Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 68 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Und nun kommt ein christlicher Theologe und belehrt uns eines anderen, behauptet, daß unsere Weisen, die uns diese Zurückhaltung zur Pflicht gemacht haben, propagandistische Zwecke im Auge hatten! Wie kommt er zu dieser Behauptung, für die er keine Beweise bringt, zu bringen nicht für nötig findet? Nun, das erklärt zur Genüge der bekannte Ausspruch unserer Weisen: „Wer einen anderen eines Fehlers bezichtigt, hat wohl selbst diesen Fehler." Man weiß, welches Ansinnen einst Johann Kaspar Lavater an Moses Mendelssohn stellte. In seiner ruhigen Antwort aus Lavaters kecke Herausforderung sagt Mendelssohn: „Ich habe das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben. Wir lieben uns ausrichtig, ob wir gleich vermuten und voraussetzen, daß wir in Glaubenssachen ganz verschiedener Meinungen sind. Ich genieße die Wollust Ihres Umganges, der mich bessert und ergötzt. Niemals hat mir mein Herz heimlich zugerufen: Schade für die schöne Seele! Wer da glaubt, daß außerhalb seiner Kirche keine Seligkeit zu finden sei, dem müssen dergleichen Seufzer gar oft in der Brust aufsteigen." Auf dieses Schreiben hin bittet Lavater wegen seiner „übereilten Aufforderung" demütig um Verzeihung, kann aber nicht umhin, wiederum hinzusügen: „Lassen Sie es mich zur Ehre der Wahrheit heraussagen: ich finde in Ihrem Schreiben Gesinnungen, die ich mehr als verehre, die mir Tränen aus den Augen gelockt haben; Gesinnungen, die mir aufs neue — verzeihen Sie mir meine Schwachheit — den Wunsch abnötigten: Wollte Gott, daß Sie ein Christ wären!" Wer von beiden Männern hat also Missionstrieb, der Christ oder der Jude? Es ist bekannt, daß Luther in seinen ersten Schriften, in der Erklärung des 22. Psalms und in der Schrift: „Daß Jesus ein geborener Jude gewesen" sich warm der Juden angenommen hat. Aber verbindet er nicht mit seiner Judenfreundlichkeit propagandistische Zwecke? „Wer" (von den Juden), ruft er aus, „wird zu unserer Religion übertreten, und wäre er auch der allersanftmütigste und geduldigste Mensch, ivenn er sieht, daß sie so grausam und feindselig. . . von uns traktiert werden?" Er gibt den Rat. fein säuberlich mit den Juden umzugehen. „Denn," meint er, „da man sie verfolgt und bedrückt, mit allerhand Lügen umgeht und sie beschuldigt, sie müßten Christenblut haben und was des NarrenkramS mehr ist; da man ihnen verbietet zu arbeiten und jeden Nahrungserwerb abschneidet, womit man sie zu wuchern treibt: wie sollen sie da zu uns kommen?" Nicht Gerechtigkeitssinn, nicht die Anerkennung der natürlichen Menschenrechte, nicht die Erkenntnis, daß die Juden auch Menschen sind, daß sie auch das Recht haben zu leben, ein menschenwürdiges Dasein zu führen, eine Heimat aus Erden zu besitzen, sondern einzig und allein Bekehrungssucht, die Hoffnung, durch liebreiche Behandlung die Juden für das Christentum zu gewinnen, bestimmt sein Verhalten den Juden gegenüber. Denn da er sich in seinen Erwartungen getäuscht sah, da seine Hoffnung nicht in Erfüllung ging, änderte er seine Gesinnungen und verfolgte die Juden zuletzt mit grimmigem Haß. Bis in die neueste Zeit können wir die Wahrnehmung machen, daß man von dem einen Extrem in das andere fiel: bald sollte die Liebe, bald der Haß die Bekehrung der Juden herbeiführen. Es verrät gründliche Geschichts- und Menschenkenntnis, wenn Shakespeare den Shylock nicht nur zum Verlust seines Vermögens, sondern noch zur Annahme des Christentums verurteilen läßt. Das Judentum aber weiß sich frei von jeder Bekehrungssucht, und Johann Hyrkaus Benehmen den Jdnmäern gegenüber — das sich später bitter rächte — steht einzig da in der Geschichte des Judentums und ist niemals von unseren Weisen und maßgebenden Autoritäten gutgeheißen worden. Die von unseren Weisen empfohlene Zurückhaltung und Vorsicht bei der Aufnahme von Proselyten, die anscheinend aus freiem Antrieb sich uns anschließen wollen, wird gewöhnlich damit begründet, daß wir in dieser Hinsicht schlimme Erfahrungen gemacht haben,') daß wir in glücklichen Zeiten befürchten müssen, daß sie um irdischer Vorteile willen den Uebertritt wünschen, und in Zeiten der Verfolgung, daß sie nicht die Kraft der Entsagung und Selbstüberwindung haben würden, die Dornenwege zu gehen, die Gott Israel ost wandeln läßt, uni cs seinem Priesterberufe zu erhalten, seinem Berufe als Lehrer und Bewahrer der lauteren Gotteserkenntnis, der Lehre der Wahrheit und Heiligkeit. Aber daß wir gar keinen Missivnstrieb in uns verspüren, daß wir keine Schritte tun, um die Heiden zum Heile und zur Wahrheit, zur Erkenntnis und Anbetung des Einig-Einzigen zu führen — das ist doch, wie schon bemerkt, eine auffallende Tatsache, die der Erklärung bedarf. Diese Tatsache ist um so auffallender, als es ja niemals in Israel au Gottesbegeisterung gefehlt hat, als es ja immer die Pflicht der allgemeinen Menschenliebe anerkannt und erfüllt hat.-) Durch ein fast zweitausendjähriges Martyrium hat Israel bewiesen, wie sehr ihm sein Bekenntnis am Herzen liegt, und wie es imstande ist, für sein köstliches Besitztum, die Gotteslehre, Gut und Blut mit Freuden hinzuopferu. Und dieses Besitztum, das uns so sehr beseligt, sollten wir ängstlich und engherzig nur für uns behalten, sollten wir nicht neidlos und liebreich mit unseren Mitmenschen teilen, damit auch sie zum Heile und zur Gottseligkeit gelangen! Die Unterlassung jeder BekehrungStätigkeit scheint sogar eine Pflichtversäumnis zu sein. Unzweifelhaft ist es, daß der Allgütige durch die Kundgebung seines heiligen Willens nicht nur unser Heil, sondern auch das seiner übrigen Kinder fördern wollte. Wenn Gott zu Israel spricht: „Mein ist die ganze Erde, und ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein," so wollen diese Worte nur besagen: Mein ist die ganze Erde, und alle Menschen sind meine Kinder, die ich mit gleicher Liebe umfasse, und weil ich sie alle liebe, darum sollt ihr ein Priesterreich sein, darum sollt ihr — gleich wie ein Priester in seinem Volke — als Priestervolk unter den Völkern der Erde die Kenntnis meines Namens und meines heiligen Willens verbreiten! Und dieser Pflicht der Verbreitung der Gotteserkenntnis sind wir auch einy Ausspruch des R. Chelbo, Iebamoth 471» und Maimonides Erläuterung H. Issure-bia 13, 18. '-) Die Pflicht der allgemeinen Menschenliebe folgt unzweifelhaft und unwiderleglich nicht bloß aus dem Satze: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" 3. B. M. 19, 2, sonder» auch aus der Lehre von der Ebenbildlichkeit des Mensche» mit Gott, ans dem auch von der heutigen Anthropologie anerkannten Prinzip der Einheit des Menschengeschlechts, die in der Thora in der Abstammung aller Menschen von einem Menschenpaare zum Ausdruck kommt, aus der Lebensgeschichte Abrahams, ans 5. M. 23, 16. 17 u. a.. vor allem aber aus dem Grundprinzip der Ethik 3. M. 19, 2: „Ihr sollt heilig sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott," d. h. dem Allheiligen, dem Urbild der Heiligkeit und Sittlichkeit in seiner höchsten Vollkommenheit sollt ihr nacheisern, oder biblisch gesprochen, „ihm nachwandeln, in seinen Wegen gehen".