen Bewußtseins verbergend, daß sie trotz alledem auch hier die besten Geschäfte machen, ja für viele gerade der wichtigsten Lebensgebiete ihren Bedrängern unentbehrlich sind." Ferner schildert Pietsch das Elend und den Jammer des von ihm besuchte» Ghetto, das sie aber doch nicht hindert, „darin die gesuchtesten, die kostbarsten Waren zu handeln, zu arbeiten und zu rechnen, fruchtbar zu sein, in ihren Schulen Gott anzubeten, zu verkündigen und zu preisen und mit ihren Frauen und Kindern eines Familienglücks zu genießen, wie es ihre Peiniger und Bedrücker nicht kennen und niemals gekannt haben." Im Jahre 1864 bereits war Moses Montefiore in Marokko, um beim Sultan eine Verbesserung der Lage für seine unglücklichen Glaubensgenossen herbeizuführen. Leider ist die Macht des Sultans, wie auch die jüngsten Ereignisse gezeigt haben, eine begrenzte. Doch wohnten schon, als Rohlfs in Marokko reiste, in den sechziger Jahren, in Mogador und Tanger Juden außerhalb deS Ghettos, in der Kasbah, wo der Gouverneur und die Konsuln wohnten. Rohlfs fand schon zu seiner Zeit in der Seestadt Arseila einen marokkanischen Juden als englischen Konsul. Nur in einigen Städte», in denen die Bevölkerung sich ans den aus Spanien vertriebenen Mohammedanern bildete, so z. B. in Sla, durften weder Juden noch Christen wohnen, da gegen diese der glühendste Haß herrscht. Rohlfs schildert Handel und Wandel, Industrie und Handwerk im Ghetto von Fez als sehr rege. Vorzugsweise sieht man Gold- und Silberarbeiten in den Händen der Juden, Nadeln, Fingerringe, Arm- und Fußbünder werden fast ausschließlich von den Juden hergestellt. Ebenso ist die Secca, d. h. Münze, nur von den Inden bedient. Es ist dies ein ziemlich ansehnliches Gebäude, welches ein Teil des Palastes des Sultans ist und unmittelbar an die Mellha anstößt. . . „In Fez kann man Schnaps und Wein bekommen, elfterer wird von den Juden destilliert aus Feigen, Rosinen oder Datteln; Wein, der eigentlich wie alle Spirituosen streng verboten ist, wird in der Lesezeit von Juden sowohl wie von Mohammedanern bereitet." Noch einen Vereinigungspunkt für die sonst so Entfremdeten erwähnt Rohlfs. Es ist das aber ein sehr trauriger Anlaß, nämlich die großen Epidemien. Wenn eine solche Seuche auftritt, bittet der dünkelhaste Mohammedaner demütig den Rabbiner, „in den Medresien der Juden öffentliche Gebete zum Aufhören der Krankheit zu veranlassen, und gemeinsam durchziehen dann Mohammedaner und Juden die Straßen." Nach dem Aufhören der Seuche tritt natürlich wieder ein Rückschlag ein. So sah L. Pietsch noch 1877 in der Mellha von Fez die lächerlichsten Vorschriften in kraft: „Die Juden dürfen nicht wie in Tanger die Haare rundgeschnitten in die Stirn gekämmt tragen, sondern müssen den oberen Vorderkopf rasieren und zu beiden Seiten lächerliche „Peies" niederhüngen lassen. Außerhalb der Mellha darf kein Jude anders als mit nackten Füßen erscheinen." In der Mellha selbst war der Berliner Schriftsteller froh, daß den Jüdinnen kein Gesetz gebietet, ihr Antlitz zu verhüllen, und während er selbst vom Hofe des Sultans von den Frauen wenig Rühmliches berichtet. Preist er wiederholt begeistert die Schönheit der marokkanischen Jüdinnen. „Vor jeder Tür hielten wir an, wie gebannt durch den

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