Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-02-06 · Heft 6 (6.2.1903) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228534--59470-3295986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6!) gedenk, da wir in unserem täglichen Gebete die Psalmworte wiederholen: „Huldiget dem Ewigen, rufet seinen Namen an, machet unter den Völkern seine Taten kund! Verkündet von Tag zn Tag die frohe Botschaft seines Heils! Erzählet unter den Völkern von seiner Herrlichkeit, unter allen Nationen von seinen Wundern!" Es müssen demnach sehr gewichtige Gründe vorliegen, die uns an der Entfaltung einer Mifsionstätigkeit nach Art derjenigen anderer Bekenntnisse hindern. Und so ist es in der That. Bekanntlich stellt das Judentum die Gerechtigkeit der Menschenliebe voran. Gerechtigkeit, die Hochachtung vor der Majestät des Rechts, ist, wie Kant sagt, unbedingte, schlechthin gebietende Pflicht, während Menschenliebe bedingte Pflicht ist. Denn wir müssen nns erst dessen bewußt sein, daß wir die Pflichten der Gerechtigkeit in vollstem Maße erfüllt haben, ehe wir uns dem Gefühl der Menschenliebe überlassen und zur Betätigung derselben schreiten. Wer die Gerechtigkeit außer acht läßt, kommt leicht iu Gefahr, die Mitmenschen „ans Liebe zu quälen", dessen menschenfreundliche Taten lassen in dem, welchem sie erwiesen werden, ein kränkendes und beschämendes, mindestens ein unbehagliches Gefühl zurück. Darum macht Hillel den Heiden, der in der kürzesten Frist das Judentum kennen lernen will, nicht mit der höchsten der gegen die Mitmenschen zu erfüllenden Pflichten, dem Thoragebot der Nächstenliebe, bekannt, sondern mit der einfachsten sittlichen Forderung: „Hüte Dich vor Unrecht! Was Dir als häßlich erscheint, was Du als unsittlich, als ein Unrecht empfindest, das füge Deinem Nächsten nicht zu!" Sicherlich hat Hillel das Wort nicht selbst geprägt; er gibt es nicht in der heiligen und Gelehrtensprache seiner Zeit, sondern in der damaligen aramäischen Volks- und Umgangssprache. Es war wie ein Sprichwort im Volke verbreitet und wurde, wie Philo bezeugt, als mündlich überliefertes Religiousgesetz gelehrt. Ergibt es sich doch als ein allgemeines, zusammenfassendes sittliches Gebot aus verschiedenen Stellen der Thora, aus all den Bestimmungen, die uns dem Leben, der Ehre, dem Frieden und dem Vermögen der Mitmenschen Abbruch zu tun verbieten, ohne weiteres aber aus dem bekannten Gesetze: „Ihr sollt den Fremdling nicht bedrücken, auch nicht durch Worte kränken, denn ihr wißt ja, wie dem Fremdling zu Mute ist, denn ihr seid ja selbst Fremdlinge in Aeghpten gewesen". Der hillelitische Satz ist übrigens so selbstverständlich, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn wir ihm auch bei heidnischen Moralisten und Religionsstiftern, wie bei den Stoikern und Cvnfucius begegnen. Ist nun etwa eine Missionstätigkeit ohne Verletzung dieses einfachen moralischen Grundsatzes denkbar? Wenn wir auf Seelenfang ausgingen, so müßten wir doch die Andersgläubigen, bevor wir ihnen die Vorzüge unserer eigenen Religion au- Preisen, in ihren heiligsten und teuersten Empfindungen verletzen. Wir müßten zu ihnen sprechen: Seht, die Religion, die ihr bekennt, taugt nichts, ist eitel Lug und Trug, und die euch in derselben erzogen und unterwiesen haben, denen ihr in kindlicher Liebe und Verehrung zugetan seid — sie haben euch getäuscht und betrogen! Welchen Schmerz würden ihnen solche Worte, solche Verhöhnung ihres Bekenntnisses, solche Herabwürdigung und Verunglimpfung ihrer Eltern und Erzieher bereiten! Kann es einem sittlich normalen Menschen zweifelhaft sein, daß es eine Roheit ist, Menschen zu kränken, ihren Herzensfrieden zu stören, heilige Familienbmide aufzulösen, Eltern und Kinder zu entzweien? Und sind das nicht die gewöhnlichen Begleiterscheinungen der Seelenfängerei? Darum also verdammen wir jede Mifsionstätigkeit, weil sie ihre Erfolge auf unsittlichem Wege zn erreichen sucht; weil wir wissen, welches Unheil sie anstiftet, da wir selbst so vielfältig darunter gelitten haben; weil wir wissen, wie denen zu Mute ist, die von Missionaren und Missivnsschriften belästigt 'werden. Es bleibt uns noch übrig, den Umstand zu erklären, daß wir diejenigen, die ohne unser Hinzutun sich uns anschließen wollen, nicht sogleich mit offenen Armen aufnehmen. Auch diese Zurückhaltung ist im Wesen des Judentums begründet. Denn dieses lehrt, daß alle guten Menschen unter den Völkern der Erde, alle, welche dem uns angeborenen, von dem Allheiligen nns eingepflanzten Sittlichkeitsgefühle folgen, einen moralischen Lebenswandel führen, und Menschenliebe und Gerechtigkeit üben, Anteil haben an der zukünftigen Glückseligkeit. Es bedarf also ihrerseits keines förmlichen Uebertritts zum Judentum, um gerecht vor Gott daznstehen und seiner väterlichen Huld teilhaftig zu werden; auch außerhalb des Judentums können sie ihre Seligkeit begründen. Das Geschlecht der Sündflnt, lehrt die heilige Schrift, ging zu Grunde, nicht wegen Abgötterei, sondern weil es sittlich entartet, ungerecht, gewalttätig war. Auch den Bewohnern von Sedöm und Amora wird nicht Götzendienst, sondern Fremdenhaß, Verletzung der sozialen Pflichten und sittliche Entartung zum Vorwurf gemacht. Nur Israel wird verantwortlich gemacht für seinen Abfall von dem Einig-Einzigen. „Nur euch habe ich erkannt von aller Geschlechtern der Erde, darum ahnde ich an euch alle eure Sünden." Im zweiten Bundesworte, das jede Art von Götzendienst verbietet, beziehen sich die Worte: „Der die Schuld der Väter ahndet an Kindern, am dritten und vierten Geschlecht, wenn sie mich hassen," unr ans abtrünnige Israeliten. „Die Schuld" ist natürlich die Sünde, von der hier die Rede ist, die Sünde des Götzendienstes, das Dienen fremden Göttern, das Verehren Gottes unter irgend einer Gestalt. „Die Gott hassen" sind Israeliten, die Gott kennen und trotzdem anderen Göttern dienen. Heiden hassen Gott nicht, denn sie kennen ihn nicht. Nach 5. Mose 24, 16, Ezech. 18, 20 büßen weder Eltern für die Sünden der Kinder, noch Kinder für die Sünden der Eltern, ebensowenig für die Sünde des Abfalls. Nur in dein Falle, sagt das Sinaiwort, haben Kinder, Enkel und Urenkel die göttliche Strafe zu gewärtigen, wenn und solange sie Gott hassen; solange sie ihn kennen und es wissen, daß sie als Israeliten berufen und verpflichtet sind, dem Einig-Einzigen zu diene«, und es nicht tun. Das fünfte Geschlecht, in dem schon jede Spur der Erinnerung an seine israelitische Abstammung verblaßt ist, ist nicht mehr strafwürdig, denn es kennt nicht mehr den Einig-Einzigen und kann ihn nicht hassen. Die Pflicht seines Priesterbernfes aber, die Pflicht der Verbreitung der Gotteserkenntnis hat Israel trotzdem, auch ohne direkte Bekehrnngstätigkeit, vollinhaltlich erfüllt. Durch Gottes weise Fügung ist es über die Erde zerstreut, und überall entfaltet es sein heiliges Banner, die Thora, und verkündet, seinem Berufe getreu, die Lehre von dem Einig-Einzigen. Durch sein bloßes Dasein wirkt es weltbelehrend und ist ein lebendiger Protest gegen Unglauben und Aberglaube», gegen Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit, gegen Lüge und Bosheit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.